{"id":4176,"date":"1999-12-17T13:47:23","date_gmt":"1999-12-17T12:47:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4176"},"modified":"2024-02-02T13:48:26","modified_gmt":"2024-02-02T12:48:26","slug":"babylon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/12\/17\/babylon\/","title":{"rendered":"Babylon"},"content":{"rendered":"<p>Back home: Der kurze Ausflug nach Berlin mu\u00dfte sein, doch bin ich froh, jetzt wieder hier im Ruhigen zu sitzen, dort drau\u00dfen die leicht verschneite Wiese und den winterlichen Wald zu sehen &#8211; und sonst gar nichts!<!--more--><br \/>\nAls wir uns in den Moloch einf\u00e4delten, eine Stunde Fahrt durch das H\u00e4usermeer, durch Unterf\u00fchrungen und Tunnels, dahingleitend in einem mehrspurigen Autostrom (gl\u00fccklicherweise ohne Stau), konnte der Kontrast zum Dorf in Mecklenburg kaum gr\u00f6\u00dfer sein. Nach so langer Stadt-Abstinenz war es, als w\u00fcrde ich in einen Film eintreten, alles nicht so ganz real.<\/p>\n<p>Dann ein Stadtbummel, diesmal City West, Kuhdamm, Weihnachtsmarkt, KaDeWe &#8211; ich spielte Touristin und war begeistert von der \u00fcberw\u00e4ltigenden Vielfalt der Formen und Farben, vom glitzernden Reichtum, den vielen Menschen und ihren wuselnden Bewegungen. Anders als im Sommer ist um diese Zeit der Stadtl\u00e4rm ertr\u00e4glich und auch die Luft beleidigt die Nase nicht. Im Chamissokiez angekommen, in dem ich 20 Jahre wohnte, freute ich mich \u00fcber die Selbstverst\u00e4ndlichkeit des gro\u00dfst\u00e4dtischen Stils der Kneipen, Caf\u00e9s und L\u00e4den: alles STIMMT, ohne allzu glatt zu wirken, jeder Raum hat eine eigene kunstvoll-gepflegte Atmosph\u00e4re, und die Menschen PASSEN in die jeweilige Umgebung.<\/p>\n<p>Hier dagegen, in den wenigen Lokalen, die ich in und um Schwerin bisher gesehen habe, wirkt das meiste aufgesetzt, ein Bem\u00fchen, als w\u00fcrde mit gro\u00dfer Anstrengung &#8222;Gastronomie&#8220; gespielt, weil das heute nun mal sein mu\u00df. Die Menschen sitzen um die Tische und schauen diejenigen, die zur T\u00fcre hereinkommen, verwundert an, als w\u00e4re etwas falsch. Und sehen selbst aus, als w\u00e4ren sie angestrengte Schauspieler im B\u00fchnenst\u00fcck \u00bbHeute gehen wir aus\u00ab. Provinz eben!<\/p>\n<p>Die ersten Stunden sp\u00fcrte ich den Wunsch, wieder in Berlin zu leben, die unendlichen M\u00d6GLICHKEITEN st\u00e4ndig zu sp\u00fcren und niemals an mangelnden Eindr\u00fccken von au\u00dfen zu leiden. Eindr\u00fccke, an denen man sich erfreuen kann, ohne selbst bemerkt zu werden, in der vollen Anonymit\u00e4t der Stadt, wo alle in einer Art Halbschlaf aneinander vorbei sehen, jeder in sich und die eigenen Ziele versunken.<\/p>\n<p>Doch lange hielt die Freude nicht. Eine gro\u00dfe M\u00fcdigkeit \u00fcberkam mich, die ich zwar zu \u00fcbergehen bereit war, aber nicht \u00fcbersehen konnte. Und am n\u00e4chsten Morgen auf der Autobahn, als die Stadt hinter uns lag, der Blick wieder frei bis an den weiten Horizont schweifen konnte, f\u00fchlte ich die Wiederkehr der Ruhe. Wie angenehm! Und heute, daheim im Schlo\u00df, wo so garnichts geschieht au\u00dfer dem Wechsel des Wetters, sp\u00fcre ich: DAS EREIGNIS will ich selber sein, auch dann, wenn nichts stattfindet und Langeweile aufkommt. Ich m\u00f6chte nicht umgeben sein von millionen Aktivit\u00e4ten, die mir in jedem Moment das Gef\u00fchl vermitteln, ich k\u00f6nnte (sollte?) vielleicht doch etwas anderes tun als das, was ich gerade mache.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Back home: Der kurze Ausflug nach Berlin mu\u00dfte sein, doch bin ich froh, jetzt wieder hier im Ruhigen zu sitzen, dort drau\u00dfen die leicht verschneite Wiese und den winterlichen Wald zu sehen &#8211; und sonst gar nichts!<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,895],"tags":[1044,282,1045],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4176"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4176"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4176\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}