{"id":4203,"date":"2000-01-09T16:16:26","date_gmt":"2000-01-09T15:16:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4203"},"modified":"2024-02-02T16:20:24","modified_gmt":"2024-02-02T15:20:24","slug":"mail-geschlecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/01\/09\/mail-geschlecht\/","title":{"rendered":"Mail &#038; Geschlecht"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten 14 Tagen bin ich (fast) t\u00e4glich meinen Impulsen gefolgt. Keine Brotarbeit, kein eigenes Projekt-Engagement &#8211; nichts von allem, was dem Fortkommen (wohin denn nur?) dient. Ein Gl\u00fcck, da\u00df das m\u00f6glich war, denn ohne solche Zeiten w\u00fcrde ich zur Mensch-Maschine, die nur noch Pflichten abarbeitet. Und ohne Bezug zum &#8222;Dasein ohne Ziel&#8220; ist zielgerichtetes Handeln die reine Maloche und letztlich gar nicht m\u00f6glich.<!--more--><\/p>\n<p>Die Zeit zwischen dem 24.12. und dem 6. Januar war fr\u00fcher mal als &#8222;die zw\u00f6lf heiligen N\u00e4chte&#8220; im Bewu\u00dftsein der Allgemeinheit. Zwar ist jetzt schon der 9., aber ich \u00fcberziehe halt gern. Au\u00dferdem hat mir der Papierkram Unterbrechungen der Auszeit beschert, k\u00fcnftig lege ich das Steuerthema bestimmt in einen anderen Monat!<\/p>\n<p>Seit ein paar Tagen bin ich in ein (u.a. auch) philosophisches Gespr\u00e4ch geraten &#8211; per Mail mit einer Berlinerin. Es hat sich einfach so aus einer sachlichen Anfrage ergeben, ist jedoch schnell zu vielen ber\u00fchrenden Themen vorgedrungen, Themen, die mich als reine Abstrakta schon lange nicht mehr bewegen, wie z.B. Ethik, Gleichberechtigung, Freiheit.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bekomme ich ab und zu mal &#8222;philosophische Mails&#8220;, angeregt durch die weit verteilten Seiten meiner jahrelang gewachsenen Weblandschaft. Doch ergibt sich daraus meist nichts weiteres, da sie in der Regel einen Punkt aufgreifen und einen Begriff abstrakt vertiefen wollen. Eine T\u00fcte Argumente pro-Dies und kontra-Das, die mir nichts weiter sagt, als da\u00df das Gegen\u00fcber &#8222;diskursf\u00e4hig&#8220; ist.<\/p>\n<h2>Diskurse reichen nicht<\/h2>\n<p>Diskurs ist aber nicht mein Interesse. Es ist eine T\u00e4uschung, zu glauben, man k\u00f6nne durch Diskurs etwas kl\u00e4ren. Zum einen gibt es den &#8222;reinen Diskurs&#8220; (=voraussetzungslose Auseinandersetzung zum Zwecke &#8222;reiner&#8220; Erkenntnis unter Ber\u00fccksichtigung argumentativer Logik) nicht, au\u00dfer vielleicht in der Mathematik und der naturwissenschaftlichen Forschung. Es stehen sich immer Individuuen mit konkreten, au\u00dferhalb der Wahrheitssuche gelagerten Interessen gegen\u00fcber. Andrerseits l\u00e4\u00dft sich alles argumentativ begr\u00fcnden &#8211; wie auch das gerade Gegenteil. Es kommt auf den Standpunkt an, wie es in ganzer Plattheit und Wahrheit im Volksmund hei\u00dft.<\/p>\n<p>Wo eine\/r steht, kann ich jedoch nur sehen, wenn ich mehr mitbekomme, als blosse Argumente, mehr als abstrakte logische Abw\u00e4gungen. Erst wenn ich die Lebenswirklichkeit in den Blick nehme, kann ich mir zusammenreimen, was eine\/r meint, wenn sie dies oder er jenes sagt, bzw. WARUM sie wohl so denken. Nicht umsonst gerate ich hier in den Versuch einer Geschlecht-bemerkenden Schreibe, denn die Dialoge mit M\u00e4nnern und Frauen sind unterschiedlich. Von M\u00e4nnern bekomme ich eher die abstrakte Sicht, die Philosophie, das Argument. Von Frauen das Leben, das tats\u00e4chlich-konkrete So-Sein. In diesem Sinne sind rein &#8222;m\u00e4nnliche Mails&#8220; &#8218; (die auch von Frauen kommen k\u00f6nnen) \u00f6de, weil ihnen alles Fleisch und Blut fehlt. &#8222;Weibliche Mails&#8220; (seltener von M\u00e4nnern, doch es gibt sie!) langweilen dagegen durch ihr h\u00e4ufiges Versacken im Konkreten, mensch vermi\u00dft hier gerade DIE Distanz, die bei den &#8222;m\u00e4nnlichen Mails&#8220; nervt.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise sind diese &#8222;Reinformen&#8220; nicht das einzige. Es gibt Grenzg\u00e4ngerinnen und Gr\u00e4nzg\u00e4nger, Mischwesen, deren physisches Prim\u00e4rgeschlecht nur noch einen Anhaltspunkt unter mehreren bietet. Ich hoffe, da\u00df das so bleibt, da\u00df es mehr werden, da\u00df nicht der an der Oberfl\u00e4che feststellbare gesellschaftliche Rollback in Rollenschemata von &#8222;m\u00e4nnlich&#8220; und &#8222;weiblich&#8220; diese Individuuen wieder verunm\u00f6glicht. Eine Gesellschaft, in der DIE MEHRHEIT die &#8222;Selbstfindung als Mann, bzw. als Frau&#8220; und die &#8222;Entdeckung des inneren Manns, bzw. der inneren Frau&#8220; endlich einmal hinter sich hat, vielleicht w\u00e4r das mal was Neues?<\/p>\n<p>Immer, wenn man anf\u00e4ngt, pers\u00f6nliches Erleben, eigene Vorlieben und Vorbehalte auf &#8222;die Gesellschaft&#8220; zu beziehen, tun sich Abgr\u00fcnde auf! So auch jetzt, denn mir f\u00e4llt ein: es wird ja schon bald so sein! Faktisch herrschen heute schon DIE ALTEN &#8211; im aktuellen Wortsinn also die jenseits der 35, 40 oder 50. Und morgen werden wom\u00f6glich die &#8222;richtig Alten&#8220; das Sagen haben, alles Leute, die weit fitter geblieben sind, als die Generation zuvor, immerhin Menschen, die schon aus Altersgr\u00fcnden die Dominanz ihrer Geschlechtlichkeit hinter sich haben. Ich mag mir jetzt nicht ausmalen, ob das eher gut oder furchtbar wird &#8211; brauch ich auch nicht, denn ich werde ja dabei sein.<\/p>\n<p>Sofern mir nicht morgen der Himmel auf den Kopf f\u00e4llt. Ich schreibe so vor mich hin und merke erst sp\u00e4t, wie weit ich mich in blo\u00dfe Gedanken entferne. Morgen schon kann es mich erwischen und schon bin ich aus dem Spiel! Gut also, die Freude am Spiel nicht zu verlieren zugunsten von Vorstellungen \u00fcber die eigene oder gar die &#8222;gesellschaftliche&#8220; Zukunft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten 14 Tagen bin ich (fast) t\u00e4glich meinen Impulsen gefolgt. Keine Brotarbeit, kein eigenes Projekt-Engagement &#8211; nichts von allem, was dem Fortkommen (wohin denn nur?) dient. Ein Gl\u00fcck, da\u00df das m\u00f6glich war, denn ohne solche Zeiten w\u00fcrde ich zur Mensch-Maschine, die nur noch Pflichten abarbeitet. 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