{"id":4200,"date":"2000-01-03T16:00:42","date_gmt":"2000-01-03T15:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4200"},"modified":"2024-02-02T16:28:52","modified_gmt":"2024-02-02T15:28:52","slug":"wenn-computer-mitdenken-netzliteratur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2000\/01\/03\/wenn-computer-mitdenken-netzliteratur\/","title":{"rendered":"Wenn Computer mitdenken \/ Netzliteratur"},"content":{"rendered":"<p>Was k\u00fcnstliche Intelligenz ist, konnte ich gerade hautnah miterleben: Vor zwei Stunden wollte ich ins Diary schreiben, doch der gesamte, gestern m\u00fchsam auf den neuen PC \u00fcbertragene Bereich mit meinen Webseiten war verschwunden! Wie das? Ich zweifelte schon an meinem Erinnerungsverm\u00f6gen, das eh nicht das beste ist. Doch die genauere Sichtung der Festplatte ergab, da\u00df ich die Webprojekte WIRKLICH schon &#8218;r\u00fcberkopiert hatte. Unterhalb des Verzeichnisses &#8222;Daten&#8220; war n\u00e4mlich alles noch vorhanden, bis auf den Ordner &#8222;Eigene Dateien&#8220;. Ich erinnere mich, gestern zum Abschlu\u00df mal versuchsweise einige Wartungsfunktionen angeworfen zu haben. Schlie\u00dflich bin ich dem FORTSCHRITT gegen\u00fcber aufgeschlossen und lasse mir von Windows &#8217;98 Ratschl\u00e4ge geben &#8211; dachte ich mir so in meiner Vertrauensseligkeit! Und da war doch auch so eine Funktion &#8222;\u00dcberfl\u00fcssige Dateien l\u00f6schen&#8220;, die ich angeklickt hatte, in der Meinung, es handle sich um Technik-bedingten Datenm\u00fcll, der so bereinigt werden soll. Jetzt wei\u00df ich es besser! <!--more--><\/p>\n<h2>Hau weg den Schei\u00df?<\/h2>\n<p>Es ist nicht immer m\u00f6glich, sich in die Programme hineinzuversetzen, um nachzuempfinden, was sie wohl &#8222;denken&#8220;. Hier aber liegt eine Vermutung nahe: Es existiert unter C:\\ schon immer ein vorkonfiguriertes Verzeichnis &#8222;Eigene Dateien&#8220;, das von Winword und anderen Microsoft-Programmen genutzt wird. Und ich war so vermessen gewesen, noch einmal einen Ordner dieses Namens anzulegen! Zwar in einem anderen Verzeichnis (unter &#8222;Daten&#8220;), was Windows &#8217;95 bisher nicht verst\u00f6rt hatte, doch Windows &#8217;98 ist eben INTELLIGENTER! Hau weg den Schei\u00df, was f\u00e4llt diesem Dumm-User ein, einen der geheiligten NAMEN vorkonfigurierter Ordner mehrfach zu verwenden!<\/p>\n<p>Ich beuge mich der rohen Gewalt, nenne den Bereich in &#8222;Claudias Seiten&#8220; um und hoffe, das findet nun Gnade vor dem gro\u00dfen Bruder! Und ganz nebenbei: Heute morgen wandelten mich sowieso Gedanken an, ob nicht dieses Diary <b>im Grunde \u00fcberfl\u00fcssig<\/b> ist? Richard aus New Yorck &#8211; mit seinen 81 Jahren gewi\u00df mein \u00e4ltester Leser &#8211; schreibt zum Beispiel:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich bewundere Deine F\u00e4higkeit, die Situation unseres Lebens zu beschreiben. Wenn ich es gelesen habe, wei\u00df ich eigentlich nicht recht, was ich gelesen habe. Es erinnert mich ein bi\u00dfchen an die Verfassungsrechtskommentare w\u00e4hrend meines juristischen Studiums. Ich bin froh, da\u00df ich das nicht vollendet habe, es w\u00e4re nur eine Gehirnverbiegung geworden mit haufenweiser Geldverdienung.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, ich hab&#8216; auch mal ein juristisches Studium abgebrochen, aus den gleichen Gr\u00fcnden. Deshalb kann ich das gut nachvollziehen. Und Verfassungsrecht war mir ganz besonders langweilig, denn mit Anfang zwanzig interessierte mich eher der schwierige Umgang mit M\u00e4nnern als die Frage, wie denn ein Staat zu machen sei.<\/p>\n<h2>Zu brav?<\/h2>\n<p>Auf dieses Webtagebuch bezogen, finde ich auch: es ist viel zu brav! Zu &#8222;staatstragend&#8220;, zu positiv, zu beruhigend. Ich schreibe so, um mich meiner eigenen Stabilit\u00e4t t\u00e4glich neu zu versichern. Schlie\u00dflich sind die negativen Einfl\u00fcsse, die Gr\u00fcnde, sich furchtbar aufzuregen, regelm\u00e4\u00dfig in der Mehrzahl und ich hatte und habe keine Lust, das Meer der Kritik, der Abges\u00e4nge und der Verisse noch zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>Der andere Weg ist das literarische Schreiben &#8211; <b>Fiction statt Real Life<\/b>. Ein Weg, den ich bisher nicht zu gehen versuchte, weil ich mich nicht vom &#8222;richtigen Leben&#8220; entfernen wollte. Literatur hei\u00dft, sich von dem, was der Fall ist, zu distanzieren &#8211; das ist bis heute meine eigene, an Wittgenstein angelehnte Definition von Literatur. Langsam aber sicher denke ich weiter: Ist nicht Literatur eine M\u00f6glichkeit zum &#8222;richtigen Leben&#8220; f\u00fcr jemanden, der SOWIESO in Distanz lebt zu dem, was der Fall ist? Und: im Rahmen von &#8222;Fiction&#8220; br\u00e4uchte ich keinerlei R\u00fccksichten zu nehmen, k\u00f6nnte ganz pers\u00f6nliche Erfahrungen in Erfundenem und \u00dcberzeichnetem verstecken, k\u00f6nnte Figuren entwickeln, die verschiedene Aspekte nicht zusammenpassender Pers\u00f6nlichkeitsanteile ausleben und vieles mehr.<\/p>\n<p>Naja, ich tr\u00e4ume ein bi\u00dfchen, jetzt im funkelnagelneuen Jahr. Keine Ahnung, ob ich \u00fcberhaupt literarisch schreiben kann. Mein <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/santamaria.htm\">bisher einziger Versuch<\/a>, eine Art psychologischer Kurzkrimi, umfa\u00dfte 43 Seiten und kostete mich sechs Wochen, in denen ich nichts anderes tun konnte als in meiner Geschichte zu &#8222;leben&#8220;. Andrerseits hat er mich in nie gekannte psychisch-geistige Ekstasen versetzt&#8230;.<\/p>\n<p>Neben der Frage des K\u00f6nnes und der Zeit gibt es noch das Problem der FORM. Nach jahrelangem Webpublishing ist es mir nicht mehr m\u00f6glich, mich im K\u00e4mmerlein hinzusetzen und ein BUCH oder eine l\u00e4ngere Story zu schreiben. Nur <b>die Flucht nach vorne<\/b> ist noch drin: Netzliteratur.<\/p>\n<p>Einige Leser kennen die jahrelangen Diskussionen in der <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/> <a href=\"http:\/\/www.netzliteratur.de\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">Liste Netzliteratur<\/a>. WAS WOHL ist die <b>neue Literatur<\/b>, die dieses Medium entstehen l\u00e4\u00dft? Geht hier Literatur \u00fcberhaupt noch, oder ist nicht allenfalls NetzKUNST m\u00f6glich &#8211; zum Beispiel als Konzept-Art verstanden, die vor allem den Akteuren und Theoretikern Freude macht. Mit <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/> Hyperfiction, dieser Linkliteratur, die kaum jemand liest, kann es doch nicht schon ausgestanden sein? Und auch diese multimedialen Werke aus Bild, Text, Sound und allerlei bewegtem Klickibunti, die in der Regel die einschl\u00e4gigen Wettbewerbe gewinnen, k\u00f6nnen doch nicht ernsthaft das ersetzen, was uns B\u00fccher und Geschichten bedeutet haben und noch immer bedeuten?<\/p>\n<p>Meine Frage ist nicht die des LESERS, sondern ich frage als eine, die SCHREIBT. Mit der weiteren Verbreitung des Netzes werden viele Autoren ihre &#8222;Schreibe&#8220; ver\u00e4ndern und bemerken: wie anno dunnemal in der Gutenberg-Galaxis geht es nicht mehr&#8230;.<\/p>\n<p>Die bisherigen Versuche, NETZLITERATUR zu produzieren, waren genau das: <b>Versuche, Netzliteratur zu produzieren<\/b>&#8230; nicht etwa origin\u00e4rer Ausdruck des inneren Bed\u00fcrfnisses der Autoren. Genau das entsteht nicht von heute auf morgen, weil die neue Kommunikationstechnik nun einmal da ist. Sondern die Techniken m\u00fcssen in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen, m\u00fcssen selbstverst\u00e4ndlicher Alltag geworden sein, bevor etwas entstehen kann, was man dann &#8211; vielleicht &#8211; als Netzliteratur bezeichnet. Schlie\u00dflich haben auch B\u00fccher lange schon existiert, bevor etwa der ROMAN aufgekommen ist. Nur so als Beispiel.<\/p>\n<p>Bisher ist dieses Diary meine vorl\u00e4ufige Antwort &#8211; doch ich merke, es ist vielleicht nicht die letzte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was k\u00fcnstliche Intelligenz ist, konnte ich gerade hautnah miterleben: Vor zwei Stunden wollte ich ins Diary schreiben, doch der gesamte, gestern m\u00fchsam auf den neuen PC \u00fcbertragene Bereich mit meinen Webseiten war verschwunden! Wie das? Ich zweifelte schon an meinem Erinnerungsverm\u00f6gen, das eh nicht das beste ist. 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