{"id":42,"date":"2007-01-10T15:34:58","date_gmt":"2007-01-10T13:34:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/01\/10\/arbeit-als-sucht-und-abenteuer-was-zu-tun-bleibt\/"},"modified":"2008-01-21T18:02:56","modified_gmt":"2008-01-21T16:02:56","slug":"arbeit-als-sucht-und-abenteuer-was-zu-tun-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/01\/10\/arbeit-als-sucht-und-abenteuer-was-zu-tun-bleibt\/","title":{"rendered":"Arbeit als Sucht und Abenteuer: Was zu tun bleibt"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich in den stillen Tagen zwischen den Jahren dar\u00fcber nach sinne, was ich im neuen Jahr gerne anders h\u00e4tte als im letzten, f\u00e4llt mir regelm\u00e4\u00dfig nicht viel ein. Von meinen im <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/01\/02\/ich-wuensche-mir\/\">letzten Beitrag<\/a> aufgelisteten W\u00fcnschen ist nur der erste ein Herzenswunsch, der Rest kommt aus dem Verstand, der nat\u00fcrlich immer etwas &#8222;Sinnvolles&#8220; ergr\u00fcbelt, sobald man auf den Knopf des Probleml\u00f6serbewusstseins dr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Es scheint, als w\u00e4re ich vollst\u00e4ndig zufrieden mit den Dingen, wie sie sind, doch das ist ein Irrtum. Es ist eher eine Art geistige Tr\u00e4gheit: ich klebe an den Tagesaufgaben und schaue gerade mal ein paar Wochen voraus, die locker mit laufenden Auftr\u00e4gen gef\u00fcllt sind. Ja, ich h\u00e4nge sogar ein wenig nach, empfinde also den Druck, mehr, schneller und effektiver zu arbeiten  &#8211; und weiter denke ich erst gar nicht. Erst mal das Wichtigste abwickeln&#8230; und dann?<\/p>\n<h2>Die Suche nach dem n\u00e4chsten Kick<\/h2>\n<p>Es gibt kein &#8222;dann&#8220;, wenn ich es nicht organisiere. Mir d\u00e4mmert, dass ich tats\u00e4chlich so was Verr\u00fccktes tun sollte wie &#8222;Freizeit planen&#8220;! Die Experimente mit einem besseren Selbstmanagement im letzten Jahr waren nur teilweise effektiv: der &#8222;Wochenplan&#8220; hat mich zwar oberfl\u00e4chlich gesehen von der niemals endenden ToDo-Liste befreit, doch sa\u00df ich deshalb nicht etwa weniger Zeit vor dem Monitor.   Es gibt ja Dinge, die nicht auf dem Plan stehen und die immer dann nach Befassung schreien, wenn ich offiziell &#8222;fertig&#8220; bin. Um ihnen zu entgehen, schiebe ich dann oft die letzten Arbeiten am Tag- oder Wochenwerk vor mir her und tr\u00f6dle herum &#8211; das Unbewusste verschafft sich so &#8222;Freizeit&#8220;, denn mit dem Zustand des &#8222;fertig seins&#8220; k\u00f6nnte ich ja gar nichts anfangen. Was f\u00fcr eine besch\u00e4mende und einigerma\u00dfen verst\u00f6rende Erkenntnis!!<!--more--><\/p>\n<p>Klar, ich kann mittlerweile immerhin &#8222;Wellness&#8220;, gehe ab und an in die Sauna, g\u00f6nne mir ein entspannendes Bad oder mache schon mal eine Runde um den Block, um nicht g\u00e4nzlich in der Sitzhaltung zu erstarren. Das sind aber s\u00e4mtlich &#8222;reproduktive&#8220; Besch\u00e4ftigungen, die es braucht, um weiter arbeiten zu k\u00f6nnen. Echte Mu\u00dfe hab ich mir ohne es zu bemerken, aberzogen &#8211; ein Kollateralschaden der beruflichen Selbstverwirklichung, die mir immer sehr wichtig war. Blo\u00df nie lange an Dingen arbeiten, die keine Freude machen! Tja, wenn das dann klappt und \u00fcber l\u00e4ngere Zeit zum Normalfall wird, gibt es keinen Grund mehr, etwas anderes zu tun, als zu arbeiten. Dann geht es nur darum, die Langeweile der Routine, die auch geliebte T\u00e4tigkeiten auf Dauer nicht verschont, immer wieder zu durchbrechen und das ABENTEUER in der Arbeit neu zu erfinden.<\/p>\n<p>Das ist jedenfalls das diesj\u00e4hrige Ergebnis meiner Jahreswechsel-Innenschau:  mich treibt nichts Spezifisches an, sondern ich scanne meine Welt der (vermeintlich!) 10.000 M\u00f6glichkeiten immer aufs Neue nach SPANNENDEN Aufgaben, die mich wieder f\u00fcr eine gewisse Zeit faszinieren &#8211; bis auch sie wieder durch die einsetzende Routine &#8222;verbraucht&#8220; sind.<\/p>\n<p class=\"marginalie\">&#8222;Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller L\u00e4nder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, qu\u00e4lt die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende Arbeitssucht, getrieben bis zur Ersch\u00f6pfung der Lebensenergie des Einzelnen und seiner Nachkommen.&#8220;<br \/>\n<span class=\"autor\">Paul Lafargue, 1883 in &#8222;Das Recht auf Faulheit&#8220;<\/span><\/p>\n<p>Als Webworkerin kann ich diese Suchtstruktur  &#8211; etwas anderes ist es ja nicht! &#8211; auch optimal bedienen, denn jeder Auftrag ist anders und erschlie\u00dft mir eine neue Welt. Wenn das Werk fertig ist, steht das n\u00e4chste an, \u00f6fter mal arbeite ich auch an mehreren gleichzeitig. Meine Schreibkurse bewahre ich durch unterschiedliche Themen und beschr\u00e4nkte Anzahl vor der Langeweile, und wenn das noch nicht reicht, sind da ja noch meine Blogs.  Es gibt immer genug zu tun, doch inmitten des rastlosen T\u00e4tig-Seins \u00fcberf\u00e4llt mich schon mal die Sehnsucht nach dem &#8222;ganz Anderen&#8220;:  letztlich \u00e4hneln sich die Auftr\u00e4ge und Kurse ja doch, die &#8222;m\u00f6glichen Schreibabenteuer&#8220; im Web sind mir nach zehn aktiven Jahren recht vertraut &#8211; was kommt als n\u00e4chstes?? Was k\u00f6nnte ich NOCH machen??<\/p>\n<h2>Geld verdienen &#8211; das letzte Tabu<\/h2>\n<p>Vielleicht mal &#8222;Geld verdienen&#8220; als Ziel ins Auge fassen und damit das &#8222;letzte Tabu&#8220; brechen, das mir &#8211; konsum- und gesellschaftskritisch in den 70gern sozialisiert &#8211; noch zu Gebote steht? Da ich eh nicht mit einer erw\u00e4hnenswerten Rente rechnen kann, w\u00e4r das vielleicht sogar sinnvoll, immerhin bin ich 52.  Allerdings hab&#8216; ich durch den Aufbau einer R\u00fccklage, die f\u00fcr zwei Monate reicht, schon gemerkt, dass &#8222;Geld haben&#8220; ein Gef\u00fchl des Mangels und der &#8222;Armut&#8220; mit sich bringt, das ich beim &#8222;von der Hand in den Mund leben&#8220; nicht kannte. Dabei war n\u00e4mlich immer klar, dass eh kein Geld da ist, um an irgend welche Dinge \u00fcber die laufenden Kosten hinaus auch nur zu denken, Konsumw\u00fcnsche hatten einfach keine Chance auf Befassung!<\/p>\n<p>Schon ein bisschen Geld \u00e4ndert diese psychische Situation: ich K\u00d6NNTE mir ja endlich eine Gleitsichtbrille machen lassen;  k\u00f6nnte den Gasherd, dessen 3.Flamme nicht mehr geht, durch einen neuen ersetzen,  k\u00f6nnte mal renovieren und das Grobe sogar g\u00fcnstig machen lassen (myhammer.de!)  anstatt selber den Pinsel zu schwingen. Neue Klamotten w\u00e4ren auch mal angesagt, ab und an gehe ich ja doch unter Leute &#8211; wo ich hin schaue, scheint es pl\u00f6tzlich Investitionsbedarf zu geben! Noch vor ein paar Monaten sind mir solche Gedanken einfach nicht gekommen, bzw. mein geistiger Filter hat sie mangels Umsetzungsm\u00f6glichkeit einfach ausgesiebt.  Und ich hab&#8216; geglaubt, ich h\u00e4tte das Stadium der Wunschlosigkeit erreicht &#8211; ha!<\/p>\n<p>Immerhin sehe ich jetzt den Grund, warum so viele Normal-  und Besserverdiener nicht wirklich zufrieden sind! Ein bisschen was &#8222;haben&#8220; er\u00f6ffnet M\u00f6glichkeiten, die es &#8222;ohne&#8220; gar nicht gibt &#8211; und zwar weit MEHR M\u00f6glichkeiten als man sich tats\u00e4chlich leisten kann. So wird auf einmal ein Mangel sp\u00fcrbar, denn es ist nie GENUG da, um alle auftauchenden W\u00fcnsche zu befriedigen. Das ist der Grund, warum viele so wild aufs Geld verdienen sind, wof\u00fcr mir bisher jedes Verst\u00e4ndnis fehlte.<\/p>\n<p>Ins allgemeine Strampeln nach &#8222;mehr Geld&#8220;, das eher weniger als mehr Zufriedenheit bringt, tats\u00e4chlich einzusteigen, lockt mich also eher nicht.  Allenfalls als &#8222;neuartige Aufgabe&#8220;, als bisher unbekanntes Arbeitsabenteuer w\u00fcrde es mich reizen, doch wenn DAS der Preis ist, ist er mir zu hoch! Ich bin es gewohnt, mich relativ reich zu f\u00fchlen, denn im Grunde mangelt es mir an nichts &#8211; verglichen mit dem Rest der Welt lebe ich ja wie die Made im Speck, was mir seit meiner <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/\">Reise nach Kambodscha<\/a> nicht nur vom Kopf her klar ist.<\/p>\n<h2>Und der  Rest der Welt?<\/h2>\n<p>Ach ja &#8211; der Rest der Welt! Da war doch was&#8230;  Wenn ich denn Blick \u00fcber den Tellerrand hebe, stellt sich die Lage g\u00e4nzlich anders dar, als es eine Bauchnabelschau wie diese nahe legt. W\u00e4hrend ich Besinnliches schreibe, an sch\u00f6nen Webseiten arbeite und im Garten den Kompost siebe, ist die Welt in Aufruhr. Das Klima ver\u00e4ndert sich, Natur wird zerst\u00f6rt, Ressourcen werden verpulvert, Tierarten sterben aus, Kriege und Terrorismus nehmen zu, die Globalisierung gef\u00e4hrdet den Sozialstaat, der uns so frei macht, \u00fcber Luxusprobleme nachdenken zu k\u00f6nnen. Mein <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.footprint.ch\/\">&#8222;Fu\u00dfabdruck&#8220;<\/a> auf diesem Planeten betr\u00e4gt stattliche 2,6 Erden, das hei\u00dft, es m\u00fcsste 2,6 Erden geben, damit alle so leben k\u00f6nnten wie ich!<br \/>\nIch werde mich daran erinnern, wenn mich wieder die Sinnfrage anf\u00e4llt. Den Fu\u00dfabdruck im Jahr 2007 auf 2,0 zu senken, w\u00e4r ja schon mal was.  Ab der n\u00e4chsten Packung kaufe ich <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/.etc\/nf\/tazpresso\/tazpresso\">fair gehandelten Espresso<\/a> und hier gibt&#8217;s jetzt die Linkrubrik &#8222;Welt verbessern&#8220; &#8211; immerhin ein Anfang. Spottet nicht, sondern macht es besser!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich in den stillen Tagen zwischen den Jahren dar\u00fcber nach sinne, was ich im neuen Jahr gerne anders h\u00e4tte als im letzten, f\u00e4llt mir regelm\u00e4\u00dfig nicht viel ein. Von meinen im letzten Beitrag aufgelisteten W\u00fcnschen ist nur der erste ein Herzenswunsch, der Rest kommt aus dem Verstand, der nat\u00fcrlich immer etwas &#8222;Sinnvolles&#8220; ergr\u00fcbelt, sobald [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9,11],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}