{"id":420,"date":"2005-11-02T10:33:20","date_gmt":"2005-11-02T08:33:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=420"},"modified":"2009-12-28T13:48:47","modified_gmt":"2009-12-28T11:48:47","slug":"statusmeldung-von-der-schwierigkeit-in-bewegung-zu-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/11\/02\/statusmeldung-von-der-schwierigkeit-in-bewegung-zu-bleiben\/","title":{"rendered":"Statusmeldung: Von der Schwierigkeit, in Bewegung zu bleiben"},"content":{"rendered":"<p>Es ist kurz vor acht, ich versinke in einer Email, lese einen eigenen Text von gestern noch mal durch, mache einen Abstecher auf die Themenliste der gesponserten Diary-Beitr\u00e4ge &#8211; es ist die morgendliche Suchbewegung, die Freude an der geistigen Wachheit, die ein Feld sucht, das jetzt gepfl\u00fcgt werden will.  Kein konkretes Verlangen st\u00f6rt die Offenheit, keine Hektik kribbelt im K\u00f6rper, noch bin ich nicht getrieben von dem, was heute muss &#8211; ein wundervoller Zustand, der mir in den letzten zwei Wochen kaum zug\u00e4nglich war. <\/p>\n<p><b>Mit Arbeit zugesch\u00fcttet <\/b>&#8211; schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die so Zugesch\u00fcttete sich noch im September inmitten einer &#8222;Krise der Arbeit&#8220; befand, finanziell am Tiefpunkt, noch 300 Euro vom Dispolimit entfernt und ziemlich ratlos, wohin die Reise gehen soll. Ich war am Ende der gewohnten Praxis angelangt, die Dinge einfach auszusitzen, mich aufs &#8222;tats\u00e4chliche Befinden&#8220; zu konzentrieren und mir vorzumachen, Zahlen auf Kontoausz\u00fcgen seien ja doch nur Zeichen, von mir selbst mit Bedeutung aufzuladen oder auch nicht. Ich musste mir eingestehen, Angst zu haben, existenzielle Angst um mein gewohntes, selbst bestimmtes Leben, um meine f\u00fcr eine Hartz4-Existenz zu gro\u00dfe Wohnung, um mein weiteres Fortkommen, das im Dunkeln lag und von dem ich nur wusste: ich will nicht fort, ich will DA bleiben, wo ich gerade bin!<\/p>\n<p>Einen Status verteidigen, die Besitzst\u00e4nde wahren &#8211; wie oft hatte ich \u00fcber solches Denken und F\u00fchlen gel\u00e4stert, nun aber war es h\u00f6chste Zeit, mich darauf zu besinnen!  Die Frage &#8222;was tun?&#8220; kreiste in meinem Kopf und versuchte, sich gegen die spirituelle Matschbirne durchzusetzen, die vom &#8222;Tun des Nicht-Tuns&#8220; faselt und glaubt, sich in den Augenblick (hier &amp; jetzt!) retten zu k\u00f6nnen, indem handfeste Probleme einfach ausgeblendet werden. Was nicht &#8222;von selbst&#8220; geschieht, kann gar nicht gut sein &#8211; das ist ihr Credo, damit verweigert sie trickreich Anstrengungen jenseits bekannter Aktionsfelder, best\u00e4tigt den Konservatismus gewohnter Verhaltensrepertoires, macht tr\u00e4ge und schwach. Es soll Menschen geben, die diese Haltung soweit treiben, dass sie allen Ernstes darauf warten, dass sich in ihrem Briefkasten Geldscheine materialisieren!<\/p>\n<h2>Wer bin ich? <\/h2>\n<p>Wer versucht, seine Alltagsperson mit ihren Bed\u00fcrfnissen und Not-Wendigkeiten aus dem gro\u00dfen &#8222;Selbst&#8220;, von dem alles kommen soll, auszuschlie\u00dfen, sitzt einem bequemen Missverst\u00e4ndnis auf. Der Ich-Gedanke ist nur einer unter vielen Gedanken, ja &#8211; aber die Miete muss dennoch gezahlt, der M\u00fcll trotzdem raus getragen werden. Jeder K\u00f6rper befindet sich im Stoffwechsel mit seiner Umwelt und hat gelegentlich Anpassungsleistungen zu vollbringen, die sich als &#8222;Kampf ums Dasein&#8220; darstellen. Will man dem immer nur ausweichen, die gewohnte Ruhe bewahren, in meditativen Schonr\u00e4umen geistiges Ikebana treiben anstatt zu tun, was anliegt, dann wird man alsbald zum blo\u00dfen &#8222;Opfer der Verh\u00e4ltnisse&#8220; &#8211; und nicht etwa frei! Verh\u00e4ltnisse, gute und schlechte, entstehen aus dem Verhalten von Menschen. Sich raushalten ist kein Programm, sondern ein Sich-dr\u00fccken-wollen, das zu immer bedr\u00fcckenderen Situationen f\u00fchrt. <\/p>\n<p>Wer immer auf derselben Stelle sitzen bleibt, dem verk\u00fcmmern die Muskeln, Bewegung wird zur Zumutung, sp\u00e4ter zur Qual. W\u00fcrde ich immer wie ein Fettauge auf reichhaltiger Suppe schwimmen, g\u00e4be es keinerlei Herausforderungen, ich w\u00fcrde mich nicht weiter entwickeln, sondern zusammen schrumpfen, verkn\u00f6chern und versteifen. <\/p>\n<p>Solche Betrachtungen waren es allerdings nicht, die mich schlie\u00dflich in Bewegung versetzten, sondern einfach der Druck der finanziell katastrophalen Lage. Mit dem Durchbrechen der Gewohnheit, \u00fcber Geldprobleme nicht zu sprechen, stellte sich sofort die gewisse Abenteuerlust ein, die mich ergreift, wenn ich Neuland betrete, das auch Risiken birgt. Ungewohnt war auch der n\u00e4chste Schritt, das JA zu einem &#8222;unselbst\u00e4ndigen&#8220; Minijob an zwei Tagen pro Woche. Wenig aber regelm\u00e4\u00dfig eintreffendes Geld, daf\u00fcr R\u00e4dchen im Getriebe sein, weisungsgebunden, nicht kreativ Neues erschaffend, sondern Vorhandenes pflegend. Von einem schicken Laptop, den ich nur besa\u00df, aber nicht benutzte, hab&#8216; ich mich ohne gr\u00f6\u00dferes Bedauern getrennt, dann folgte eine umfassende Inventur all meiner Aktivit\u00e4ten: was tue ich und was will ich k\u00fcnftig tun? Was soll dabei heraus kommen? Womit will ich Geld verdienen und was tue ich &#8222;just for fun&#8220;? Wie eine Existenzgr\u00fcnderin erstellte ich Listen, \u00fcberlegte Ziele und Zwecke und die Wege dahin. <\/p>\n<p>Und &#8222;wie von selbst&#8220; erfuhr ich Unterst\u00fctzung von den verschiedensten Seiten! Ein neuer Kunde mit einem interessanten Web-Projekt fand sich ein und machte eine Anzahlung; der mehrfach verschobene Schreibimpulse-Kurs zum Thema &#8222;Altern&#8220; kam auf einmal doch zustande, ein Freund meiner Texte trat in mein Leben und bot mir einen zinslosen Privatkredit an, Diary-Leser sponserten bis heute zw\u00f6lf Beitr\u00e4ge. Und als ich eines Morgens g\u00e4nzlich unerwartet ein paar gr\u00f6\u00dfere Scheine im Briefkasten vorfand, Morgengabe eines langj\u00e4hrigen Geliebten, war ich wirklich hin und weg!<\/p>\n<h2>Wach bleiben, dran bleiben<\/h2>\n<p>W\u00fcrde ich mich unter diesem ermunternden Schulterklopfen der Existenz nun wieder dem gewohnten D\u00e4mmerschlaf hingeben, in leicht ge\u00e4nderten Routinen versacken, Business as usual betreiben, dann w\u00e4re ich schnell wieder da, wo mich die Finanzkrise erwischt und in Bewegung versetzt hat.  Dreh- und Angelpunkt nachhaltiger Ver\u00e4nderung ist in meinem Fall die (t\u00e4tige!) Auseinandersetzung mit dem Willen und der Motivation. Die darf sich nicht darin ersch\u00f6pfen, lediglich f\u00fcr ein ausgeglichenes Konto und eine gewisse Verstetigung des Einkommens zu sorgen, um ansonsten ungest\u00f6rt &#8222;im Augenblick leben&#8220; zu k\u00f6nnen. Das JETZT ist nicht der Urlaub, in den man geht, wenn alles getan ist, jetzt ist genau hier, vor diesem Monitor, im Schneidersitz auf dem Stuhl, im vollen Gewahrsein der sich anbahnenden Nackenverspannung und des leichten Ziehens im rechten Oberarm.<\/p>\n<p>Wenn ich wei\u00df, was ich will und warum ich hier sitze, dann bin ich im Stande, auch mal aufzustehen und ein paar \u00dcbungen zu machen, um es ohne Schaden noch l\u00e4nger tun zu k\u00f6nnen. Geht es aber nur um den Cash-Flow, ums Vermeiden einer Hartz4-Existenz, tr\u00e4gt mich das nicht weit, bzw. eben nur bis zur Abwendung der aktuellen Gefahr. Dann folge ich wieder den 10.000 Impulsen, die der Tag f\u00fcr mich bereit h\u00e4lt, w\u00fcnsche nichts, f\u00fcrchte nichts, gehe h\u00e4ufig in die Sauna und schreibe dar\u00fcber, wie nett das ist &#8211; bis mich die n\u00e4chste Krise erwischt: eine neue Ohrfeige der Existenz, weil ich unterhalb meiner M\u00f6glichkeiten verharre, Herausforderungen vermeide und versuche, mich im Gem\u00fctlichen einzurichten. <\/p>\n<h2>Was tun?<\/h2>\n<p>Oft schon habe ich dar\u00fcber geschrieben, dass man seinen D\u00e4imon finden muss, um in kreativer Bewegung zu bleiben, habe K\u00e4ferforscher beneidet, die ihre Lebensaufgabe genau kennen, habe beklagt, dass ich zwar mit der Liebe zur Arbeit geschlagen bin, aber auch unf\u00e4hig, mich zwischen allerlei m\u00f6glichen Engagements zu entscheiden. Dr\u00fcber reden reicht ja meistens schon, dann fasziniert wieder das n\u00e4chste &#8222;m\u00f6gliche Projekt&#8220; und heraus kommt nur selten etwas.  WARUM sollte ich denn auch zus\u00e4tzliche Anstrengungen machen, wenn doch das Konto bei 1500 steht und die Auftragslage den \u00fcbern\u00e4chsten Monat bezahlbar erscheinen l\u00e4sst? Mehr Sicherheit hatte ich nur selten im Leben und Jahre lang hat es doch so geklappt, was spricht dagegen, so weiter zu machen?<\/p>\n<p><b>Nichts.<\/b> Nichts und niemand spricht dagegen. Ich bin es ganz allein, die hier antworten muss. Und es hilft dabei gar nichts, zu wissen, was &#8222;man tun sollte&#8220;!<\/p>\n<p>Da gerade mein Kurs \u00fcbers Altern l\u00e4uft, schiebt sich jetzt wie selbstverst\u00e4ndlich der Gedanke an &#8222;Altersvorsorge&#8220; ein. Ja, ja, warum soll ich nicht auch endlich vern\u00fcnftig werden, an die Zukunft denken, mehr Geld verdienen und ordentlich vorsorgen?  Nichts dagegen, aber als einziges Ziel t\u00e4glichen Strebens scheint mir Altersvorsorge ebenso untauglich wie &#8222;Hartz4 vermeiden&#8220; &#8211; da zieh ich mir lieber eine interessante Krankheit zu und sterbe vorzeitig weg! Ich brauche einfach diesen Hauch von Abenteuer, der nur aufkommt, wenn es um etwas geht, das mich begeistert und erf\u00fcllt. Blo\u00dfes Bem\u00fchen um Absicherung der Best\u00e4nde kann das niemals leisten. <\/p>\n<p>Lange Zeit hab&#8216; ich schon nichts mehr Neues angefangen, weil ich mir selbst nicht traute. Diese fluktuierenden, unzuverl\u00e4ssigen Begeisterungen f\u00fcr die eine oder andere Idee, die mich recht h\u00e4ufig anwandeln und schnell wieder verschwinden  &#8211; sollte ich einer davon aufsitzen?  Etwa so, wie ich auch in meinen wenigen Begegnungen mit Geldspielautomaten lieber die Stop-Taste dr\u00fcckte, anstatt zu warten, bis die wirbelnden Scheiben zum Stehen kommen? Am Automaten kassiert oder verliert man immerhin gleich, im richtigen Leben aber geht es nach der Entscheidung erst richtig los: Konzepte werden Projekte, Realisierungen binden, die anf\u00e4ngliche Begeisterung weicht der Ern\u00fcchterung und die M\u00fchen der Ebene m\u00fcssen durchgestanden werden.  Ja wie denn? So ganz ohne eine dr\u00fcckende Not oder treibende Gier?<\/p>\n<p style=\"padding: 20px; font-style: italic; color: rgb(102, 0, 153); font-weight: bold; line-height: 17px;\">&#8222;Wir haben das Gl\u00fcck erfunden&#8220; &#8211; sagen die letzten Menschen und blinzeln.<br \/>\nSie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht W\u00e4rme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht W\u00e4rme.<br \/>\nKrank-werden und Misstrauen-haben gilt ihnen s\u00fcndhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch \u00fcber Steine oder Menschen stolpert!<br \/>\nEin wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Tr\u00e4ume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.<br \/>\nMan arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife. <br \/>\nMan wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.<\/p>\n<p>Mit diesem Auszug aus Nietzsches &#8222;letztem Menschen&#8220; mach ich f\u00fcr heute Schluss. Den hab&#8216; ich schon \u00f6fter zitiert in all den Jahren, mal im Gestus der Emp\u00f6rung \u00fcber seinsvergessene Mitmenschen, mal als Selbstverspottung oder Ermahnung.  Heute aber freu&#8216; ich mich einfach daran, wie gut der Text passt &#8211; zu einer Daseinsweise passt, die ich bis ins letzte Detail aus eigenem Erleben kenne. Auf einmal sehe ich die ganze ausweglose Perfektion des &#8222;letzten Menschen&#8220; &#8211; aber ich schaue von au\u00dfen darauf, es geht mich nicht mehr an.<\/p>\n<p>Was daraus folgt, muss ich erst erleben, bevor ich dr\u00fcber schreiben kann &#8211; ich hoffe mal, es wird nicht ZU beschwerlich! ;-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kurz vor acht, ich versinke in einer Email, lese einen eigenen Text von gestern noch mal durch, mache einen Abstecher auf die Themenliste der gesponserten Diary-Beitr\u00e4ge &#8211; es ist die morgendliche Suchbewegung, die Freude an der geistigen Wachheit, die ein Feld sucht, das jetzt gepfl\u00fcgt werden will. 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