{"id":4191,"date":"1999-12-24T14:40:24","date_gmt":"1999-12-24T13:40:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4191"},"modified":"2024-02-02T15:32:27","modified_gmt":"2024-02-02T14:32:27","slug":"y2k-sehnsucht-nach-dem-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/12\/24\/y2k-sehnsucht-nach-dem-chaos\/","title":{"rendered":"Y2K: Sehnsucht nach dem CHAOS (Milleniumbug)"},"content":{"rendered":"<p>In letzer Sekunde hechtet der Held in die rettende Deckung, bevor die Sprengladung z\u00fcndet. Sein Vater sitzt am Ausl\u00f6seknopf und wartet fast etwas zu lange, obwohl der Sohn doch laut ruft &#8222;JETZT! JETZT!&#8220; und offensichtlich zum Sterben bereit ist, um das Freisprengen des K\u00fchlwassers f\u00fcr den Reaktor im allerletzten Moment zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;<a href=\"https:\/\/www.tvspielfilm.de\/kino\/filmarchiv\/film\/countdown-ins-chaos,1307455,ApplicationMovie.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Countdown to Chaos<\/a>&#8222;<\/strong> lief gestern Abend bei RTL, ein fetziger Katastrophenfilm \u00fcber den Milleniumsbug, der im Film ein &#8222;Worst-Case-Szenario&#8220; in Gang setzt: Flugzeuge st\u00fcrzen vom Himmel, Strom f\u00e4llt gro\u00dffl\u00e4chig aus, ein AKW in Schweden geht hoch und ein baugleiches in USA fast auch, w\u00e4re da nicht DER HELD rechtzeitig zur Stelle.<!--more--><\/p>\n<h2>Vorbereiten? Ernsthaft?<\/h2>\n<p>&#8222;Soll ich einen Ofen kaufen?&#8220;, fragte mich danach mein Lebensgef\u00e4hrte, der doch bisher nicht einmal einen umfangreicheren Nahrungsmitteleinkauf (so f\u00fcr eine Woche&#8230;) in Erw\u00e4gung ziehen wollte. Die Zentralheizung in Schlo\u00df Gottesgabe ist n\u00e4mlich vom Strom abh\u00e4ngig, der hier auch schon ohne Milleniumbug ab und an ausf\u00e4llt. Und sie enth\u00e4lt ein umfangreiches Regelungssystem zum Energiesparen &#8211; wird es den Y2K \u00fcberstehen? Oder werden wir Silvester und die Tage danach im Kalten zubringen? &#8222;Kein Ofen, la\u00df uns lieber vertrauen!&#8220;, sage ich. Denn wenn ich anfange, mit dem Schlimmsten zu rechnen, dann w\u00e4ren noch ganz andere Vorbereitungen n\u00f6tig und DAS ist mir zu viel angesichts der geringen Wahrscheinlichkeit, da\u00df etwas passiert.<\/p>\n<p>Meine Wahrscheinlichkeitsberechnung kommt nat\u00fcrlich aus den Medien: &#8222;Alles im Griff&#8220;, hei\u00dft es von allen Seiten. Zwar wird das Innenministerium mit 220 Leuten von Silvester bis zum zweiten.Januar nonstop durcharbeiten, dabei mit den weltweit verteilten Regierungsstellen und Unternehmen verbunden sein undgemeinsam das Voranschreiten des Jahreswechsels \u00fcber die Datumsgrenzen beobachten &#8211; aber das ist nur zur Vorsicht. Gut, ich vertraue darauf! Kommt meiner Faulheit entgegen, man stelle sich nur vor, ich w\u00fcrde versuchen, hier wirklich einen &#8222;Ausfall der technischen Zivilisation&#8220; vorzubereiten&#8230;..!!!<\/p>\n<h2>Angstlust, Hysterie &#8211; oder was?<\/h2>\n<p>Y2K, der Milleniums-Bug, das Menetekel an der Wand &#8211; ist er nicht faszinierend? Was ist es blo\u00df, das so viele Menschen dazu bewegt, mit gro\u00dfer Angstlust auf die M\u00d6GLICHKEIT eines Crashs zu blicken? Warum malen so viele Autoren, vor allem in den USA, mit d\u00fcsterer Begeisterung das Ende von &#8222;Life, as we know it&#8220; aus?<\/p>\n<p>Zur Jahrtausendwende sei Hysterie an der Tagesordnung, vermelden die Psychologen. Mag sein, doch ich vermute, der Y2K w\u00e4re auch an jedem anderen Datum &#8222;faszinierend&#8220;. Es ist die Vorstellung, alles Computertechnische k\u00f6nnte sich mit einem Schlag f\u00fcr immer verabschieden, die uns reizt. Das Leben, wie wir es kennen und wei\u00df Gott nicht nur sch\u00e4tzen, w\u00e4re zu Ende. Zwar w\u00e4re dies f\u00fcr die meisten Menschen in den entwickelten L\u00e4ndern auch das eigene Ende: wer kann schon von sich sagen, er oder sie k\u00f6nne nach einem Ausfall der Zivilisation im Chaos \u00fcberleben? Unsere Abh\u00e4ngigkeit von den selbst geschaffenen Ger\u00e4ten ist vollst\u00e4ndig, das wird durch diese Vorstellung schnell klar, konkreter, hautn\u00e4her als sonst, wo es ein rein abstraktes Wissen bleibt.<\/p>\n<p>Gegen die Angst, die mit einer solchen, sei es noch so unwahrscheinlichen M\u00f6glichkeit auftritt, helfen die beruhigenden Statements der Politiker und Unternehmen. Es wird nicht geschehen, man hat daran gearbeitet, Milliarden investiert, und alles ist im Lot, so hei\u00dft es. Und doch: Wird am Morgen des 1.Januar 2000 nicht auch eine kleine Entt\u00e4uschung zu sp\u00fcren sein? Es geht alles weiter, wie gehabt &#8211; und DAS finden wir nicht nur gut!<\/p>\n<p>W\u00fcrde ein Kind aus der Zeit Buddhas in die heutige Welt geboren, g\u00e4be es keinen Unterschied zu anderen Kindern: der Mensch ist seit zigtausend Jahren physisch-materiell derselbe. Erst seit 400 Jahren &#8211; und so richtig heftig erst seit 100 &#8211; ist die technische Welt herangewachsen, wie sie uns heute umgibt. Wir leben in Abh\u00e4ngigkeit von Apparaten und Systemen, die wir weder verstehen noch reparieren k\u00f6nnen. Selbst das Auto, einst des Mannes liebste Bastelbesch\u00e4ftigung, hat sich dem Selber-machen durch die Elektronik vollst\u00e4ndig entzogen. Wir k\u00f6nnen weder unsere Nahrung herstellen, noch arbeiten, noch miteinander kommunizieren, ohne Computer zu benutzen. Das HARTE physische Leben liegt lange hinter uns, wir k\u00f6nnen es uns gar nicht mehr vorstellen.<\/p>\n<p>Ein Segen! Doch etwas fehlt uns auch. Die Zivilisation selbst ist nur ein d\u00fcnner Firnis auf dem Steinzeitmenschen, von dem uns allein die Kultur unterscheidet. Und die digital-vernetzte Welt ist ein noch d\u00fcnnerer Niederschlag aus j\u00fcngster Zeit auf dieser zivilisatorischen Schicht. Warum fahren denn Zigmillionen mehrmals im Jahr an einen STRAND, um sich dort in den SAND zu legen und im Meer zu baden? Warum halten junge M\u00e4nner eine U-Industrie am Leben, die immer neue Filme von Gefahr und Gewalt, vom Kampf Mann gegen Mann produziert? Warum ist PORNO eine Hauptanwendung des Webs? Warum halten so viele Leute Hunde, die in ihren Wohnungen mehr vegetieren als leben? Und warum braucht unsere Gesellschaft so ungeheuer viel Alkohol?<\/p>\n<p><strong>&#8222;Life, as we know it&#8220; f\u00fcllt uns nicht aus<\/strong>, l\u00e4\u00dft uns unbefriedigt, denn es zwingt uns in jeder wachen Minute zu Vernunft und Selbstkontrolle, zum &#8222;n\u00fctzlichen&#8220; Tun. Allein der Kaufakt ist uns als &#8222;Restleben&#8220; geblieben, der Konsum von Waren und unterhaltenden EVENTS aller Art. Regeln, Formulare, Gesetze und Vorschriften ersetzen bis in die kleinste unserer Handlungen hinein eigene Entscheidungen und eigene Verantwortung. Mit dem Erwachsen-werden k\u00f6nnen wir uns in einer solchen Welt bis Mitte drei\u00dfig gem\u00fctlich Zeit lassen, falls es \u00fcberhaupt jemals dazu kommen mu\u00df.<\/p>\n<h2>Gebannt im Digital<\/h2>\n<p>Die technische Welt braucht den GANZEN MENSCHEN nicht mehr, er st\u00f6rt nur. Und wer nicht in der Lage ist, sich auf das Erw\u00fcnschte zu reduzieren, f\u00fcr den stehen Kn\u00e4ste und Irrenh\u00e4user, sowie eine Reihe hilfreicher Umerziehungseinrichtungen bereit. Neuerdings werden alle aussortiert, die nicht willens oder nicht in der Lage sind, einen Computer zu BEDIENEN, ein Handy mit sich zu tragen oder sich im Internet eigenst\u00e4ndig weiterzubilden. Das &#8222;richtige Leben&#8220; zu Beginn des dritten Jahrtausends findet vor dem Monitor statt, kommunizierend mit anderen Bildschirm-Existenzen oder allzeit erreichbaren Handy-Monaden. Und weil alles bereits getan und geregelt ist, wor\u00fcber man einst beraten, sich einigen und entscheiden mu\u00dfte, geraten die Gespr\u00e4che &#8211; zum Beispiel in den \u00f6ffentlichen R\u00e4umen der Mailinglisten &#8211; so unglaublich schnell OFFTOPIC.<\/p>\n<p>Y2K, der Millenium-Bug, macht uns durch sein M\u00d6GLICHES Crash-Potential ein letztes Mal bewu\u00dft, was der Fall ist, wie es mit uns steht. Jedoch &#8211; anders als fr\u00fchere Momente der Bewu\u00dftheit &#8211; birgt dieser Blick kein &#8222;Erwachen&#8220;, weder die Chance noch auch nur den echten WUNSCH nach einer Ver\u00e4nderung. Wo immer wir hinsehen, \u00fcberall macht uns das Digitale das Leben bequemer, angenehmer, vordergr\u00fcndig einfacher, es potenziert sogar unseren Wirkungsgrad, jetzt, wo nicht mehr viel zu bewirken ist. Es schmeichelt seiner Majest\u00e4t, dem ICH in nie gekannter Weise.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nichts mehr ANDERES wollen. Wir sind offensichtlich die letzten Menschen, einerseits. Zur anderen H\u00e4fte sind wir schon Cyborgs und haben nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln f\u00fcr den menschlich-archaischen Part, dieses verr\u00fcckte Wesen mit seiner unausrottbaren Sehnsucht nach dem CHAOS.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzer Sekunde hechtet der Held in die rettende Deckung, bevor die Sprengladung z\u00fcndet. Sein Vater sitzt am Ausl\u00f6seknopf und wartet fast etwas zu lange, obwohl der Sohn doch laut ruft &#8222;JETZT! 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