{"id":4174,"date":"1999-12-13T13:39:55","date_gmt":"1999-12-13T12:39:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4174"},"modified":"2024-02-02T13:43:28","modified_gmt":"2024-02-02T12:43:28","slug":"beduerfnisse-und-pyramiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/12\/13\/beduerfnisse-und-pyramiden\/","title":{"rendered":"Bed\u00fcrfnisse und Pyramiden"},"content":{"rendered":"<p>Als ich am letzten Mittwoch so furchtbar gelangweilt von allem Tun &amp; Lassen meinen Frust in dieses Diary ausgo\u00df, <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/leserbriefe\/#christiane\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schrieb mir Christiane<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Was uns antreibt, uns motiviert, sind in letzter Konsequenz unsere unbefriedigten Bed\u00fcrfnisse, wenn wir es auch oft eher mit anderen Worten umschreiben. Nach dem amerikanischen Psychologen Abraham Maslow sind diese unser Antrieb und Motor, und indem wir uns auf der &#8222;Bed\u00fcrfnispyramide&#8220; nach oben leben oder ausleben (ohne eine Stufe auslassen zu k\u00f6nnen, das klappt nicht), entwickeln wir uns. Irgendwann ist etwas &#8222;abgegessen&#8220;, im tiefsten Innern ausgelebt und dann folgt etwas Neues.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ja, ich kenne Maslow und seine Pyramide! Ich war mehr als begeistert, als ich vor ca. 20 Jahren sein Buch las. Genauso begeistert wie daneben und danach von vielen vielen anderen Autoren, Psychologen, Philosophen und spirituellen Lehrern, von denen ich glaubte, sie k\u00f6nnten mir die Welt und mich selbst erkl\u00e4ren. Fasziniert verschlang ich ein Buch nach dem anderen, immer mit dem Gef\u00fchl: DAS IST ES! Es gen\u00fcgt, das zu wissen, und dann wird alles anders&#8230;.<\/p>\n<p>Weit gefehlt, wer Bescheid wei\u00df, wie Regen funktioniert, kann noch lange keine Trockenheit schaffen. Nichts \u00e4nderte sich, allenfalls gab ich anderen gegen\u00fcber mein Wissen zum Besten, immer dann, wenn ich sie ein bi\u00dfchen manipulieren wollte (auch &#8222;helfen&#8220; genannt). Und schon bald kaufte ich das n\u00e4chste &#8222;Weisheitsbuch&#8220;&#8230;.<\/p>\n<p>Eigentlich ist das v\u00f6llig klar. Maslow und seine Bed\u00fcrfnispyramide ist ein gutes Beispiel. Ich halte f\u00fcr wahr, was er schreibt &#8211; aber es steht mir deshalb nicht zur Verf\u00fcgung. Ich kann nicht selbst bestimmen, welche Bed\u00fcrfnisse ich nun programmgem\u00e4\u00df zu entwickeln habe! Zwischen 15 und 25 standen z.B. M\u00e4nner, Beziehungen und Sex an erster Stelle &#8211; nicht nur im Denken, sondern im &#8222;Real Life&#8220;. F\u00fcr Politik und \u00f6ffentliches Engagement interessierte ich mich nicht die Bohne. Total gelangweilt studierte ich Jura, weil mir nichts besseres eingefallen war. 1980 schmi\u00df ich fr\u00f6hlich alles hin, als mein damaliger Freund einen Weg suchte, die Bundeswehr zu vermeiden, und wir zogen nach Berlin, auf zu neuen Ufern! In unseren Beziehungskonflikten waren wir lange schon ohne Hoffnung auf Auswege, mal ein gro\u00dfer Wechsel im \u00c4u\u00dferen wirkte faszinierend.<\/p>\n<p>Und das war er auch, nur anders, als ich gedacht hatte. Ich geriet schnell an einen neuen Mann und mit ihm in die Hausbesetzerbewegung, mitten in heftigste Berliner Stadtpolitik. Auf einmal lernte ich die Welt ganz neu kennen: ich kommunizierte die Mieter- und Besetzerinteressen, schrieb Flugbl\u00e4tter und Bewegungszeitungen, trat Vereinen, Mieterl\u00e4den und der alternativen Partei bei und studierte nebenbei Kommunikation. Da mir das Steine-werfen nicht so lag (Angst!), wandte ich meine juristischen Kenntnisse an, um manches Haus zu verteidigen &#8211; ich ging v\u00f6llig auf in alledem und wurde von der fr\u00f6hlichen Revoluzzerin im Lauf weniger Jahre zur nervigen Funktion\u00e4rin, die im Stadtteil Machtpolitik betrieb. Immer in der Meinung, GUTES f\u00fcr die Welt zu tun, immer im Dienst, Privatleben nicht vorhanden.<\/p>\n<p>Auch das fand ein Ende. Mit Mitte 30 war ich am Tiefpunkt angekommen, hatte s\u00e4mtliche Ideale und Motivationen verloren, konnte nicht mehr \u00fcbersehen, da\u00df ich in einem Laufrad strampelte, das mich einfach nur fertig machte: Bekannt sein, Einflu\u00df haben, sozialer Status mittels Leistung und \u00c4mtern &#8211; ich &#8222;selber&#8220; war garnicht mehr vorhanden und das r\u00e4chte sich gewaltig. Ich zog mich aus der Politik zur\u00fcck und meinte, eine Zeitung zu machen sei weniger stressig. Als letztes wollte ich nur noch nette Menschen in einer Kiezkneipe bewirten, die mir mehr oder weniger zugefallen war &#8211; doch nichts auf dieser &#8222;\u00f6ffentlichen Schiene&#8220; war noch irgendwie &#8222;besser&#8220;, im Gegenteil. Ich mu\u00dfte ganz aufh\u00f6ren mit alledem. Es war hart, bis ich es akzeptierte, doch dann war es die Befreiung von einer unendlich gro\u00dfen Last. Nicht mehr glauben, &#8222;die Welt auf den Schultern zu tragen&#8220; &#8211; welch eine Freude!<\/p>\n<p>Im letzten Jahrzehnt machte ich nur noch, was mir &#8222;von selbst&#8220; entgegenkam &#8211; von innen als Impuls, von au\u00dfen als Gelegenheit. Der wesentliche Unterschied zu vorher ist die Abwesenheit von Planung und Gr\u00fcbeln, dieses ganze Berechnen von Nutzen und Kosten, das Rechten \u00fcber GUT oder SCHLECHT&#8230;. Und auf einmal war alles leicht und besser und erfolgreicher als jemals zuvor. Der &#8222;Kick&#8220; in dieser Lebensweise ist die Freude, etwas einfach tun zu k\u00f6nnen, nicht links nicht rechts schauend, was andere dazu meinen m\u00f6gen. Man mu\u00df nicht rechfertigen, was &#8222;von selber&#8220; kommt, es ist ein Gef\u00fchl des &#8222;flie\u00dfens&#8220; und nicht mehr das alte &#8222;sich-einen-Tunnel-freihacken&#8220;.<\/p>\n<p>Was jetzt ist, was sich vielleicht gerade \u00e4ndert, kann ich nicht sagen, dazu fehlt mir die Distanz. Ich merke nur, da\u00df sich nichts mehr &#8222;von selber&#8220; als Hauptimpuls anbietet &#8211; eher eine Landschaft von M\u00f6glichkeiten, in denen ich aus meiner Sicht \u00fcberall mitgehen kann. Warum aber hier und nicht dort? Warum dies und nicht jenes? Ein R\u00fcckfall ins Gr\u00fcbeln ist nicht drin, ich wei\u00df einfach, da\u00df ich es nicht ERDENKEN kann.<\/p>\n<p>Schon garnicht kann ich &#8222;neue Bed\u00fcrfnisse&#8220; entwickeln. Im Gegenteil, eher habe ich Angst, da\u00df sich wirklich etwas ver\u00e4ndert. Denn immer waren diese Paradigmenwechsel mit Zerst\u00f6rung dessen, was ist, verbunden. Und hier bin ich keineswegs gelassen (fr\u00fcher sagte man &#8222;dem\u00fctig&#8220;), sondern h\u00e4nge am Bestand, an der Sicherheit des Bekannten, an dem, was ich &#8222;erreicht habe&#8220;.<\/p>\n<p>Genug Autobio f\u00fcr heute! Die H\u00fchner auf der Gadebuscher Gefl\u00fcgelschau gestern waren wirklich super. Kein langweiliges dreckig-gelbes Federvieh, sondern wundersch\u00f6ne V\u00f6gel in wahnsinnigen Farben und Formen! Ich freu mich auf &#8222;unsere H\u00fchner&#8220;!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich am letzten Mittwoch so furchtbar gelangweilt von allem Tun &amp; Lassen meinen Frust in dieses Diary ausgo\u00df, schrieb mir Christiane: &#8222;Was uns antreibt, uns motiviert, sind in letzter Konsequenz unsere unbefriedigten Bed\u00fcrfnisse, wenn wir es auch oft eher mit anderen Worten umschreiben. Nach dem amerikanischen Psychologen Abraham Maslow sind diese unser Antrieb und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[471,11],"tags":[1041,1040,104],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4174"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4174"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4174\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}