{"id":4211,"date":"2000-01-22T16:44:03","date_gmt":"2000-01-22T15:44:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4211"},"modified":"2024-02-02T17:12:28","modified_gmt":"2024-02-02T16:12:28","slug":"bildschirme-fressen-menschen-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/01\/22\/bildschirme-fressen-menschen-auf\/","title":{"rendered":"Bildschirme fressen Menschen auf"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/leserbriefe-2000#olivia\">Olivias Mail<\/a> hat mir sehr gefallen, bringt sie doch das Problem auf den Punkt: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ganz \u00fcbel wird es, wenn man sich bewu\u00dft entschlie\u00dft, mal einen Abend freizunehmen, frei von der Arbeit und frei vom Computer und dann nicht wei\u00df, was man eigentlich machen soll, weil alles, was einen reizen w\u00fcrde, nicht ohne den Computer geht.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht wird es ja wieder anders, wenn das Equipment mal voll mobil geworden ist, wenn wir die Computer als Kleider und am Handgelenk tragen und unsere Umwelt voll von Interfaces steckt, in die wir nur rufen oder fl\u00fcstern m\u00fcssen, wenn wir etwas tun wollen. Dennoch wird das Leben auf diese Weise sicher nicht mehr die Intensit\u00e4t haben, die wir schon jetzt vermissen, weil letztlich alle noch so spannenden Aktivit\u00e4ten k\u00f6rperlich gesehen nur als Herumschieben von Zeichen stattfinden.<!--more--><\/p>\n<p>Gestern hab&#8216; ich einen Teil des Abends mit Kindern verbracht, Karten gespielt, Ratespiele veranstaltet &#8211; es war wunderbar, lustig und liebevoll. Doch werden diese Kinder gerade mit aller Macht auf die Welt der Rationalit\u00e4t vorbereitet: WENN du im Diktat nicht mehr als f\u00fcnf Fehler hast, DANN kannst du noch spielen gehen&#8230;. Ist ja verst\u00e4ndlich, anders kann es nicht laufen, schlie\u00dflich m\u00fcssen sie lernen, sich in dieser Welt durchzusetzen, umgeben von logischen Systemen, die keine Gnade kennen.<\/p>\n<p><strong>Was ist Aufkl\u00e4rung? <\/strong>Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit, sagte Kant. Wobei das &#8222;selbstverschuldet&#8220; bedeutet, den EIGENEN VERSTAND nicht zu gebrauchen, obwohl man es doch k\u00f6nnte. Das war zu einer Zeit, als man gro\u00dfe Erwartungen an die Vernunft hegte, letzlich die Befreiung von der Tiernatur des Menschen. Zu einem Denken kommen, das unabh\u00e4ngig ist vom Triebleben des K\u00f6rpers, von den schwankenden Emotionen und Gef\u00fchlen &#8211; so beschreibt mein Lebensgef\u00e4hrte das Ziel der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Und es wurde erreicht &#8211; allerdings nicht durch eine \u00dcberwindung der Tiernatur, sondern durch deren Marginalisierung: Mehr und mehr schieben sich sch\u00fctzende Interfaces zwischen die Menschen und zwischen uns und die Welt. Ein Formular kennt nur &#8222;ausgef\u00fcllt&#8220; und &#8222;nicht ausgef\u00fcllt&#8220;, jeweils mit fest vorgegebenen Folgen, ohne Blick auf die Person und die Umst\u00e4nde. Programme rationalisieren die m\u00fchseligen Prozesse der Verst\u00e4ndigung, E-Mail bringt uns viele Kontakte, allerdings mit gebremstem Schaum: Ich lese nur einen Text, den du geschrieben hast &#8211; und wer es schafft, pr\u00e4gnante Texte zu schreiben, kommt gut durch: &#8222;Nobody knows, that you are a dog&#8220;, hei\u00dft es richtig und das Befreiungspotential dieser Verborgenheit ist gewaltig. Jedoch: ein Hund bleibt ein Hund, als Vorstandsvorsitzender wird er einfach nicht gl\u00fccklich werden!<\/p>\n<p>Einen Ausblick auf die nahe Zukunft gibt der Text <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/digital-home-fortschreibtext-aus-der-liste-netzliteratur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Digital Home<\/a>, der in der Liste Netzliteratur als spontaner Mitschreibtext entstanden ist. Die Rationalit\u00e4t der Ger\u00e4te zu Ende gedacht &#8211; zum B\u00f6sen, versteht sich.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Olivias Mail hat mir sehr gefallen, bringt sie doch das Problem auf den Punkt: &#8222;Ganz \u00fcbel wird es, wenn man sich bewu\u00dft entschlie\u00dft, mal einen Abend freizunehmen, frei von der Arbeit und frei vom Computer und dann nicht wei\u00df, was man eigentlich machen soll, weil alles, was einen reizen w\u00fcrde, nicht ohne den Computer geht.&#8220; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,7,231],"tags":[1074,1077,1075,1076],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4211"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4211"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4211\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4211"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4211"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4211"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}