{"id":418,"date":"2005-10-11T13:39:31","date_gmt":"2005-10-11T11:39:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=418"},"modified":"2009-12-28T13:42:20","modified_gmt":"2009-12-28T11:42:20","slug":"vom-stoehnen-des-luefters-zur-stille-des-seins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/10\/11\/vom-stoehnen-des-luefters-zur-stille-des-seins\/","title":{"rendered":"Vom St\u00f6hnen des L\u00fcfters zur Stille des Seins"},"content":{"rendered":"<h2>Eine kleine Meditation \u00fcber die Ger\u00e4usche des Alltags<\/h2>\n<p>Wenn ich des Morgens als eine der ersten Handlungen des Tages meinen PC einschalte, reagiert er auf den entschlossenen Knopfdruck mit einem lang anhaltenden St\u00f6hnen.  Es klingt, als w\u00fcrde sich jemand mit gr\u00f6\u00dfter Anstrengung aus dem Staub tausendj\u00e4hriger Gr\u00e4ber erheben. Der Ton steigert sich, etwas ringt krampfhaft um Luft, um dann, nach ein paar Sekunden, die mir schier endlos vorkommen, in das gewohnte sanfte S\u00e4useln \u00fcberzugehen, das den Hintergrund meines werkt\u00e4glichen Soundteppichs bildet. <\/p>\n<p>Es ist der L\u00fcfter, ich wei\u00df, ich m\u00fcsste dringend den Vor-Ort-Service benachrichtigen: Techniker kommt, klappt das Ger\u00e4t mit brachialen Handgriffen auf, alter L\u00fcfter raus, neuer rein, fertig &#8211; und nichts st\u00f6hnt mehr. Zweimal war das bereits n\u00f6tig, L\u00fcfter scheinen nicht gerade der Hit in der Produktpalette von Dell zu sein. <\/p>\n<p>Manchmal staune ich, was f\u00fcr innere Resonanzen so ein &#8222;st\u00f6hnendes Ger\u00e4t&#8220; ausl\u00f6st:  Mitleid, Schuldgef\u00fchle (Himmel, heut&#8216; ruf ich aber an!), Angst um die Daten (muss mal wieder sichern, dringend!), aber auch eine seltsame innere Genugtuung: ICH habe keinen Grund,  so leidvoll zu st\u00f6hnen, wie sch\u00f6n! Stehe morgens GERNE auf, beginne  den Tag mit Freude und einer gro\u00dfen Kanne Milchkaffee &#8211; was will ich mehr?<\/p>\n<p>Das R\u00f6cheln der italienischen Espressokanne ist das n\u00e4chste &#8222;typische Ger\u00e4usch&#8220; des Tages. Es erinnert mich an den Graupapagei eines alten Freundes, der des Morgens genau diesen Ton in t\u00e4uschender Echtheit zu Geh\u00f6r brachte, um seinen Besitzer aus dem Schlaf zu locken. Mir bedeutet es fr\u00f6hliches Loslegen, der Kaffe steht schon bald neben dem Mauspad, der PC hat seine Probleme f\u00fcr diesen Tag hinter sich gebracht &#8211; und jetzt w\u00e4hle ich mich ein: Internet, ich komme! Wie das kreischt, zirpt, quengelt, in den unterschiedlichsten Tonlagen zwitschert! Manchmal denke ich daran,  diesen Ton aufzunehmen und zum Download anzubieten: f\u00fcr all diejenigen, die nie im Leben Kontakt mit einem Analog-Modem hatten, zu dem ich hier (mitten in Berlin!) dank der Telekom immer noch verdammt bin. W\u00fcrde sich bestimmt auch gut als Klingelton machen.<\/p>\n<p>Die Augen kann man schlie\u00dfen, doch gegen T\u00f6ne kann man sich nicht wehren, wir sind ihnen ausgeliefert. Selbst Oropax und \u00e4hnliche Geh\u00f6rverstopfer schotten nicht hunderprozentig ab. Muss auch nicht sein, denn lange schon w\u00e4hle ich meine Umgebungen &#8222;ger\u00e4uschbewusst&#8220;. Mal eine Stunde Bohrmaschineneinsatz beim Nachbarn st\u00f6rt mich nicht, eine halbe Nacht African Drums pro Jahr nehme ich ohne Protest hin, doch in lauten Kneipen halte ich mich nicht mehr auf, denn ich will ja h\u00f6ren, was der Mitmensch sagt. Meine Wohnung liegt in einem recht ruhigen Viertel mit wenig Verkehr, der nur sehr verhalten zum dritten Stock herauf t\u00f6nt. Ich arbeite weitgehend in der Stille und verabscheue es, im Hintergrund Radio oder TV laufen zu lassen. Musik schalte ich nur ein, wenn Besuch kommt. Die  Pausen im Gespr\u00e4ch wirken dann weniger irritierend, Schweigen wird einfacher, auch mit Menschen, die ich nicht k\u00f6rperlich ber\u00fchre.<\/p>\n<h2>Seelenmassage und Gef\u00fchlsdesign<\/h2>\n<p>Handwerker beschallen sich in der Regel \u00fcber den gesamten Arbeitstag. Neben dem Werkzeug ist das Kofferradio ihr wichtigstes Mitbringsel. Was w\u00fcrde ihnen wohl zusto\u00dfen, wenn sie der Stille ausgesetzt w\u00e4ren? Dar\u00fcber habe ich \u00f6fter schon nachgedacht, wenn mal wieder einer (St\u00f6rt Sie die Musik? Nein, nein, machen Sie nur!) auf ein paar Stunden Radio Energy oder sonst einen zeitgem\u00e4\u00df lauten und aufgeregten Sender nicht verzichten konnte. Hits der 70er, 80er, 90er und das Beste von heute &#8211; rauf und runtergespielt von einem Computer, dazwischen erregte Ansagen \u00fcber Banalit\u00e4ten. Haben die alle gekokst? Nicht mein Problem, schlie\u00dflich hab ich nur selten die Handwerker in der Wohnung, und wenn doch, ist es ein interessanter Einblick in einen fremden Gem\u00fctszustand. Was erreichen sie eigentlich mit dem ununterbrochenen Gedudel? Wollen sie keine eigenen Gedanken aufkommen lassen und in eine Art Trance geraten? Etwa so, wie man in alten Zeiten bei k\u00f6rperlicher Arbeit ins Singen kam??? Gesungen wird heute nur noch von wenigen Unerm\u00fcdlichen in allerlei Freizeit-Ch\u00f6ren, ansonsten lassen wir singen, es w\u00e4re peinlich, an dieser Stelle zum Do-it-Yourself zur\u00fcck zu finden &#8211; warum eigentlich?<\/p>\n<p>Musik trifft uns unmittelbar und erregt Gef\u00fchlsresonanzen. Die Melancholie Leonard Cohens, die euphorische Siegestrunkenheit von Queen, das Pathos der Carmina Burana, die vergeistigte Feierlichkeit der Klavierst\u00fccke von Bach, die fr\u00f6hlich-aufm\u00fcpfig-anklagenden Sprechges\u00e4nge im Rap &#8211; Musik ist Seelenmassage, im besten Fall frei gew\u00e4hlte Stimulation des Gef\u00fchlsk\u00f6rpers, der in Zeiten des rechnenden Denkens kaum mehr gesp\u00fcrt wird. Ja, eigentlich tun wir von klein auf alles, um jede nat\u00fcrliche Gef\u00fchlsreaktion zu unterdr\u00fccken: wir wollen und sollen &#8222;cool sein&#8220;, die Fassung bewahren, stets besonnen und rational unseren Zielen und Zwecken nachstreben. Durchgeplante Tage in st\u00e4hlernen Gedankengeh\u00e4usen, die weder W\u00e4rme noch K\u00e4lte, weder Liebe noch Verzweiflung aufkommen lassen &#8211; allenfalls g\u00e4hnt inmitten der vorgestanzten Pflichten und Termine die ganz gro\u00dfe Langeweile. Legt man dann mal &#8222;Another one bites the dust&#8220; auf, am besten so richtig laut, f\u00fchlt man sich gleich wieder besser, ja, ausgesprochen gut drauf und zu weiteren Schandtaten bereit.<\/p>\n<p>Solches Gef\u00fchlsdesign mittels Musik ist nicht mehr mein Ding. Irgendwann Ende der 80ger hab&#8216; ich aufgeh\u00f6rt, an aktueller Musik Anteil zu nehmen. Die alten Kassetten verstaubten in einer Schachtel, bei irgend einem Umzug trennte ich mich von der letzten &#8222;Anlage&#8220;, wie man das recht gro\u00dfformatige  Ger\u00e4te-Set mit schwarzen Boxen damals nannte. Komischerweise vermisste ich nichts, auch der irgendwann erworbene Radiorecorder blieb die meiste Zeit stumm. Ich f\u00fchrte ein Leben ohne Musik und hasste die zunehmend raumgreifende Hintergrundbeschallung in Kaufh\u00e4usern, Aufz\u00fcgen und \u00f6ffentlichen Toiletten. Es gibt viele Arten, zum Misanthropen zu werden, dies ist eine davon: Von was f\u00fcr Menschen bin ich eigentlich umgeben, die es keine halbe Stunde mit sich aushalten, ohne ihr Innerstes von au\u00dfen stimulieren zu lassen? K\u00f6nnen sie es nicht mehr wagen, eigene Empfindungen zuzulassen? M\u00fcssen sie jegliche Seelenregung \u00fcbert\u00f6nen und wegdr\u00fccken, um ihren Tag zu bestehen? Was w\u00fcrde ihnen zusto\u00dfen, wenn das mal wegfiele? Geraten sie dann in Panik &#8211; und warum? So gesehen kann einem der Mitmensch langsam aber sicher recht unheimlich werden!<\/p>\n<p>Mehr und mehr empfand ich Musikbeschallung als r\u00fcde Vergewaltigung. Wenn mir ein heftiger Sound ein bestimmtes Gef\u00fchl aufzwingt, ist das nichts wesentlich anderes, als wenn jemand meinen K\u00f6rper fremdbestimmt. Meine Horrorvision ist das Altersheim, in dem man endlos Hits der 60er, 70er und 80er abdudelt und wir als Greisinnen und Greise zu &#8222;I can&#8217;t get no Satisfaction&#8220; euphorisch mit dem Fu\u00df wippen. Und wenn ich dann endlich ins Koma falle, ist noch immer nicht Ruhe: dann werden mir per Headset Zen-Gongs und tibetische Blash\u00f6rner eingespielt, auf dass die Seele ihren Weg durch den Bardo nicht unbeschallt antreten muss. <\/p>\n<h2>Angst ist h\u00f6rbar<\/h2>\n<p>Gleich wird meine Kaffeekanne zum zweiten Mal r\u00f6cheln! Drau\u00dfen erklingt das Tat\u00fc-Tata einer Feuerwehr &#8211; eigentlich komisch, dass dieser Sound \u00fcber die Jahrzehnte kein Update erfahren hat! Der Wind f\u00e4hrt durch die B\u00e4ume auf dem Rudolfplatz und raschelnd rei\u00dfen sich die ersten Bl\u00e4tter los, fallen herab auf den Kinderspielplatz, der um diese Zeit sehr belebt ist: Lachen, Schreien &#8211; bei ge\u00f6ffneter Balkont\u00fcr ist hier einiges zu h\u00f6ren, doch es st\u00f6rt mich nicht. In zwei Jahren Leben auf dem Lande hatte ich soviel \u00e4u\u00dfere Stille, dass sie f\u00fcr ein Leben reicht! Seitdem geht der L\u00e4rm der Stadt durch mich hindurch, ohne irgendwo im Gem\u00fct anzuecken und genervte Gef\u00fchle zu erzeugen. Ein seltsames Ph\u00e4nomen, das sich auch positiv auf die Situation auswirkt, wenn ein Geliebter neben mir einschl\u00e4ft und schnarcht. Auch das geht durch mich hindurch &#8211; allerdings nur dann, wenn ich mit ihm eins bin, wenn es nichts an ihm zu meckern gibt und die physische N\u00e4he Ausdruck unserer inneren N\u00e4he ist. Ansonsten schlafe ich lieber allein.<\/p>\n<p>Leider viel zu selten komme ich mal raus aus der Stadt, ins brandenburgische Umland. Dort kann ich dann fast sicher sein, dem schrecklichsten Sound zu begegnen, den ich mir vorstellen kann: Das tiefe und gef\u00e4hrliche Brummen einer Hornisse erkenne ich aus allen anderen Insektenstimmen heraus. Ich wei\u00df, ich wei\u00df, so gef\u00e4hrlich sind sie nicht und meist auch nicht aggressiv &#8211; aber ich hab&#8216; nun mal von Kindheit an eine Bienen-Wespen-Hornissen-Phobie, als deren Rest mir die Angst vor den Hornissen geblieben ist. Mein Begleiter macht gerne Scherze dar\u00fcber, dass ich sie geradezu anziehe. In den Monaten, die ich einst in einem uralten italienischen Bauernhaus verbrachte, war ich ihnen sehr nahe: jeden Abend umschwirrte so ein Rieseninsekt in Alarmfarben die offene Gaslampe und erlegte sich irgendwann in der Flamme &#8211; schauderhaft!  Ihr tiefer Ton geht mir durch Mark und Bein, doch hat mich diese Erfahrung, der ich nicht ausweichen konnte, auch inspiriert: <a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/digidiary\/santamaria.html\" target=\"new\">meine einzige belletristische Story<\/a> entstand unter direkter Einfl\u00fcsterung der Hornissen. Schreibend versuchte ich, den Schrecken, den sie mir bedeuteten, in den Griff zu kriegen. Und wirklich, meine Angst ist seitdem deutlich geringer, doch wenn ich ihren Ton h\u00f6re, sp\u00fcre ich es immer noch tief im Bauch.<\/p>\n<h2>Der tonlose Ton<\/h2>\n<p>Gibt es eigentlich vollkommene Stille? Zur \u00dcbung der Meditation sucht man gew\u00f6hnlich eine ruhige Umgebung mit m\u00f6glichst wenigen Fremdger\u00e4uschen auf. Seltsamerweise kann es dann doch sehr laut werden: eine T\u00fcr schl\u00e4gt zu, ein R\u00e4ucherst\u00e4bchen knistert, ein Vogel zwitschert, jemand niest, hustet oder r\u00e4uspert sich &#8211; je mehr die Stille gesucht wird, desto mehr scheint sie sich zu entziehen. Von John Cage wird erz\u00e4hlt, er habe mit gro\u00dfem technischen Aufwand nach der absoluten Stille gesucht &#8211; und sie doch niemals gefunden! Kein Wunder, sie ist ja nicht &#8222;da drau\u00dfen&#8220;, sie ist der Hintergrund, auf dem alle T\u00f6ne erscheinen. Wenn es uns gelingt, von allem abzusehen, s\u00e4mtliche Eindr\u00fccke widerstandslos &#8211; also ohne Bewertung &#8211; durch uns hindurch gehen zu lassen, dann h\u00f6ren wir vielleicht den &#8222;tonlosen Ton&#8220;, den Urgrund aller Dinge, den Nicht-Sound der Leere, die die F\u00fclle ist. <\/p>\n<p>Soweit hab&#8216; ich&#8217;s aber auch noch nicht gebracht! Ich arbeite noch dran, meinem PC das St\u00f6hnen wieder abzugew\u00f6hnen: HEUTE werde ich bei Dell anrufen, bevor mir der L\u00fcfter noch ganz verreckt. Ganz bestimmt!<\/p>\n<p style=\"border: 1px solid gray; padding: 8px; font-size: 11px; margin-top: 30px; line-height: 16px;\">Dieser Artikel w\u00e4re nie entstanden, h\u00e4tte ihn nicht <a href=\"ondemand.html\">ein Diary-Leser unterst\u00fctzt<\/a> <strong>und sich das Thema gew\u00fcnscht!<\/strong> 1000 Dank! Ich habe die mir so geschenkte &#8222;Schreibzeit&#8220; sehr genossen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Meditation \u00fcber die Ger\u00e4usche des Alltags Wenn ich des Morgens als eine der ersten Handlungen des Tages meinen PC einschalte, reagiert er auf den entschlossenen Knopfdruck mit einem lang anhaltenden St\u00f6hnen. Es klingt, als w\u00fcrde sich jemand mit gr\u00f6\u00dfter Anstrengung aus dem Staub tausendj\u00e4hriger Gr\u00e4ber erheben. 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