{"id":4170,"date":"1999-12-08T13:05:57","date_gmt":"1999-12-08T12:05:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4170"},"modified":"2024-02-02T13:12:08","modified_gmt":"2024-02-02T12:12:08","slug":"im-gruenen-bereich-zu-tode-gelangweilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/12\/08\/im-gruenen-bereich-zu-tode-gelangweilt\/","title":{"rendered":"Im gr\u00fcnen Bereich: zu Tode gelangweilt!"},"content":{"rendered":"<p>Ein Freund und Kollege sagt manchmal, wenn wir einen Auftrag besprechen, es sei &#8222;alles im gr\u00fcnen Bereich&#8220;. Also kein Stress, keine Probleme mit dem Kunden, keine schwierigen Fragen, eben alles paletti. <!--more--><br \/>\nSo geht es mir, bezogen auf das Leben insgesamt, nun schon l\u00e4nger: alles im gr\u00fcnen Bereich &#8211; und ich langweile mich zu Tode! Man merkt es daran, da\u00df ich hier oft \u00fcber das Wetter schreibe und mir nicht viel einf\u00e4llt, was ich zur Welt sagen k\u00f6nnte. Es erscheint mir alles so ausgelutscht und abgehalftert, so allzu bekannt und immer wieder dasselbe, eine automatenhafte Welt mit automatenhaften Menschen.<\/p>\n<p>Nicht, da\u00df ich etwa irgendwie &#8222;gel\u00e4utert&#8220; w\u00e4re oder \u00fcber den Dingen st\u00fcnde, keineswegs! Ich bin mir selber ungemein langweilig in den immer wiederkehrenden Impulsen und mag ihnen nicht mehr folgen. Sogar das verl\u00e4\u00dflichste Moment am Mensch-Sein, das Streben nach Anerkennung und &#8222;bemerkt-werden&#8220;, ringt mir ein G\u00e4hnen ab, denn ich wei\u00df, wie simpel das funktioniert. Man braucht ja bloss ein bi\u00dfchen Leistung bringen, ein wenig Unterhaltung und Originalit\u00e4t bieten und schon rieselt die Anerkennung von der Decke.<\/p>\n<p>Es ist, als h\u00e4tte ich in einem Spiel alle M\u00f6glichkeiten mehrfach durchprobiert, dabei viel gelernt, sogar gelernt, zu gewinnen und &#8211; etwas schwieriger &#8211; zu verlieren. Und jetzt? W\u00e4hrend des Spiels sieht es jeweils so aus, als w\u00e4re das Gewinnen etwas Wunderbares, als w\u00fcrden sich dann die Tore zu irgendwelchen Paradiesen \u00f6ffnen. Ein Reiz, ein Versprechen, ein Geheimnis lockt &#8211; und deshalb strengt man sich an, ist man immer wieder bereit, die M\u00fchsahl und die Gefahren des Spiels auf sich zu nehmen. Doch irgendwann wird das ganze Spiel transparent: tue ich dies, dann geschieht das&#8230;. da ist gar kein Geheimnis!<\/p>\n<p>An diesem Punkt war ich schon \u00f6fter. Zum Gl\u00fcck hab&#8216; ich gelernt, mich deshalb nicht selbst zu zerst\u00f6ren, theatralisch zu werden oder die &#8222;existenziell Verzweifelte&#8220; zu geben. Das ist n\u00e4mlich auch nur eine Pose, zumal eine f\u00fcr mich und meine Mitmenschen besonders \u00e4tzende.<\/p>\n<p>Ich bleibe dann also &#8222;cool&#8220;, lasse die Tage ins Land gehen, das Wetter \u00e4ndert sich und in der Regel kommt bald irgend etwas, was wieder den Anschein (die Illusion!) eines kleinen Geheimnisses mitbringt, etwas, das es lohnend aussehen l\u00e4\u00dft, wieder etwas Energie zu investieren. Oder &#8211; und das ist die schlechtere L\u00f6sung &#8211; irgendwelche wichtigen Parameter der aktuellen Lebenssituation rutschen aus dem &#8222;gr\u00fcnen Bereich&#8220;, werden zum Problem: schon bin ich wieder besch\u00e4ftigt und strample im Laufrad, um den Status Quo wieder zu erreichen, in dem ich eben noch so unendlich gelangweilt war&#8230;<\/p>\n<p>Ein wirklich bl\u00f6des Spiel! Ist es das einzige? Spirituelle Lehren versprechen seit jeher: es gibt etwas Anderes, ein &#8222;Jenseits&#8220; des Spiels. Das Spiel hei\u00dft &#8222;die Welt&#8220; und du kannst daraus erwachen. Doch das &#8222;Erwachen&#8220;, wie ich es kenne und hier beschreibe, erscheint mir als etwas Schreckliches: Wegfall aller W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume, Leerlaufen der Triebstruktur, Verlust der Motivationen, Unf\u00e4higkeit zu VOR-STELLUNGEN &#8211; und die stete Frage: Was nun? Was tun? Warum \u00fcberhaupt etwas tun?<\/p>\n<p><b>Holz hacken, Wasser holen<\/b>. Mein verehrter Yoga-Lehrer gab den ber\u00fchmten ZEN-Spruch zum Besten, wenn ich w\u00e4hrend der 8 Jahre bei ihm manchmal von solchen Irritationen berichtete. Und ich dachte mir ver\u00e4rgert: &#8222;Du hast gut reden, wir haben doch alle genug Holz und Wasser! H\u00e4tten wir keins, h\u00e4tten wir genug zu tun!&#8220; Das ist die agressive Stimmung, die auftritt, wenn das Spiel allzu durchsichtig geworden ist und man ernsthaft bemerkt, da\u00df die einfache Kick-Suche zu Ende geht.<\/p>\n<p>Schlicht machen, was anliegt. Das ist wirklich 1000 mal besser, als sich zu besaufen oder einen Streit vom Zaun zu brechen, sogar besser, als &#8222;literarisch&#8220; zu werden. Deshalb h\u00f6r&#8216; ich jetzt auch auf und werde &#8211; endlich mal!!! &#8211; die Steuer &#8217;98 machen. Da lockt zwar kein gro\u00dfes Geheimnis, sondern nur eine un\u00fcbersichtliche Zettelwirtschaft. Doch ich wette, hinterher sieht die Welt wieder anders aus.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Freund und Kollege sagt manchmal, wenn wir einen Auftrag besprechen, es sei &#8222;alles im gr\u00fcnen Bereich&#8220;. 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