{"id":4210,"date":"2000-01-21T16:40:48","date_gmt":"2000-01-21T15:40:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4210"},"modified":"2024-02-02T16:43:50","modified_gmt":"2024-02-02T15:43:50","slug":"zuwenig-licht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/01\/21\/zuwenig-licht\/","title":{"rendered":"Zuwenig Licht"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich morgens &#8211; oft VOR dem Lesen irgendwelcher E-Mails &#8211; meinen Web-Editor starte, fahre ich mit der Maus im Startmen\u00fc auf &#8222;HomeSite 4.0&#8220;, wodurch drei M\u00f6glichkeiten &#8222;aufklappen&#8220;. Die erste hei\u00dft &#8222;HomeSite 4.0 deinstallieren&#8220;, erst die zweite ist der Programmaufruf. Seltsam, nicht? Mir kommt das wie eine kleine Aufforderung vor: La\u00df es lieber! Mach Schlu\u00df mit dem Ganzen&#8230;.<!--more--><\/p>\n<p>Klar, wenn ich vor Tatendurst strotze, gehe ich dar\u00fcber hinweg, doch derzeit versinke ich immer wieder in Motivationsproblemen. Liegt es am Januar? Der Lichtmangel? Oder bin ich ernsthaft des Webbens m\u00fcde? Ich w\u00fc\u00dfte nicht, was ich statt dessen tun sollte und es ist doch, mit allem, was damit zusammen h\u00e4ngt, eine sehr abwechslungsreiche T\u00e4tigkeit! Schlie\u00dflich bin ich kein Code-Sklave, der nur Projekte und Vorgaben anderer Leute umsetzt und ich betreibe auch immer wieder eigene Projekte, nutze die Freir\u00e4ume des Netzes.<\/p>\n<p>Mein Leben lang war ich \u00fcberzeugt, Arbeit m\u00fcsse Spa\u00df machen &#8211; nicht nur der Erfolg, sondern die Arbeit selbst. Und nie nie nie mu\u00dfte ich diesen Grundsatz aufgeben! Daf\u00fcr nahm ich Zeiten der Arbeitslosigkeit in Kauf oder arbeitete in Bereichen, die andere Selbstausbeutung oder &#8222;prek\u00e4re Jobs&#8220; nennen. Selbst einen guten &#8222;Arbeitsplatz&#8220; (BAT 2!) verlassen, weil er keine M\u00f6glichkeiten mehr bot, meinen Interessen zu folgen: kein Problem! Auf diese Weise war ich immer sehr flexibel, lernbereit, h\u00e4ufte Kenntnisse \u00fcber die Welt und was sie nachfragt, an. Ich bin f\u00fcr meine Arbeit- und Auftraggeber immer schon ein Teil der L\u00f6sung ihrer Probleme und niemals eine Last.<\/p>\n<p>Und wie hat mir das gefallen, mittels des Netzes auf diese Weise selbst\u00e4ndig zu werden! Meine ganz pers\u00f6nliche Kompromi\u00dflosigkeit (Spa\u00df MUSS sein) zahlt sich seit l\u00e4ngerem aus. Schlie\u00dflich ist das Web ein derart schnell wachsendes Medium, da\u00df jedes Festh\u00e4ngen am einmal Geglaubten eher st\u00f6rt. Webprojekte sind schnell erstellt, verglichen mit dem Aufwand, in der physischen Welt etwas aufzubauen &#8211; und schon kann man sich dem n\u00e4chsten zuwenden! Langeweile d\u00fcrfte da nicht aufkommen.<\/p>\n<p>Nein, das ist es nicht. Wenn ich mal drin bin in einer Arbeit, bin ich keineswegs gelangweilt. Doch der Umstieg, das Switchen zwischen verschiedenen Projekten macht mir M\u00fche. Und wenn wenig Druck ist, nimmt das Formen an, die ich nur noch &#8222;Winterdepression&#8220; nennen kann. Dann f\u00fchle ich mich fast k\u00f6rperverletzt von der Vielfalt der Dinge, die auf mich einstr\u00f6men. Die vielen Mails, die ich beantworten mu\u00df oder will, die st\u00e4ndigen organisatorischen Kleinigkeiten, der ewige Kleinkrieg mit der Technik, mit dem Papierkram &#8211; all das st\u00f6\u00dft mich ab und ich sp\u00fcre Fluchttendenzen. Es gibt Tage, da lese ich lieber einen Roman anstatt zu arbeiten, tausche meine allzu kompliziert wirkende Welt gegen die simplen Abl\u00e4ufe eines spannenden Thrillers und liege den Gro\u00dfteil des Tages auf der Couch: Regression!<\/p>\n<p>Manchmal denke ich: wenn ich etwas h\u00e4tte, F\u00dcR das ich viel Geld brauche, dann h\u00e4tte ich eine dauerhafte Motivation. Das k\u00f6nnte ein kostenintensives Real-Life-Projekt sein, oder aber eine T\u00e4tigkeit, f\u00fcr die alles andere in den Hintergrund r\u00fcckt, bzw. einzig Mittel zum Zweck ist. Manchmal beneide ich z.B. Autoren, die gute Geschichten schreiben. Geschichten, die man weiterlesen mu\u00df, B\u00fccher, von denen man nicht loskommt. Das mu\u00df nicht literarisch-hochstehend sein, bewahre! Ich finde es gro\u00dfartig, etwas zu schaffen, was die Leute unterh\u00e4lt und zudem die M\u00f6glichkeit bietet, viel von sich selbst einzubringen &#8211; versteckt in den Figuren und Handlungen. Das sch\u00f6nste daran &#8211; so stell&#8216; ich es mir wenigstens vor &#8211; ist die Gelegenheit, in EINER SACHE v\u00f6llig aufzugehen und sich nicht in 1000 Dingen zu verlieren.<\/p>\n<p>Wenn ich sehe, in was f\u00fcr selbst geschaffenen Gef\u00e4ngnissen andere leben, sag ich mir immer wieder: Claudia, du hast es doch super-gut! Zum Beispiel der Programmierer meines Mailprogramms: seit vielen Jahren arbeitet er daran, hat gro\u00dfen Erfolg und zigtausend Kunden. Alle Jahre kommt ein Update mit neuen Features, die ich alle nicht brauche, aber egal, darum geht es hier nicht. Sondern: Er kann nicht aufh\u00f6ren, nicht pl\u00f6tzlich sein Programm auf den M\u00fcllhaufen der pers\u00f6nlichen Geschichte werfen und etwas ganz Neues anfangen. Allenfalls der Verkauf w\u00e4re drin, aber welcher Programmierer schreibt schon einen Code, den andere wirklich durchblicken?<\/p>\n<p>Oder die Leute, die eine Firma aufbauen, VC-Kapital, etc. Wenn es ihnen nicht gelingt, binnen zwei drei Jahren an der B\u00f6rse abzukassieren, sehen sie alt aus. Da gibt es keine M\u00f6glichkeit, aus dem Hauen &amp; Stechen mitten drin auszusteigen.<\/p>\n<p><strong>Was ist nur mit mir los?<\/strong> Wie ich es auch betrachte, ich kann mir keine Ver\u00e4nderung vorstellen, die grunds\u00e4tzlich ein f\u00fcr alle mal meine &#8222;Motivationsprobleme&#8220; beseitigt. Habe ich Vielfalt und Abwechslung, sehne ich mich nach Einfachheit und Konzentration. Stecke ich in EINER Sache allzu fest, f\u00fchle ich mich gefangen und will wieder weg. Etwas Neues beginnen und zum Erfolg f\u00fchren &#8211; ach, das kenn ich doch schon&#8230;.<\/p>\n<p>Wenn ich soweit bin in meinen Betrachtungen, sehe ich ein: auf dieser Ebene ist kein Weiterkommen! Was ich suche, ist offenbar durch Ver\u00e4nderungen der Arbeit nicht zu erringen. Ich suche das, was ich auf dem Bahnhof Zoo (letzter Diary-Eintrag) in Berlin ganz kurz sp\u00fcren konnte: Das &#8222;eigentliche Leben&#8220;, ein st\u00e4ndiges Gewahrsein der Wahrheit unserer seltsamen Existenz. Etwas, das normalerweise nur im Schock, in der Todesangst oder durch einen gro\u00dfen Verlust ans Bewu\u00dftsein tritt. Es befreit von aller Langeweile und gleichzeitig von der Last, st\u00e4ndig etwas w\u00e4hlen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber Texte zu schreiben, ist nicht die L\u00f6sung. Immerhin, heute bin ich wieder fr\u00fcher aufgestanden und bemerke: es wird schon sehr viel fr\u00fcher hell. Gerade ist die Sonne aufgegangen, es ist kalt und klar.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich morgens &#8211; oft VOR dem Lesen irgendwelcher E-Mails &#8211; meinen Web-Editor starte, fahre ich mit der Maus im Startmen\u00fc auf &#8222;HomeSite 4.0&#8220;, wodurch drei M\u00f6glichkeiten &#8222;aufklappen&#8220;. Die erste hei\u00dft &#8222;HomeSite 4.0 deinstallieren&#8220;, erst die zweite ist der Programmaufruf. Seltsam, nicht? Mir kommt das wie eine kleine Aufforderung vor: La\u00df es lieber! 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