{"id":4209,"date":"2000-01-19T16:36:47","date_gmt":"2000-01-19T15:36:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4209"},"modified":"2024-02-02T16:40:35","modified_gmt":"2024-02-02T15:40:35","slug":"unsichtbar-menschen-betrachten-am-bahnhof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/01\/19\/unsichtbar-menschen-betrachten-am-bahnhof\/","title":{"rendered":"Unsichtbar &#8211; Menschen betrachten am Bahnhof"},"content":{"rendered":"<p>Berlin, Bahnhof Zoo. Die Schmuddelsszene ist l\u00e4ngst an den entlegenen Hintereingang verdr\u00e4ngt, ich stehe in einer hellen Shopping-Mall. Bunte L\u00e4den und schicke Imbi\u00dfst\u00e4nde laden den Reisenden zum schnellen Konsum, gesch\u00e4ftig eilen die Menschen durch die Halle oder stehen herum. Ja stehen, denn Sitzgelegenheiten gibt es nicht, k\u00f6nnten sich doch Unerw\u00fcnschte dort niederlassen und die Optik st\u00f6ren. Damit die Stehenden wissen, wo sie hinsehen k\u00f6nnen, gibt es die \u00fcbliche Video-Wand mit Wetterbericht und Infos der Bahn.<!--more--><\/p>\n<p>Ich verbringe die letzte Stunde meines 1-t\u00e4gigen Berlin-Besuchs in diesen Hallen, kaufe Zeitungen, eine Fahrkarte, eine Wurst mit Br\u00f6tchen und Senf, einen Bananensaft &#8211; doch damit ist mein Konsumpotential f\u00fcr jetzt ausgesch\u00f6pft. Noch 20 Minuten bis zur Abfahrt, was tun?<\/p>\n<p>Nichts. Mangels Sitz-M\u00f6glichkeit ist es mir verwehrt, mich in die gekauften Medien zu versenken, also schaue ich einfach zu, was so vorgeht. Auf dem Land sehe ich nie so viele Menschen und auch nicht so verschiedene, also sehe ich hin. Betrachte die unterschiedlichen Gesichtsausdr\u00fccke, die Klamotten, die Gangart, die Haltung, die Bewegungen der Leute. Das unverstellte Hinsehen aktiviert nach wenigen Sekunden eine innere Stimme: Man starrt doch die Menschen nicht einfach so an!<\/p>\n<p>Ich registriere den Ordnungsruf und sehe einfach weiter hin. Vertiefe mich in die erstaunlich finsteren Augenbrauen eines braunh\u00e4utigen Dicken, der m\u00fchsam seine \u00fcberquellende Reisetasche schleppt. Betrachte die Pickel im Gesicht eines blonden Mittdrei\u00dfigers, der nerv\u00f6s mit dem Fu\u00df wippt. Sehe den Gesch\u00e4ftsmenschen, geschniegelt vom Scheitel bis zur Sohle, der mit glasigem Blick in sein Handy spricht, folge mit den Augen zwei attraktiven S\u00fcdl\u00e4nderinnen, die heftig aufeinander einreden. Hier und da stehen Uniformierte, H\u00e4nde auf dem R\u00fccken verschlungen, sie drehen sich langsam um sich selbst, damit ihnen nichts entgeht, was die Ordnung st\u00f6rten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Niemand sieht mich. Keiner bemerkt mein Starren. Die innere Benimmregel ist g\u00e4nzlich \u00fcberfl\u00fcssig! Ich m\u00fcsste schon laut schreien oder angfangen, zu tanzen, damit jemand auf mich aufmerksam wird. Alle sind vollst\u00e4ndig in ihr &#8222;eigenes Ding&#8220; verstrickt, selbst die, die sich offensichtlich langweilen. Es ist, als w\u00e4re ich unsichtbar &#8211; ich BIN unsichtbar!<\/p>\n<p>Normalerweise deprimiert mich sowas. Das Aneinander-vorbei-sehen st\u00f6rt mich, die Versunkenheit der Vielen in die je eigenen Ziele und Gesch\u00e4fte erscheint mir als Wachschlaf, als automatenhaftes Wuseln einer Menschenmenge \u00e4hnlich einem Ameisenhaufen. Ich leide, wenn ich das erlebe, einen kurzen Moment lang, bevor ich selber wieder in den eigenen Schlaf verfalle.<\/p>\n<p>Doch heute nichts davon. <strong>Ich bin UNSICHTBAR &#8211; und das ist wunderbar!<\/strong> Ein Gef\u00fchl absoluter Freiheit \u00fcberkommt mich: Niemand sieht mich, niemand will etwas von mir, niemand bewertet mich. Wie sonst auch, interpretiere ich die Szene als Symbol f\u00fcr&#8217;s Ganze, doch diesmal bedeutet sie etwas anderes: Es ist gut, wie es ist. Ich bin allein und kann mein eigenes Ding machen, keiner schert sich darum. Weder mu\u00df ich irgendwie loyal sein, noch braucht mich die Welt. Das, was ich bei mir und anderen als Wachschlaf interpretiere, sind in aller Regel Gesch\u00e4ftigkeiten, die daf\u00fcr da sind, bemerkt zu werden. Aktivit\u00e4ten, mittels derer jeder versucht, ein bi\u00dfchen h\u00f6her aufs Podest zu kommen, um endlich von Scheinwerfern angestrahlt und wahrgenommen zu werden. Und damit sind wir alle so besch\u00e4ftigt, da\u00df wir herumlaufen wie die Zombis und einander schon garnicht mehr ansehen.<\/p>\n<p>Die halbe Stunde im Bahnhof zeigt mir: Es gibt ein Leben neben dem Kampf ums Dasein. N\u00e4mlich das Dasein selbst. Niemand hindert mich daran, den Daseinskampf auf das N\u00f6tigste zu beschr\u00e4nken und im Raum der Freiheit zu sein. Ein Raum ohne &#8222;Um-zu&#8220;, ein Leben, in dem von Moment zu Moment bewu\u00dft bleibt, was f\u00fcr ein unglaublich seltsamer Zustand das &#8222;In-der-Welt-Sein&#8220; ist. Leben als Experiment, als Abenteuer mit dem g\u00e4nzlich Unbekannten.<\/p>\n<p>H\u00f6rt sich gut an, denken ist leicht. Doch gleichzeitig wird mir klar, wie weit ich davon entfernt bin, diese M\u00f6glichkeit immer neu zu ergreifen. Ich wei\u00df ja garnicht, was &#8222;mein Ding&#8220; ist. Wei\u00df nicht einmal, wie ich es anstellen soll, es herauszufinden. Und weil da keine klare Gebrauchsanleitung vor mir liegt, versacke ich t\u00e4glich neu ins Gewohnte, in die Vielfalt des Kampfs ums Dasein. Wundere mich zwar, da\u00df Siege so hohl sind und die Wunschmaschine langsam leerl\u00e4uft, doch packe ich es nicht, das zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>T\u00e4glich eine halbe Stunde NICHTS tun, so als erster Schritt, um wenigstens zur Besinnung zu kommen, genau wie auf dem Bahnhof &#8211; vielleicht gelingt mir wenigstens das? <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, Bahnhof Zoo. Die Schmuddelsszene ist l\u00e4ngst an den entlegenen Hintereingang verdr\u00e4ngt, ich stehe in einer hellen Shopping-Mall. Bunte L\u00e4den und schicke Imbi\u00dfst\u00e4nde laden den Reisenden zum schnellen Konsum, gesch\u00e4ftig eilen die Menschen durch die Halle oder stehen herum. 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