{"id":415,"date":"2005-09-27T09:28:43","date_gmt":"2005-09-27T07:28:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=415"},"modified":"2013-11-27T17:55:29","modified_gmt":"2013-11-27T16:55:29","slug":"familie-verpasst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/09\/27\/familie-verpasst\/","title":{"rendered":"Familie verpasst"},"content":{"rendered":"<h2>Eine kleine Meditation \u00fcber Kinderlosigkeit<\/h2>\n<p>Seine drei Kinder sind jetzt sieben, elf und 18. Bernd &#8211; fast genauso alt wie ich &#8211; erz\u00e4hlt beil\u00e4ufig, dass sie die gro\u00dfe, zusammengelegte Altbauwohnung nun auf dem Papier wieder trennen werden, damit die \u00c4lteste als Haushaltsvorstand einer eigenen Bleibe Hartz4 beantragen kann. Sein Einkommen reicht nicht mehr f\u00fcr alle,  die gut bezahlten Manager-Jobs sind Vergangenheit, das Angesparte ist lange aufgebraucht.  F\u00fcr sich alleine zu sorgen, w\u00e4re trotzdem kein Problem, sagt er, aber eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie braucht mehr, viel mehr. <\/p>\n<p>Ich bewundere Bernd. Niemals jammert er \u00fcber seine &#8222;famili\u00e4ren Lasten&#8220;, nicht einmal unterschwellig. Ein bisschen mehr staatliche Unterst\u00fctzung k\u00f6nnte sein, das ja, aber ansonsten sind ihm seine Kinder trotz gelegentlicher Schwierigkeiten eine frei gew\u00e4hlte, ungebrochene Freude. Voller Energie und  meist bei bester Laune arbeitet er t\u00e4glich zehn Stunden und mehr an seiner neuen Freiberuflerexistenz. Was er von seinen Kids erz\u00e4hlt, zeigt, dass er nicht etwa der immer abwesende Vater ist, der sich um nichts k\u00fcmmert und die ganze  Erziehungsarbeit seiner Frau \u00fcberl\u00e4sst. Wie schafft er das blo\u00df alles &#8211; und \u00fcber so viele Jahre? <\/p>\n<h2>Familie &#8211; nein danke!<\/h2>\n<p>Das h\u00e4tte ich auch haben k\u00f6nnen, denk&#8216; ich mir manchmal. Bernds Frau ist mir vom Typ her \u00e4hnlich, sie ist auch tats\u00e4chlich &#8222;die Frau nach mir&#8220;, die Frau, die er geheiratet hat, nachdem sich unsere Wege vor 23 Jahren trennten. Ich wurde Hausbesetzerin, Mieteraktivistin, gr\u00fcn-alternative Polit-Funktion\u00e4rin, er machte Karriere und gr\u00fcndete Familie. <\/p>\n<p>Dass ich nicht seine Frau und Mutter dreier Kinder geworden bin, war nicht zuf\u00e4lliges Schicksal. Auch der &#8222;Mann nach Bernd&#8220;, ein cholerischer Individualist, dem ich weder Kinderwunsch noch Vater-Qualit\u00e4ten zugetraut h\u00e4tte, zeugte sp\u00e4ter noch einen Sohn &#8211; und ebenfalls mit einer Frau, die mir nicht ganz un\u00e4hnlich war. Es lag allein an mir: ich wollte nicht heiraten und gebunden sein, wollte keine Kinder, die meinen Bewegungsspielraum einengen w\u00fcrden. Allein schon der Gedanke, schwanger zu sein, konnte mich in Panik versetzen, doch  wurde ich tats\u00e4chlich niemals schwanger, trotz  lebensl\u00e4nglich nachl\u00e4ssiger Verh\u00fctungspraxis.<\/p>\n<p>Warum war ich so? Der Zeitgeist der 70ger und 80ger Jahre lie\u00df mich glauben, meine Verweigerung sei &#8222;ganz normal&#8220;, ja, angesagt und revolution\u00e4r. Nina Hagen schrie laut und vorwurfsvoll heraus, was viele dachten:<\/p>\n<p><em>Warum soll ich meine Pflicht als Frau erf\u00fcllen?<br \/>\nF\u00fcr wen? F\u00fcr die? F\u00fcr dich? F\u00fcr mich?<br \/>\nIch hab&#8216; keine Lust, meine Pflicht zu erf\u00fcllen!<br \/>\nF\u00fcr dich nich&#8216;, f\u00fcr mich nich&#8216;, ich hab&#8216; keine Pflicht!<br \/>\n&#8230;.<br \/>\nMarlene hatte andere Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p>Simone Beauvoir sagt, Gott bewahr&#8216;!<br \/>\nUnd vor den ersten Kinderschreien<br \/>\nmuss ich mich erstmal selbst befreien.<\/em><\/p>\n<p>Als sie sp\u00e4ter die Geburt ihrer ersten Tochter Cosima Shiva lustvoll zelebrierte, merkte ich einmal mehr, dass ich dabei war, etwas zu verpassen. Selbstbefreiung ist kein Konzept, das f\u00fcr ein ganzes Leben vorh\u00e4lt, sie bleibt ohne Sinn, wenn nichts dabei heraus kommt.  Und Mitte drei\u00dfig stand ich inmitten meines ganz pers\u00f6nlichen &#8222;Nichts&#8220;: eine tiefe Krise zerbr\u00f6selte meinen ersten Lebensentwurf, den man mit den Worten &#8222;aktiv dagegen sein&#8220; h\u00e4tte beschreiben k\u00f6nnen. Ich hatte geglaubt, die Welt sehr schnell zum Besseren ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen und mich im Kampf an vielen Fronten zerschlissen. Nun war ich am Ende meiner Kr\u00e4fte angekommen und musste loslassen, musste mich &#8211; nach einer Phase der dringend n\u00f6tigen Erholung &#8211; v\u00f6llig neu erfinden. <\/p>\n<h2>Die neue Sicht der Dinge<\/h2>\n<p>Der vorwurfsvolle Tunnelblick ausschlie\u00dflich auf Missst\u00e4nde ist damals f\u00fcr immer von mir gewichen &#8211; unter anderem erkannte ich endlich, dass das Argument, keine Kinder in DIESE B\u00d6SE WELT setzen zu wollen, niemals ehrlich gemeint war. Es ging nicht um die Kinder, sondern immer nur um mich, mein Wohlbefinden, meine pers\u00f6nliche Freiheit, meine Angst vor Bindung und Verantwortung.  Dass ich so geworden war, lag auch nicht allein am Zeitgeist, sondern vor allem an ganz pers\u00f6nlichen Familienerfahrungen: die zerr\u00fcttete Ehe meiner Eltern, der cholerische und unberechenbare Vater mit seinem Quartalsalkoholismus, die Atmosph\u00e4re von Angst und Bedr\u00fcckung, Einengung und Terror, die meine Kinder- und Jugendjahre \u00fcberschattete, hatten mir den Gedanken an Familie von Anfang an in schw\u00e4rzesten Farben gemalt: DAS wollte ich keinesfalls so oder \u00e4hnlich noch einmal erleben!<\/p>\n<p>In den folgenden Jahren erfuhr ich einen inneren Frieden wie niemals zuvor. Ich schloss Freundschaft mit mir selbst und mit dem ehemals so verhassten Vater, verzieh ihm alle seine Schandtaten, da ich mittlerweile meine eigenen Abgr\u00fcnde ausreichend kennen gelernt hatte. Einen R\u00fcckweg in eine &#8222;Normalbiographie&#8220; konnte es f\u00fcr mich jedoch nicht mehr geben: was gewesen war, hatte mich geformt, zu dem gemacht, was ich geworden war &#8211; und da ich mich auf einmal jenseits aller inneren Sklaventreiberei (&#8222;du solltest&#8230;&#8220;) ohne Urteile sehen und sch\u00e4tzen konnte, nahm ich diese Form dankbar an. Meine Eltern haben getan, was sie konnten, und was dabei heraus gekommen ist, ist gar nicht mal schlecht! Ende der Kritik, Ende der Vorw\u00fcrfe, Ende der Schuld-Debatten &#8211; ich war, sp\u00e4t aber doch noch, erwachsen geworden. <\/p>\n<p>Mein Blick auf Kinder hat sich seitdem deutlich ver\u00e4ndert. Ich bewundere den Mut und die Kraft, die Eltern aufbringen und ich sehe auch ihre Freuden, wo ich fr\u00fcher nur ihre Leiden und Beschr\u00e4nkungen erkennen konnte. Den neuen, noch etwas bem\u00fcht kinderfreundlicheren Zeitgeist unterst\u00fctze ich, wo ich kann &#8211; und bin damit einverstanden, als Kinderlose mehr Steuern und andere Abgaben zu bezahlen. <\/p>\n<h2>Wunderbare Wesen!<\/h2>\n<p>In Gottesgabe, dem kleinen Dorf in Mecklenburg, wo ich zwei Jahre lebte, hatte ich das Gl\u00fcck, neben einem dreij\u00e4hrigen Kind zu wohnen, das meinen Lebensgef\u00e4hrten oft besuchte. Zwar war ich f\u00fcr das kleine M\u00e4dchen die b\u00f6se Hexe, die in ihren Augen um die Aufmerksamkeit ihres Freundes konkurrierte, doch f\u00fcr mich war es eine wundervolle Erfahrung, \u00fcberhaupt mal ein Kind aus der N\u00e4he zu erleben! Will man &#8222;etwas davon haben&#8220; muss man selbst ein St\u00fcck weit wieder Kind werden &#8211; eine interessante, lustvolle und in mancher Hinsicht lehrreiche Erfahrung, die einen eigenen Artikel wert w\u00e4re. Es entz\u00fcckte, erstaunte und erheiterte mich, mit welch selbstverst\u00e4ndlicher Dominanz sie meinen Partner zu beherrschen suchte, wie unverstellt sie ihre Bed\u00fcrfnisse klar machte und wie heftig ihre emotionalen Reaktionen wurden, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf ging. Das war noch echtes, nat\u00fcrliches Leben, nicht das verdruckste, gehemmte und berechnende Verhalten, das f\u00fcr zivilisierte Erwachsene so typisch ist! Auch die Art, wie sie die Welt wahrnahm, bewunderte ich: hoch konzentriert, total wach &#8211;  daf\u00fcr muss unsereiner einen einw\u00f6chigen Meditationsretreat einlegen, um auch nur ann\u00e4hernd diese Pr\u00e4senz zu erreichen. Ich verstand pl\u00f6tzlich, was Kinder ihren Eltern geben k\u00f6nnen, wenn sie daf\u00fcr offen sind.<\/p>\n<p>Einen echten Kinderwunsch aus einer Liebesbeziehung heraus hatte ich selbst niemals versp\u00fcrt, und auch jetzt stellte er sich nicht  im nachhinein ein, etwa in Form des Bedauerns, etwas sehr Sch\u00f6nes im Leben vers\u00e4umt zu haben.  Meine neue Liebe zu Kindern geht eher einher mit einem verst\u00e4rkten Gef\u00fchl der Dringlichkeit, in diesem Leben mehr zu tun als nur das pers\u00f6nliche Befinden im Bereich des Gem\u00fctlichen zu halten. Ich m\u00f6chte n\u00fctzlich sein, meine innere und \u00e4u\u00dfere Freiheit und Ungebundenheit, die wesentlich auf Kinderlosigkeit aufgebaut ist, soll auf irgend eine Art und Weise auch Eltern, Kindern und jungen Menschen n\u00fctzen. Es macht mich gl\u00fccklich, dass das Internet Kontakte erm\u00f6glicht, die im physischen Nahraum, wo die Generationen h\u00fcbsch getrennt leben, niemals zustande k\u00e4men. Meine philosophische Ader und meine angesammelte Lebensweisheit kann ich so gelegentlich jungen Menschen zur Verf\u00fcgung stellen, die Rat und Orientierung suchen. Das entsteht ganz beil\u00e4ufig, weil man zu Beginn eines Gespr\u00e4chs selten vom Alter des Gegen\u00fcbers wei\u00df, und ist  weit authentischer und ehrlicher, als wenn es ein hierarchisches Verh\u00e4ltnis (wie zu Verwandten, Lehrern, Autorit\u00e4ten&#8230;) g\u00e4be. Trotz des Altersunterschieds ist es ein echter Austausch, ein Geben und Nehmen, kein &#8222;Rat schlagen&#8220; von oben herab.<\/p>\n<h2>\u00dcber den Tod hinaus<\/h2>\n<p>Vorgestern war ich im Kino und schaute mir den Film &#8222;Broken Flowers&#8220; an. Ein alternder Mann, dem gerade wieder eine Frau weglief, die mehr wollte als eine Aff\u00e4re, erh\u00e4lt einen rosafarbenen Brief ohne Absender und Unterschrift. Darin wird ihm mitgeteilt wird, dass er einen Sohn hat, der jetzt 19 Jahre alt ist und sich vielleicht gerade auf der Suche nach seinem Vater befindet. Im minimalistischen Stil Jim Jarmuschs, der an Aki Kaurism\u00e4ki erinnert, wird gezeigt, wie der Protagonist, der ansonsten recht desinteressiert aufs eigene, irgendwie bedeutungslose Leben schaut, auf einmal Jungs um die zwanzig ins Auge fasst: das k\u00f6nnte SEIN SOHN sein! Man ahnt, wie es ihn bewegt, obwohl sich seine Mimik kaum ver\u00e4ndert. <\/p>\n<p><strong>Es gibt eine Art Kinderwunsch, die ich die m\u00e4nnliche nenne<\/strong>, denn sie hat nichts mit der Lebensqualit\u00e4t zu tun, die Kinder ihren Eltern erm\u00f6glichen, nichts mit Alltag, Beziehung, Familie, Sicherheit und N\u00e4he. Vielleicht kann ich sie deshalb mitempfinden, weil ich das Bedauern, all das verpasst zu haben, nicht sp\u00fcre. Wohl aber \u00fcberkommt mich, selten aber doch, eine gewisse Wehmut, dass meine Gene nicht weiter getragen werden: dass kein neuer Mensch, der die H\u00e4lfte seiner Potenziale von MIR mitbekommen hat, meinen Tod \u00fcberleben und sich vielleicht in alle Zukunft fortpflanzen wird. <\/p>\n<p>So f\u00fchlt man erst, wenn man das Ergebnis der eigenen Gen-Ausstattung anzunehmen und zu lieben gelernt hat &#8211; f\u00fcr mich war das leider zu sp\u00e4t. Ich tr\u00f6ste mich damit, dass immerhin meine Schwester drei wunderbare Kinder zur Welt gebracht hat, ein bisschen Klinger lebt weiter, ganz physisch. Was mich angeht, muss ich mich halt weiter bem\u00fchen, gute Texte zu schreiben, m\u00f6glichst bis zuletzt, solange ich noch eine Maus bedienen kann. Vielleicht sind ja einige darunter, die mich \u00fcberleben. Ich arbeite dran.<\/p>\n<p style=\"border: 1px solid gray; padding: 8px; font-size: 11px; margin-top: 30px; line-height: 16px;\">Dieser Artikel w\u00e4re nie geschrieben worden, h\u00e4tte ihn nicht <a href=\"ondemand.html\">ein Diary-Leser unterst\u00fctzt<\/a> und sein Wunschthema &#8222;verpasste Familienplanung&#8220; vorgegeben. Zun\u00e4chst zweifelte ich, ob das so funktionieren kann, jetzt freue ich mich, mich diesem &#8222;Schreibimpuls&#8220; ausgesetzt zu  haben! Herzlichen Dank, es hat mich wirklich inspiriert!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Meditation \u00fcber Kinderlosigkeit Seine drei Kinder sind jetzt sieben, elf und 18. Bernd &#8211; fast genauso alt wie ich &#8211; erz\u00e4hlt beil\u00e4ufig, dass sie die gro\u00dfe, zusammengelegte Altbauwohnung nun auf dem Papier wieder trennen werden, damit die \u00c4lteste als Haushaltsvorstand einer eigenen Bleibe Hartz4 beantragen kann. 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