{"id":4208,"date":"2000-01-17T16:33:06","date_gmt":"2000-01-17T15:33:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4208"},"modified":"2024-02-02T16:36:34","modified_gmt":"2024-02-02T15:36:34","slug":"gift-der-depression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/01\/17\/gift-der-depression\/","title":{"rendered":"Gift der Depression"},"content":{"rendered":"<p>Gerade hab&#8216; ich das erste Buch von Michel Houellebecq &#8222;<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/ausweitung-der-kampfzone-104.html\">Ausweitung der Kampfzone<\/a>&#8220; fertig gelesen, kein Problem, es hat ja nur 150 Seiten. Weil mich die &#8222;Elementarteilchen&#8220; (Buch 2) so beeindruckt hatten, wollte ich auch die &#8222;Kampfzone&#8220; nicht auslassen. Und: Es ist furchtbar! Reines geistiges Gift, verbreitet von einem Depressiven zum Zweck des \u00dcberlebens, Selbsttherapie, die im gelangweilten Literaturbetrieb nat\u00fcrlich spitzenm\u00e4\u00dfig ankommt: Ein Shooting-Star, wie es hei\u00dft.<!--more--><\/p>\n<p>Der 30-J\u00e4hrige Protagonist des Romans schlurft durchs Leben, ohne eine irgendwie geartete Beziehung dazu zu finden. Nicht zur Arbeit, nicht zu irgendwelchen Freuden des Alltags, nat\u00fcrlich hat er keine Familie und zu Frauen nur sehr selten unbefriedigende Verh\u00e4ltnisse. Aus all diesen &#8222;Nicht&#8220; generiert er st\u00e4ndig abgr\u00fcndig-philosophische &#8222;Wahrheiten&#8220; von gro\u00dfer Abstraktheit, im Konkreten kommt er ja nicht zurecht und flieht also in wilde Worte, die alles und jedes demontieren. Nichts bleibt, au\u00dfer dem Selbstmord und selbst den schafft er nicht.<\/p>\n<p>Das Buch kommt an: Wer kennt nicht solche Stimmungen? Wer f\u00fchlt nicht am Rande des Bewu\u00dftseins den stets lauernden Abgrund? Schlie\u00dflich sind wir alle sterblich und k\u00f6nnen letztlich nicht dar\u00fcber hinwegsehen. In jedem Augenblick fragt uns das Leben: Woher? Wohin? Wozu? Insbesondere dann, wenn es immer weniger Zw\u00e4nge gibt, die uns vorgeben, was zu tun ist. (In der dritten Welt ist kaum jemand depressiv!)<\/p>\n<p><strong>Michel Houellebecq<\/strong> zelebriert aufs Neue die MidLife-Crisis und stilisiert sie zur Condition Humain. Ich sage das, weil ich mich sehr gut daran erinnern kann, bis ca. 36 auch diese trotzige Art gepflegt zu haben, eher agressiv als depressiv, doch das ist nur eine Frage des Temperaments, der &#8222;S\u00e4fte&#8220;. Die Trotzhaltung ist es, die mich die Depression nicht als letzte Wahrheit anerkennen l\u00e4\u00dft. Die Weigerung, auch den eigenen geistig-psychischen Zustand zu verantworten und daf\u00fcr zu sorgen, nicht v\u00f6llig von der Rolle zu geraten. Nicht, um der Welt einen Dienst zu leisten oder gar eine Pflicht zu bew\u00e4ltigen, sondern f\u00fcr sich selbst: aus Liebe zu diesem Wesen, das nun einmal da ist, zum Dasein als Interface zwischen dem Erkennbaren und dem Unerkennbaren. Abges\u00e4nge wie &#8222;Kampfzone&#8220; m\u00f6gen noch so sehr einen &#8222;Zeitgeist&#8220; auf den Punkt bringen: Ich tue mir gut, indem ich feststelle: das ist nicht MEIN Geist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist diese Rede eine Verteidigung, genau wie der K\u00f6rper per Immunsystem Angriffe abwehrt, so mu\u00df ich geistige Angriffe abwehren. Manchmal bin ich zu schwach dazu &#8211; DANN sollte man solche B\u00fccher nicht lesen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade hab&#8216; ich das erste Buch von Michel Houellebecq &#8222;Ausweitung der Kampfzone&#8220; fertig gelesen, kein Problem, es hat ja nur 150 Seiten. 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