{"id":4207,"date":"2000-01-16T16:28:10","date_gmt":"2000-01-16T15:28:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4207"},"modified":"2024-02-02T16:33:02","modified_gmt":"2024-02-02T15:33:02","slug":"listen-leben-netzliteratur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/01\/16\/listen-leben-netzliteratur\/","title":{"rendered":"Listen-Leben (Netzliteratur)"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen bin ich schreiberisch fremd gegangen: In der <a href=\"http:\/\/www.netzliteratur.de\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Liste Netzliteratur<\/a> l\u00e4uft eine derart interessante Diskussion, da\u00df ich zum Diary gar nicht mehr gekommen bin. Ich hatte einen Kommentar zu Martin Walsers ZEIT-Artikel <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/> <a href=\"http:\/\/www1.zeit.de\/zeit\/tag\/aktuell\/200003.walser-selbstg._.html\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Selbstgespr\u00e4che<\/a> gepostet, der mich sehr beeindruckt hat. Obwohl ich keineswegs Walser-Fan bin, sogenannte &#8222;Gro\u00dfschriftsteller&#8220; sind mir schon seit den Zeiten des Deutschunterrichts nicht besonders nah. Walser beschreibt den Unterschied zwischen der &#8222;adressierten Sprache&#8220; der \u00d6ffentlichkeit und der pers\u00f6nlichen Sprache eines Schreibenden &#8211; auf eine so selbst beobachtende Weise, da\u00df es fast klingt, als schriebe er ein Diary. Naja, hei\u00dft ja auch &#8222;Selbstgespr\u00e4che&#8220;&#8230;.<!--more--><\/p>\n<p>Das Thema hat gez\u00fcndet &#8211; schlie\u00dflich ist fast jeder gelangweilt vom \u00f6ffentlichen Jargon der Politiker und Funktionstr\u00e4ger. Und auch die Art und Weise, wie dann die &#8222;Meinungsmacher&#8220; in den Medien einen Skandal machen, wirkt lange schon irgendwie komisch: Eine Art Schauspiel, bei dem die Rollen ab und an neu zugeteilt werden und die Emotionen &amp; Entr\u00fcstungen so zelebriert erscheinen, wie der k\u00fcnstliche Nebel in einer Diskothek.<\/p>\n<p>Die Frage nach der M\u00f6glichkeit authentischer Rede ber\u00fchrt mich &#8211; auch dieses Diary ist ja ein Versuch, auf eine Art und Weise zu sprechen, die weder in floskelhafte Urteile \u00fcber dies und jenes, noch in blo\u00dfes Geschw\u00e4tz \u00fcber allt\u00e4gliche Dinge des pers\u00f6nlichen Lebens abgleitet, die niemanden interessieren.<\/p>\n<p>Eine Umfrage zur Netznutzung ergab vor ein paar Wochen, da\u00df knapp die H\u00e4lfte aller User noch niemals ein redaktionell betreutes Medium aufgesucht hatten. Offenbar verbringen sie viel Zeit damit, in ganz anderen Ecken des Webs zu lesen und zu schreiben. Die M\u00f6glichkeit traditioneller &#8222;Meinungsmacher&#8220;, \u00fcber Massenmedien zu sagen, wo es lang geht, was man denken darf und was nicht, schwindet dahin &#8211; es gibt einfach zu viele Medien, als da\u00df das &#8222;Herrschen&#8220; noch so einfach w\u00e4re. Einerseits ist das gut so, das selber-denken wird immer n\u00f6tiger, die Freir\u00e4ume der einzelnen Individuen wachsen &#8211; wof\u00fcr sie allerdings genutzt werden, ist die Frage.<\/p>\n<p>Wenn keine starke \u00f6ffentliche Meinung mehr &#8222;zivilisierend&#8220; auf die Menschen einwirkt, kommt von rechts der Ruf nach dem starken Staat, nach mehr Recht &amp; Ordnung, mehr Gesetzen und Gef\u00e4ngnissen. Andere denken \u00fcber die gentechnische Ver\u00e4nderung des Menschenparks nach.<\/p>\n<p>Doch stehen wir wirklich ganz im (wert-)Freien, wenn die Meinungsmacher an Macht verlieren? Ich denke nicht, es gibt nur nicht mehr die &#8222;eine \u00d6ffentlichkeit&#8220;.<\/p>\n<p>Sondern viele kleine \u00d6ffentlichkeiten, in denen ich hier und da &#8211; fluktuierend entlang an Interessen und Freundschaften &#8211; gleichzeitig Mitglied bin. Durch eigene Projekte generiere ich &#8222;eigene&#8220; Klein\u00f6ffentlichkeiten und auf all diesen Ebenen werde ich f\u00fcr andere sichtbar. Nicht als allzeit korrekte Meinungsinstanz, sondern in all meiner Widerspr\u00fcchlichkeit, da sich eine &#8222;adressierte Rede&#8220; (siehe den Walser-Artikel) im lebendigen Netz nicht aufrecht erhalten l\u00e4\u00dft, selbst wenn man punktuell versucht, derart zu reden.<\/p>\n<p>Mal angenommen, ich fasse dann an irgendeinem Punkt eine Meinung: &#8222;Man sollte jetzt dies oder jenes tun&#8220; was zugegeben selten vorkommt und vertrete das in &#8222;meinen&#8220; Klein\u00f6ffentlichkeiten. Dann hab&#8216; ich erfahrungsgem\u00e4\u00df gute Chancen im Kampf um die sogenannte Diskurshoheit und kann u.U. andere auch zum Handeln inspirieren. Jedenfalls hab&#8216; ich bessere Karten als jemand, der z.B. aus Angst vor Datenj\u00e4gern \u00fcberall anonym bleiben will &#8211; und gute Karten auch verglichen mit allen, die lediglich allgemein-politisch agieren und keinerlei &#8222;Verschwimmen&#8220; zwischen \u00f6ffentlicher und pers\u00f6nlicher Rede zulassen, bzw. versuchen. In der Werbeforschung wei\u00df man seit langem: Das Wirksamste ist die Mundpropaganda! Alle anderen Werbemittel k\u00f6nnen im Vergleich dazu einpacken.<\/p>\n<p>Und es gibt unz\u00e4hlige wie mich in unz\u00e4hligen Klein\u00f6ffentlichkeiten, bzw. all dies wird mit zunehmender Medienkompetenz wachsen. Wenn dann etwas geschieht &#8211; mag sein, dass noch immer die ZEIT und die FAZ dar\u00fcber schreiben, als h\u00e4tten sie das Sagen &#8211; wird es das Ergebnis des kommunikativen Handelns dieser Klein\u00f6ffentlichkeiten sein. Man kann nicht wissen, was im einzelnen herauskommt, welche Teilnehmer sich wo eine kleine Diskurshoheit erringen, wie diese sich weitertransportiert und wie viele konkurrierende Meinungen nebeneinander laufen, bis auf einmal EINE zur Mehrheitsangelegenheit wird und sich durchsetzt.<\/p>\n<p>Was warum zum &#8222;Attraktor&#8220; wird, l\u00e4\u00dft sich nicht voraussehen und nicht inszenieren, so sieht es auch die Chaos-Forschung, zum \u00c4rger aller Macht-Akkumulatoren dieser Welt.<\/p>\n<p>Dass das keineswegs weltfern ist, sieht man \u00fcbrigens an der B\u00f6rse: das ganze Hirnschmalz aller arrivierten Meinungsmacher ist oft binnen zwei bis drei Tagen obsolet durch die Aktionen der Vielen. Solange die Aktienanlage noch ein Bereich f\u00fcr Spezialisten und Professionelle war, haben die Voraussagen halbwegs hingehauen &#8211; doch seit die &#8222;Massen&#8220; eingestiegen sind, sozusagen von der Wohnzimmercouch aus, sind alle v\u00f6llig perplex \u00fcber das, was abgeht&#8230;. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen bin ich schreiberisch fremd gegangen: In der Liste Netzliteratur l\u00e4uft eine derart interessante Diskussion, da\u00df ich zum Diary gar nicht mehr gekommen bin. Ich hatte einen Kommentar zu Martin Walsers ZEIT-Artikel Selbstgespr\u00e4che gepostet, der mich sehr beeindruckt hat. 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