{"id":421,"date":"2005-11-08T13:49:20","date_gmt":"2005-11-08T11:49:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=421"},"modified":"2009-12-28T13:50:55","modified_gmt":"2009-12-28T11:50:55","slug":"der-nase-nach-dufterlebnisse-zwischen-terror-und-verfuehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/11\/08\/der-nase-nach-dufterlebnisse-zwischen-terror-und-verfuehrung\/","title":{"rendered":"Der Nase nach &#8211; Dufterlebnisse zwischen Terror und Verf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p>Jeden Morgen beginne ich den Tag mit einer Kanne Espresso. Aufschrauben, Sieb ausleeren, s\u00e4ubern, Wasser und nicht allzu fein gemahlenes Kaffeepulver einf\u00fcllen, zuschrauben, auf den Gasherd stellen. Daneben ein Topf mit einem halben Liter Milch. Wenn der Espresso r\u00f6chelnd in der oberen H\u00e4lfte der Kanne angekommen ist, ist auch die Milch gerade hei\u00df genug.  \u00dcberh\u00f6re ich das Ger\u00e4usch, kocht die Milch \u00fcber und der Kaffee verspritzt sich  nach und nach quer \u00fcber die Herdplatte. <\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck passiert das selten, zumindest nicht morgens, denn da ist meine Nase noch nicht vom Zigarettenqualm bet\u00e4ubt und ich werde vom Espresso-Duft, der jetzt durch die ganze Wohnung zieht, in optimistische Stimmung versetzt. Heute werde ich bestimmt alles schaffen, was auf der Todo-List steht! Ich f\u00fchle mich stark und aktionsf\u00e4hig &#8211; w\u00e4r&#8216; es nur ein &#8222;normaler&#8220; Kaffe, w\u00e4re die Wirkung nicht vergleichbar. Viele Jahre Italien-Urlaub schon in Kindertagen haben mich auf Espresso gepr\u00e4gt, die normale deutsche Kaffe-Pl\u00f6rre ist mir ein Graus.<\/p>\n<h2>Gut riechen &#8211; schlecht riechen<\/h2>\n<p>D\u00fcften und Ger\u00fcchen bin ich ausgeliefert, sie gehen am Denken vorbei und beeinflussen das Befinden, ohne mich zu fragen. Vielleicht bedauere ich es deshalb kaum, keine feine Nase zu haben.  Mein Yogalehrer konnte so gut riechen, dass seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler nur frisch geduscht, geseift, mundgesp\u00fclt und unter Vermeidung von  Knoblauch und Zwiebeln am Vortag zu seinen samst\u00e4glichen Stunden anzutreten wagten. Und selbst das bot keine Garantie: er roch die Raucher heraus und die Schweinefleisch-Esser, und manchmal nahm er \u00fcber seine Wahrnehmungen kein Blatt vor den Mund! Ich dachte mir damals: Wenn man auf dem Yogaweg SO empfindlich wird, dann ist das vielleicht gar nichts f\u00fcr mich. Will ich denn leidend durch die Stra\u00dfen gehen? Staub, Dreck, Autoabgase, Hundeschei\u00dfe und all die vielf\u00e4ltigen Ausd\u00fcnstungen der Mitmenschen &#8211; gar nicht auszudenken, wenn all das st\u00e4ndig im Vordergrund der Aufmerksamkeit ank\u00e4me! <\/p>\n<p>Das waren nat\u00fcrlich nur bequeme Ausreden. Ich war immer nur eine Gelegenheits-Yogini, mal mehr, mal weniger motiviert, doch &#8211; abgesehen vielleicht vom ersten Jahr &#8211; niemals wirklich bereit, ein &#8222;voll gesundes Leben&#8220; zu f\u00fchren. Immer mal wieder ein Versuch, mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren, kurze Phasen als Fast-Vegetarierin oder Vollwertk\u00f6stlerin: all das scheiterte alsbald wieder am Alltag, an meiner Tr\u00e4gheit und am Unwillen, mich fortw\u00e4hrend auf &#8222;Nebenkriegsschaupl\u00e4tzen&#8220; aufzuhalten. <\/p>\n<p>&#8222;Du riechst so gut&#8220; ist ein Kompliment, das mich verlegen stimmt, hab&#8216; ich festgestellt. Insbesondere, wenn es von Menschen kommt, mit denen ich keine erotische Beziehung habe. &#8222;Du stinkst nach Rauch&#8220; ist mir da fast lieber, mit Kritik kann ich umgehen und das Rauchen und seine Folgen ist mir ein gewohnter Stachel im Fleisch. Die exzessive K\u00f6rperlichkeit der Ger\u00fcche empfinde ich als St\u00f6rung und manchmal als Verst\u00f6rung. Kein Wunder, dass sich das Riechorgan ganz allgemein zur\u00fcck entwickelt, es passt nicht mehr so gut in eine Zeit, in der das Auge alles dominiert und die Mehrheit der Menschen in die St\u00e4dte strebt, deren riesige Dunstglocken erst aus der Entfernung drastisch sichtbar werden. In den zwei Jahren, die ich drau\u00dfen auf dem Land verbrachte, war jeder Berlinbesuch von &#8222;Eingangskopfschmerzen&#8220; begleitet: jetzt roch ich, was ich sonst nicht bemerkte &#8211; und es war NICHT gut so!<\/p>\n<p>Riechen als Leiden &#8211; seltsam, dass mir das zuerst einf\u00e4llt, wenn ich daran denke. Schlie\u00dflich gibt es jede Menge angenehmer D\u00fcfte und Ger\u00fcche: der erste Fr\u00fchling, wenn langsam die Erde aufweicht und das Gr\u00fcn zu sprie\u00dfen beginnt, die Baumbl\u00fcte im Mai, die reine Luft nach einem Sommerregen! Und dann Weihnachten, Lebkuchengew\u00fcrze, angekokelte Tannenzweige, ein Duftmix, den man ab Oktober in manchen Superm\u00e4rkten riecht. Nicht nat\u00fcrlich entstanden, sondern gemacht, auf dass &#8211; am Denken und an der Einkaufsliste vorbei &#8211; die Kunden von der Lust auf Schokoladennikol\u00e4use und Christstollen ergriffen werden m\u00f6gen. Mich vertreibt das eher, als dass es mich anregen k\u00f6nnte, genau wie ich den Geruch in Kaufh\u00e4usern hasse, dieses Konglomerat aus allerlei Parf\u00fcm, das heute zum Einkaufserlebnis geh\u00f6rt wie der Duft von Leder oder Latex zu einem &#8222;ordentlichen Fetisch-Outfit&#8220;.<\/p>\n<h2>Im kollektiven Kindergarten<\/h2>\n<p>Der Duft der Zeit ist Vanille. Vil\u00e9m Flusser hat die gesellschaftliche Entwicklung als &#8211; im negativen Fall &#8211;  zum kollektiven Kindergarten hin strebend beschrieben, und mir scheint, die exzessive Verwendung des Vanille-Aromas deutet darauf hin, dass dieser negative Fall lange eingetreten ist.  Kaum mehr ein Tee ohne Vanille-Touch, zu Marmelade und Fruchtaufstrichen passt das eigentlich nicht, wird aber nichtsdestotrotz immer h\u00e4ufiger beigemischt. Oft merke ich es erst, wenn es zu sp\u00e4t ist! In S\u00fc\u00dfigkeiten, Joghurts, Cremes, l\u00f6slichem Kaffe, in Haarwaschmitteln und Bodylotions, im Weichsp\u00fcler und in Duftkerzen: Vanille ist \u00fcberall, erinnert unvermeidlich an die sch\u00f6ne Zeit im Sandkasten, als wir nach sinnlicher Lust strebten, keine &#8222;richtigen Sorgen&#8220; hatten und im besten Fall geborgen in einer harmonischen Familiensituation wie aus der Margarine-Werbung unbeschwerte Kindertage verlebten. Je mehr Vanille-Duft in der Luft liegt und aus den Dingen str\u00f6mt, desto schlechter ist es um das Land bestellt, denke ich mir. Unser Gem\u00fct soll sich beruhigen und in archaischen Wohlgef\u00fchlen schwelgen, w\u00e4hrend die Zeiten h\u00e4rter werden. Vanille \u00fcberall ist politisch, wenn es auch keine Verschw\u00f6rung gibt, die hier zum einschl\u00e4fernden Duftangriff bl\u00e4st. <\/p>\n<p>Alles in allem bin ich froh, keine allzu sensible Nase zu haben.  Meine Versuche in jungen Jahren, mich mittels irgend eines der zahlreichen Parf\u00fcms zu besonderen Gelegenheiten etwas weiblicher zu stylen, scheiterten schon an der Unf\u00e4higkeit, einen passenden Duft auszuw\u00e4hlen. Hatte ich drei oder vier auf dem Handr\u00fccken ausprobiert,  roch ich schon nichts mehr, bzw. nur noch intensives, sehr fremd stinkendes Geruchschaos. Ich lie\u00df es bleiben und fand mich damit ab, den Anspr\u00fcchen der Frauenmagazine auch in diesem Punkt nicht zu gen\u00fcgen. Neuerdings trifft der Duftstress ja auch die m\u00e4nnliche H\u00e4lfte der Menschheit, der mit aller medialen Macht suggeriert wird, es brauche nur das richtige Deo, und schon werde die holde Weiblichkeit vor Verlangen nur so dahin schmelzen. Und f\u00fcr HardCore-Duftgl\u00e4ubige gibt&#8217;s Pheromone, damit konnte man zu Anfang des Hypes als Internet-Versender richtig reich werden, genau wie mit &#8222;Penisverl\u00e4ngerung&#8220;. <\/p>\n<p>Trotz aller Ablehnung diverser Duft-terroristischen Anschl\u00e4ge auf mein limbisches System, nutze ich gelegentlich selber R\u00e4ucherst\u00e4bchen und \u00e4therische \u00d6le &#8211; sie d\u00fcrfen aber weder nach Vanille noch nach Patschuli riechen, der Duft aus alten Hippie-Tagen, der vielen recht verhasst ist. Wenn Besuch kommt, l\u00fcfte ich die R\u00e4ume, auf dass der Zigarettenqualm sich weitm\u00f6glichst verziehe, den Rest erledigt ein glimmendes Sandelholzst\u00e4bchen. Auch Zitrone, Melisse oder Orange reinigen die Luft. Das &#8222;Zitronige&#8220; darf allerdings nicht dominieren, wenn es ein erotischer Anlass ist: dann mische ich eher Ylang Ylang bei, auch mal Moschus oder Rose. Alles ein bisschen weniger intensiv, als es f\u00fcr mich &#8222;richtig&#8220; w\u00e4re, denn dann w\u00e4re es f\u00fcr meinen Gast mit der Nichtrauchernase schon wieder zuviel. Ihn selber rieche ich am liebsten &#8222;im Original&#8220;, ohne dass sich ein k\u00fcnstlicher Duft allzu sehr vordr\u00e4ngt, wenn wir uns sehr nahe kommen.<\/p>\n<p>Jetzt ruft mich die Arbeit und daf\u00fcr koche ich mir die zweite Kanne Espresso des Tages. Die rieche ich schon deutlich weniger als die erste, hoffentlich \u00fcberh\u00f6re ich \u00fcber dem Lesen der ersten Mails das &#8222;R\u00f6cheln&#8220; nicht wieder! Wenn ich dann eines Tages auch noch schwerh\u00f6rig bin, installiere ich mir eine digitale Eieruhr &#8211; Sinnlichkeit ist wunderbar, aber man kann sich behelfen! :-)<\/p>\n<p style=\"border: 1px solid gray; padding: 8px; font-size: 11px; margin-top: 30px; line-height: 16px;\">Dieser Artikel w\u00e4re vielleicht nur eine Idee geblieben, h\u00e4tte ihn nicht ein Diary-Leser unterst\u00fctzt! 1000 Dank! Ich habe die mir so geschenkte &#8222;Schreibzeit&#8220; sehr genossen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Morgen beginne ich den Tag mit einer Kanne Espresso. Aufschrauben, Sieb ausleeren, s\u00e4ubern, Wasser und nicht allzu fein gemahlenes Kaffeepulver einf\u00fcllen, zuschrauben, auf den Gasherd stellen. Daneben ein Topf mit einem halben Liter Milch. 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