{"id":416,"date":"2005-09-28T08:32:51","date_gmt":"2005-09-28T06:32:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=416"},"modified":"2009-12-28T16:33:57","modified_gmt":"2009-12-28T14:33:57","slug":"nichts-bleibt-wie-es-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/09\/28\/nichts-bleibt-wie-es-war\/","title":{"rendered":"Nichts bleibt, wie es war"},"content":{"rendered":"<h2>\u00dcber den Umgang mit Ver\u00e4nderungen und Verlusten<\/h2>\n<p>Noch stehen die Pyramiden. Immer wieder staune ich \u00fcber diesen Ausdruck des Willens eines ganzen Volkes, der Verg\u00e4nglichkeit etwas Dauerhaftes entgegen zu setzen. Der Todeskult, die extreme Orientierung auf ein jenseitiges Weiterleben, das mittels bestimmter Methoden und Techniken erreichbar schien, erscheint wie das erste gro\u00dfe Aufb\u00e4umen der Menschen gegen die Verg\u00e4nglichkeit:  der erwachte Verstand kann sein eigenes Ende nicht fassen und tritt &#8222;mit allen Mitteln&#8220; dagegen an! Faszinierend und tragisch zugleich.<\/p>\n<p>&#8222;Und alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit&#8220; &#8211; also sprach Nietzsche und trifft damit eine Wahrheit, die jeder in sich sp\u00fcren kann: wir wollen alles, was wir &#8222;haben&#8220;, festhalten: geliebte Menschen, m\u00fchsam erworbenen Besitz, einmal erreichten Status, Gesundheit, Jugendlichkeit, Bequemlichkeit, glatte Haut. Wachsen und Werden wird verstanden als Macht und Besitzstand mehren, und die Bewegung, die Anstrengung, die das mit sich bringt, lenkt die Aufmerksamkeit vom Vergehen und Verlieren, vom unaufhaltsamen Verschwinden aller Dinge eine Zeit lang ab. Manche Menschen setzen sich ins Auto, wenn sie sich mies f\u00fchlen, und fahren einfach ohne Ziel herum: die blo\u00dfe physische FORT-Bewegung verbessert das Befinden, die Situation am Steuer gibt ein Gef\u00fchl von Macht und Einfluss, das Umschlossensein von einer guten Tonne Blech und Plastik vermittelt Sicherheit. Es geht voran, und wo es voran geht, winken Gewinne, man f\u00e4hrt den drohenden Verlusten, der Leere, dem Sterben einfach davon.<\/p>\n<p>Kann man sich mit dem Verschwinden, mit Verlusten aller Art anfreunden? Als Kind wurde ich von einer \u00fcberm\u00e4chtigen Kinderbande oft gezwungen, an sportlichen Wettl\u00e4ufen teilzunehmen, die mir extrem verhasst waren. Ich war die kleinste, j\u00fcngste und schw\u00e4chste im Club, noch dazu eine &#8222;Zugezogene&#8220;, deren Mundart vom Hessischen abwich. Es strengte mich \u00fcber alle Ma\u00dfen an, dreimal um den Hof und dann hechelnd dem Ziel entgegen zu rennen, und so kam ich eines Tages auf die verzweifelte Idee,  jedes Streben einfach aufzugeben. Von einem Augenblick zum anderen h\u00f6rte ich auf, noch irgendwie einen engagierten Eindruck machen zu wollen, um mir wenigstens minimalen Respekt meiner Mitkinder zu erhalten. Ich lie\u00df mich auf halber Strecke auf den Kiesweg fallen, sch\u00fcrfte mir die Knie blutig, schied so aus dem Rennen und hatte meine Ruhe.<\/p>\n<p>Voraussetzung dieser allzu selbstverletzenden Art, den Notausgang zu nehmen, war mein Erfahrungswissen, dass ich sowieso keine Chance hatte, zu gewinnen oder auch nur einen Platz im Mittelfeld zu erreichen. Wie immer, w\u00fcrde ich die Letzte sein, auch wenn ich mich noch so sehr bem\u00fchte. Warum also nicht GLEICH  aussteigen aus dem Rattenrennen?<\/p>\n<p>Scheitern, versagen, nicht gen\u00fcgen, verspottet und verlacht werden &#8211; diese Erfahrung beherrschte meine Kinderjahre. Es gab f\u00fcr mich auch keinen sicheren Flucht- oder R\u00fcckzugsort, denn zuhause terrorisierte mich mein oft alkoholisierter Vater, und meine Mutter konnte mich zwar vordergr\u00fcndig tr\u00f6sten, mich aber nicht wirklich besch\u00fctzen. <br \/>\nSo blieb mir nur \u00fcbrig, in mir selbst mit alledem einen Umgang zu finden, der mich weiter leben lie\u00df. Das &#8222;aufgeben und loslassen&#8220; war eine der Methoden, die ich fand. <\/p>\n<p>Gar nicht erst k\u00e4mpfen, das verbraucht nur nutzlos Energie und macht nichts besser &#8211; als EINZIGES Konzept f\u00fcr ein ganzes Leben ist das nicht unbedingt hilfreich und ich bin froh, dass sich meine Lage mit der Einschulung ver\u00e4nderte: Lesen und Schreiben beherrschte ich gut und bekam daf\u00fcr auch Anerkennung. Pl\u00f6tzlich bekam Anstrengung und Bem\u00fchen einen Sinn,  aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<h2>Nichts zu verlieren<\/h2>\n<p>Das, was ich in den &#8222;schrecklichen Jahren&#8220; mit der Kinderbande  lernte, n\u00e4mlich das Leben am (gef\u00fchlten) sozialen Nullpunkt, umgeben von Feinden oder falschen Freunden, die jederzeit und auf g\u00e4nzlich unberechenbare Weise zu Angreifern werden konnten, war &#8222;trotz allem&#8220; nicht etwa nutzlos. Alles, was sp\u00e4ter kam, war dann n\u00e4mlich vergleichsweise leicht zu bestehen: die K\u00e4mpfe und Irritationen der Pubert\u00e4t, das Leben in den Peer-Groups als Jugendliche, die heftigen Auseinandersetzungen in fast symbiotischen Zweierbeziehungen, schlie\u00dflich die politischen Aktivit\u00e4ten, der kreative Kampf um die Teilhabe an der Macht, die &#8222;wir&#8220; nicht den Parteien und etablierten Institutionen \u00fcberlassen wollten. <\/p>\n<p>Auf all diesen Ebenen war ich erfolgreich, nicht zuletzt deshalb, weil ich &#8222;innerlich radikal&#8220; sein konnte: die M\u00f6glichkeit, die eigenen Errungenschaften, Anspr\u00fcche und W\u00fcnsche von einem Augenblick zum anderen vollst\u00e4ndig loszulassen, gab meinen Aktivit\u00e4ten eine gewisse Leichtigkeit, einen Aspekt des &#8222;Spielerischen&#8220;, der gro\u00dfe Dynamik und das Eingehen von Risiken erm\u00f6glichte. Ohne lange dar\u00fcber nachzudenken, opponierte ich auch gerne gegen Versuche, f\u00fcr alle Probleme oder Gestaltungsaufgaben ENDL\u00d6SUNGN zu finden. Von der Verkehrsberuhigung \u00fcber die Brunnenplatzgestaltung bis hin zur halbj\u00e4hrlichen Renovierung einer Kneipe, die ich mit einem Freund betrieb: immer suchten alle nach L\u00f6sungen &#8222;f\u00fcr immer&#8220;, ohne sich bewusst zu fragen, ob das denn so sein muss, ob &#8222;f\u00fcr immer&#8220; \u00fcberhaupt zu haben ist! Aber egal, es musste ein Aufwand getrieben werden, als ginge es um Ewigkeit &#8211; und oft genug verhinderte gerade dieser unbewusste Perfektionsanspruch, dass \u00fcberhaupt etwas zustande kam.<\/p>\n<h2>Alles ver\u00e4ndert sich<\/h2>\n<p>Wo es um Menschen geht und nicht um Dinge, ist festhalten und besitzen wollen nicht nur kontraproduktiv, sondern geradezu Gift f\u00fcr Freundschaft und Liebe. Projekte, Gesch\u00e4fte und das gro\u00dfe Abenteuer des Kinderaufziehens brauchen Verbindlichkeit und Stabilit\u00e4t, ohne Frage. Das meine ich hier auch nicht, sondern das Sehnen danach, dass der Andere morgen und n\u00e4chste Woche ganz genauso sein m\u00f6ge, wie er gestern war, als man miteinander Sch\u00f6nes erlebte. Wer sich selbst beobachtet, stellt fest, dass es so etwas wie ein gleich bleibendes Ich gar nicht gibt. Da ist ein st\u00e4ndiger Fluss der Ver\u00e4nderung, Gedanken, Gef\u00fchle, Empfindungen kommen und gehen, Priorit\u00e4ten ver\u00e4ndern sich, sogar ganze Weltbilder br\u00f6ckeln mal locker weg, wenn sich die Umst\u00e4nde drastisch \u00e4ndern. Wer kann wissen, was und WER er morgen sein wird? M\u00f6chte ich bleiben, was ich heute bin? W\u00fcnsche ich mir Freunde und Geliebte, die mich so konservieren wollen? Gewiss nicht! Lieber werde ich verlassen, als dass ich so bleibe, wie X mich gerne h\u00e4tte, das steht ja nicht einmal in meiner eigenen Macht! Ich k\u00f6nnte nur &#8222;so tun als ob&#8220; und ihm ein Schauspiel bieten, anstatt mich zu geben, wie ich gerade bin, und so etwas mache ich nicht umsonst. Da bedarf es einer ordentlichen Gegenleistung &#8211; und schon sind wir im Reich der (Beziehungs-)Gesch\u00e4fte und nicht mehr im Raum der Liebe!<\/p>\n<p>Ist nicht gerade die Ver\u00e4nderung, das Unberechenbare, das unerforschliche Werden und Sich-Verwandeln das Spannende im Leben, das Wunderbare am Mitmenschen??<\/p>\n<p><b>&#8222;Genie\u00dfen war noch nie ein leichtes Spiel&#8220;<\/b> sang Constantin Wecker und meint damit die Tatsache, dass &#8222;mehr vom selben&#8220; nicht zu mehr Genuss, sondern zum Gegenteil f\u00fchrt: zu \u00dcberdruss und Langeweile. Unser Gehirn ist nicht daf\u00fcr ausgelegt, Gleichf\u00f6rmigkeit lange zu ertragen: egal ob Freude oder Leiden, nach einiger Zeit ver\u00e4ndert sich das Erleben, tendiert wieder auf die andere Seite der Bandbreite zwischen dunkel und hell, schrecklich und sch\u00f6n, Gl\u00fcck und Verzweiflung, Lust und Schmerz.<\/p>\n<p><b>Alles, was gewonnen wird, wird auch wieder verloren.<\/b> Sich darin zu ersch\u00f6pfen, dem entgegen zu treten und alle Energien daf\u00fcr einzusetzen, Verluste zu vermeiden, bedeutet, die Lebenszeit mit sinnlosen Anstrengungen zu vergeuden. Ein besonders krasser Schub in dieser Richtung findet gerade auf dem Gebiet k\u00f6rperlicher Attraktivit\u00e4t und Fitness statt. Unternehmen sortieren Mitarbeiter aus, die optisch nicht mehr in ihre L\u00e4den mit den vielen sch\u00f6nen Dingen passen, Nachrichtensprecherinnen haben durchweg faltenlose, jugendliche Glattgesichter,  was beim Verk\u00fcnden von Katastrophen und anderen \u00dcbeln der Welt oft ein wenig grotesk wirkt. Das Schneiden, Spritzen, Auff\u00fcllen und Absaugen junger und alter K\u00f6rper boomt,  man hat glatt, jung und sch\u00f6n auszusehen, am besten noch mit 70!<\/p>\n<p>Was aber, wenn so ein Mensch dann bemerkt, dass all die st\u00e4ndigen Anstrengungen letztlich nichts fruchten? Dass der Verfall unaufhaltsam und das Ende unvermeidlich ist? Geht es ihm dann nicht 1000mal schlechter als dem, der sich mit jedem Stadium des Alterns innerlich auseinandergesetzt und damit angefreundet hat? <\/p>\n<p>Ich war betroffen und wenig am\u00fcsiert, als ich vor einem guten halben Jahr merkte, dass mein Gesicht einen neuen &#8222;Faltigkeitsgrad&#8220; aufweist: weniger straff, eine un\u00fcbersehbare Tendenz zu H\u00e4ngebacken, nicht mehr verschwindende feine Falten \u00fcber den Lippen (=vom Rauchen!), an den Seiten des Kinns und um die Augen sowieso &#8211; ihhh, wie h\u00e4sslich! Und das soll jetzt so bleiben??? Gar schlimmer werden?  Ich zog mir mittels Druck auf die Schl\u00e4fen mal eben das ganze Gesicht nach oben und hinten: SO w\u00fcrde es aussehen, wenn ich mich liften lie\u00dfe &#8211; glatt f\u00fcnf Jahre j\u00fcnger! W\u00fcrde ich das wollen, mal angenommen, die OP w\u00e4re kostenlos und ungef\u00e4hrlich? Ich probierte ein bisschen Mimik aus und schon verschwand der positive Eindruck. Mein Gesicht bekam etwas deutlich Maskenhaftes, das mir trotz der Glattheit gar nicht gefiel. Das war nicht ICH, sondern eine Karikatur!<\/p>\n<p>In der n\u00e4chsten Zeit schaute ich \u00f6fter aufmerksam in den Spiegel, f\u00fchlte die Traurigkeit, die der Verlust an jugendlicher Straffheit ausl\u00f6ste &#8211; bis ich die Sache dann doch wieder verga\u00df. Ein paar Monate sp\u00e4ter probierte ich in einem Laden ein attraktives, paillettenbesetztes Top an, ich sah mich lachen, sah die Falten, die eine Art Sternenkranz um die Augen bildeten &#8211; und gefiel mir sehr gut! Wor\u00fcber hatte ich mich eigentlich gesorgt? Warum hatte ich mich blo\u00df so h\u00e4sslich gefunden? Ich konnte das, was mich so verst\u00f6rt hatte, im Spiegel nicht mehr finden, obwohl alle damals neu bemerkten Ver\u00e4nderungen nach wie vor da waren. Doch jetzt geh\u00f6rten sie zu mir, ich hatte mich an sie gew\u00f6hnt, sie in mein &#8222;Bild von mir&#8220; aufgenommen, das nun nicht mehr von der Realit\u00e4t, die ich im Spiegel erblickte, abwich. Und damit hatten sie ihren Schrecken verloren.<\/p>\n<p>Ob das so weiter geht, werde ich sehen. Gerade rede ich mir gut zu, mal wieder eine aktive<br \/>\nPhase im Fitness-Center einzulegen, wo ich seit Monaten nur Karteileiche bin. Ein bisschen Sporteln f\u00fcr mehr Kraft und k\u00f6rperliche Ausdauer ist nicht schon deshalb falsch, weil ich ja doch eines Tages sterben werde. Auch mit dem Hinnehmen des Unausweichlichen kann man es \u00fcbertreiben!<\/p>\n<p style=\"border: 1px solid gray; padding: 8px; font-size: 11px; margin-top: 30px; line-height: 16px;\">Dieser Artikel w\u00e4re vielleicht nur eine Idee geblieben, h\u00e4tte ihn nicht ein Diary-Leser unterst\u00fctzt!<\/a> 1000 Dank! Ich habe die mir so geschenkte &#8222;Schreibzeit&#8220; sehr genossen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Umgang mit Ver\u00e4nderungen und Verlusten Noch stehen die Pyramiden. Immer wieder staune ich \u00fcber diesen Ausdruck des Willens eines ganzen Volkes, der Verg\u00e4nglichkeit etwas Dauerhaftes entgegen zu setzen. 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