{"id":4201,"date":"2000-01-05T16:06:11","date_gmt":"2000-01-05T15:06:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4201"},"modified":"2024-02-02T16:13:42","modified_gmt":"2024-02-02T15:13:42","slug":"wunschpalast-geschlossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/01\/05\/wunschpalast-geschlossen\/","title":{"rendered":"Wunschpalast geschlossen"},"content":{"rendered":"<p>Die Sonne scheint, schon den ganzen Tag. Ob hier eigentlich mal richtig Winter wird? 40 Kilometer von der Ostsee ist wohl nicht mit viel Schnee zu rechnen, doch sagen die Nachbarn, im Februar werde es richtig kalt. Soll ich vielleicht mal wieder was im Garten umgraben? Ach, ich merke: ich bin gelangweilt, doch ohne richtig daran zu leiden. Wehm\u00fctig schaue ich auf die Liste mit &#8222;Organisatorischem&#8220;, die noch immer im Kopf im Bereich &#8222;abarbeiten&#8220; herumliegt. Nichts ist dabei, was nicht auch noch gut morgen geschehen k\u00f6nnte! (&#8230;also nicht nur gelangweilt, sondern auch noch stinkfaul!)<!--more--><\/p>\n<p>Wenn &#8222;nichts los&#8220; ist, neigt man im Allgemeinen dazu, in Wunschvorstellungen einzutauchen. Damit hab&#8216; ich l\u00e4nger schon &#8222;Probleme&#8220;: Es funktioniert nicht. Mir f\u00e4llt nichts ein, was ich gerne ge\u00e4ndert h\u00e4tte. Das ist einerseits so, weil es mir de facto blendend geht: ich wohne, wie ich es nicht besser h\u00e4tte treffen k\u00f6nnen. Mit den Mitmenschen f\u00fchle ich mich im Frieden und die kleinen Alltagsbed\u00fcrfnisse (essen, trinken, lesen, Sauna) kann ich mir erf\u00fcllen, ohne auf Preise achten zu m\u00fcssen. Die Zukunft sieht gut aus, jedenfalls gibt es keine Drohungen, sondern eine Reihe M\u00f6glichkeiten, die ich nur zu ergreifen brauche, um das Auskommen auch dieses Jahr zu fristen.<\/p>\n<p>Gut, die Steuer, die man als Selbst\u00e4ndige so nachzahlt, macht nicht gerade Freude. Vor allem zwingt das System dazu, im n\u00e4chsten Jahr nicht auch mal weniger, sondern MEHR zu verdienen als gehabt. &#8222;Arbeiten ohne Stress&#8220; ist mir unglaublich wichtig und da\u00df das bisher sogar funktioniert hat, freut mich besonders. Also doch eine kleine Wolke am Horizont?<\/p>\n<p>Quatsch! Wenn man lange genug gr\u00fcbelt, fallen immer negative Gedanken ein! Irgendwo mu\u00df der ganze Unsinn aus den Medien ja seinen Niederschlag finden: wie die Hy\u00e4nenrudel sitzen die schlechten Nachrichten und M\u00f6glichkeiten am Rande des Bewu\u00dftseins. L\u00e4\u00dft man mit der pers\u00f6nlichen inneren Anspannung nach, fallen sie in das Vakuum ein: Guck mal, hier ist etwas, vor dem k\u00f6nntest du doch wenigstens ein bi\u00dfchen ANGST haben?<\/p>\n<p>Doch es klappt nicht! Es ist zu durchsichtig, eine blo\u00dfe Besch\u00e4ftigungstherapie des Verstandes, der nicht wei\u00df, was tun, wenn die Wunschenergie nicht zur Verf\u00fcgung steht. Buchhaltungsarbeiten w\u00e4ren da tats\u00e4chlich eine gute Besch\u00e4ftigung &#8211; doch die hab&#8216; ich zum Gl\u00fcck gerade hinter mir.<\/p>\n<p>Es ist also kein Weg, in Bef\u00fcrchtungen abzugleiten, wenn die Wunschwelten geschlossen haben. Ich wei\u00df zwar, da\u00df ein Status Quo zerf\u00e4llt, wenn man nicht st\u00e4ndig daran arbeitet, ihn zu entwickeln, zu einem &#8222;Mehr&#8220; zu machen, auf welcher Ebene auch immer. An irgendeinem Punkt des Zerfalls setzt die Wunschmaschine dann verl\u00e4\u00dflich wieder ein. Man beginnt, wieder zu wollen und entsprechend zu strampeln. Das kenn&#8216; ich alles schon und es schreckt mich nicht..<\/p>\n<p><strong>Ob das alles ist im Leben?<\/strong> Vielleicht hab&#8216; ich ja zu schnell gelebt: Niemals Zeiten des Abwartens, der m\u00fchseligen Kompromisse, der in die L\u00e4nge gezogenen K\u00e4mpfe. Immer bin ich schnurstracks meinem jeweils aktuellen D\u00e4mon gefolgt. Im Zweifel jederzeit auf zu neuen Ufern.<\/p>\n<p>Seit einiger Zeit f\u00fchlt es sich an, als h\u00e4tte ich alle Ufer schon kennengelernt und oft genug aufgesucht. &#8222;Oh nein, nicht schon wieder die Karibik!&#8220; = nicht schon wieder eine netzliterarische &#8218;Gro\u00dftat&#8216;, nicht schon wieder ein neuer toller Auftrag, nicht noch einmal ein n\u00fctzliches Webzine, nicht noch eine neue Community und schon gar keine spannende Politaktion&#8230;.<\/p>\n<p>[Anmerkung: <span style=\"font-family: Verdana,Futura,Helvetica;\"><em>Keine Sorge, liebe Freunde, Kollegen und Auftraggeber! Ich bleibe am Ball. Nach wie vor macht mir meine Arbeit gro\u00dfe Freude und es besteht keine Gefahr, da\u00df ich &#8222;alles hinschmei\u00dfe&#8220;, weil mich manchmal solche Stimmungen anwandeln. Es geht mehr um das Finden l\u00e4ngerer Linien, wenn ich mich davon vereinnahmen lasse&#8230;. und das mu\u00df auch mal sein. Lest den aktuellen FOCUS: erst mu\u00df man den Sinn des Lebens (immer neu) finden, dann erst wird konkretes Handeln sinnvoll&#8230;.<\/em>]<\/span><\/p>\n<p>Was dann? Vielleicht doch ein paar Aktien kaufen, um vom Auf und Ab der B\u00f6rse, vom Duft und vom Angstschwei\u00df des gro\u00dfen Geld-Machens zu partizipieren? Ach je, ich glaube, das packe ich auch nicht. Zum einen passe ich jetzt auf Geld besser auf, wo ich wei\u00df, wieviel Steuern so anfallen. Zum anderen fasziniert es mich h\u00f6chstens ein paar Tage, das Thema B\u00f6rse zu verfolgen. Der Punkt ist einfach, da\u00df ich nicht mal wei\u00df, was ich mit &#8222;mehr Geld&#8220; anfangen sollte. Klar, das ist &#8222;Sicherheit f\u00fcr die Zukunft&#8220;, aber genau das war f\u00fcr mich nie ein Handlungsgrund. Auch die Tatsache des \u00e4lter-werdens hat mich da bisher nicht umdenken lassen &#8211; falsch, <i>umdenken<\/i> schon, aber eben nicht &#8222;umf\u00fchlen&#8220;.<\/p>\n<p>Gottfried Benn, offenbar in \u00e4hnlicher Stimmung, hat mal ein Gedicht dazu geschrieben:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"right\"><span style=\"font-family: Verdana,Futura,Helvetica;\"><b>Nur zwei Dinge<\/b><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Durch so viele Formen geschritten,<br \/>\ndurch Ich und Wir und Du,<br \/>\ndoch alles blieb erlitten<br \/>\ndurch die ewige Frage: wozu?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Das ist eine Kinderfrage.<br \/>\nDir wurde erst sp\u00e4t bewu\u00dft,<br \/>\nes gibt nur eines: ertrage<br \/>\n&#8211; ob Sinn, ob Sucht, ob Sage-<br \/>\ndein fernbestimmtes: Du mu\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,<br \/>\nwas alles erbl\u00fchte, verblich,<br \/>\nes gibt nur zwei Dinge: die Leere<br \/>\nund das gezeichnete Ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Gottfried Benn<\/i><\/p>\n<p>Gutes Gedicht &#8211; allerdings empfinde ich nicht mehr dieses heftige &#8222;Leiden an der Sinnfrage&#8220;, mir ist da zuviel Verzweiflung und Pathos drin. Ich mu\u00df mich nicht von einem Leiden befreien, sondern ich erwarte, da\u00df sich neue interessante, nie gekannte M\u00f6glichkeiten auftun. Und wenn das nicht passiert, weil ich das meiste schon kenne, dann geh&#8216; ich eben mal wieder in die Sauna, das beruhigt das Denken und man schwimmt in umfassendem Wohlgef\u00fchl &#8211; weit weg von allen &#8222;Woher-wohin-wozu&#8220;-Fragen.<\/p>\n<p>Eine Stunde Yoga bringt es auch &#8211; eine gute Idee!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonne scheint, schon den ganzen Tag. Ob hier eigentlich mal richtig Winter wird? 40 Kilometer von der Ostsee ist wohl nicht mit viel Schnee zu rechnen, doch sagen die Nachbarn, im Februar werde es richtig kalt. Soll ich vielleicht mal wieder was im Garten umgraben? Ach, ich merke: ich bin gelangweilt, doch ohne richtig [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,471,9],"tags":[456,830],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4201"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4201"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4201\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}