{"id":4141,"date":"1999-11-27T15:00:11","date_gmt":"1999-11-27T14:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4141"},"modified":"2024-01-11T15:17:53","modified_gmt":"2024-01-11T14:17:53","slug":"sparbuch-in-den-muell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/11\/27\/sparbuch-in-den-muell\/","title":{"rendered":"Sparbuch in den M\u00fcll"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die tr\u00fcben Novembertage uns in besinnliche Stimmungen versetzen, Familien ihre Adventskr\u00e4nze schm\u00fccken, die Nacht immer fr\u00fcher beginnt und es immer ruhiger und k\u00e4lter wird, geht anderwo die Post ab: die &#8222;Jahresend-Ralley&#8220; an den B\u00f6rsen treibt die Adrenalinspiegel hoch. Risiko-freudige Spielernaturen haben allein in den letzten Tagen am tiefen Fall der Holzmann-Aktie ein Verm\u00f6gen verdient, doch auch &#8222;ganz normale&#8220; Aktiengesch\u00e4fte bringen in den letzten Jahren locker 10 &#8211; 30% Gewinn (und mehr!) pro Jahr, sofern man auf die Richtigen gesetzt hat.<!--more--><\/p>\n<p>Schon l\u00e4nger beobachte ich dies alles am Rande &#8211; und frage mich immer \u00f6fter: Bin ich nicht ein bi\u00dfchen bl\u00f6d, wenn ich weiterhin mein Geld einfach interesselos auf einem Sparbuch ablege und mich nicht weiter k\u00fcmmere? Auch das Advancebank-Girokonto mit 1,9% Zinsen ist ja vielleicht nicht das Ende der Fahnenstange&#8230;.. Kurzum: Seit Manfred Krug im TV den Daumen f\u00fcr die T-Aktie gehoben hat, zweifle ich so vor mich hin: Soll ich&#8230;? Soll ich nicht?<\/p>\n<p>Mein Vater, der mir ein ganz spezifisch konfliktreiches Verh\u00e4ltnis zum Geld-Verdienen anerzogen hat, gab mir noch auf dem Sterbebett den (unverlangten) Rat: &#8222;H\u00f6r mal, WENN \u00fcberhaupt, dann NUR FESTVERZINSLICHE WERTPAPIERE!&#8220; Zwar hatte er mich von Kindheit an mit seinen zynischen Spr\u00fcchen ungl\u00fccklich gemacht (&#8222;Nur Geld allein z\u00e4hlt, bei Geld h\u00f6rt die Freundschaft auf, Geld regiert die Welt&#8220;) und durch absch\u00fcssige Versuche, mich in Konfliktsituationen mit Hundertmarkscheinen zu bestechen, meine Verachtung auf sich gezogen. Doch im &#8222;realen Leben&#8220; zog er Sicherheit vor, blieb ein kleiner Angestellter und beschr\u00e4nkte sich auf Sparen und Lotto-Spielen.<\/p>\n<p>Ich ging nat\u00fcrlich voll in den Widerstand: Geld ist v\u00f6llig unwichtig! Geld spielt keine Rolle, nur menschliche Werte z\u00e4hlen. Ja, Eigentum ist Diebstahl, lernte ich 1968, als ich gerade 14 war (siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/06\/15\/die-geldmacke\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Geldmacke<\/a>), und schaute voller Verachtung auf alle herab, denen ein normales Einkommen wichtig war. Ein abenteuerlicher &#8222;Patchwork-Lebenslauf&#8220; begann, von dem ich keine Sekunde bedauere. Ja, heute partizipiere ich davon wie niemals zuvor, denn die Art und Weise, wie ich in meiner Widerst\u00e4ndigkeit die meiste Zeit lebte (z.B. in Ungewissheit, woher \u00fcbern\u00e4chsten Monat die Miete kommt), wird den &#8222;Massen&#8220; als k\u00fcnftiger Normalzustand angedroht. Klar, da\u00df mich das nicht so furchtbar schreckt, wenn ich auch heute einen etwas l\u00e4ngeren &#8222;Anlage-Horizont&#8220; pflege. Schlie\u00dflich bleibt von den Webdesign-Auftr\u00e4gen auch was \u00fcbrig. Keine Reicht\u00fcmer &#8211; aber irgendwie doch zu schade, auf einem Sparbuch zu verk\u00fcmmern&#8230;. oder? Gr\u00fcbel&#8230;.<\/p>\n<p>Mit Aktien spekulieren? Meine G\u00fcte, das w\u00e4r mir noch vor 5 Jahren als der gro\u00dfe S\u00fcndenfall vorgekommen. Heute denke ich tats\u00e4chlich nicht mehr so sehr \u00fcber das &#8222;ob&#8220; nach, sondern \u00fcber das &#8222;wie&#8220;. Und beginne mehr und mehr, dar\u00fcber zu lesen. So hab&#8216; ich es schlie\u00dflich auch gemacht, als ich anfing, mich f\u00fcr Computer zu interessieren: 1 Jahr eine Fachzeitschrift gelesen, erst nur 5% verstanden, am Ende dann 90% &#8211; dann f\u00fchlte ich mich fit, loszulegen.<\/p>\n<p>Aber: WAS F\u00dcR EIN WEITES FELD! Ich lese den Wirtschafts- und Finanzteil der FAZ, die B\u00f6rse-Online, auch mal das Magazin <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/finanzen.htm\">&#8222;Finanzen&#8220;<\/a>, in dem sich ein interessanter Vergleich findet:<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica;\"><b>Was aus 100.000 DM wurde (4.1. &#8211; 5.11.99)<\/b><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>Deutsche Aktien: 106.951<\/li>\n<li>US-Aktien: 130.837<\/li>\n<li>Japanische Aktien: 166.951<\/li>\n<li>Deutsche Fonds: 117.979<\/li>\n<li>Gold: 114.563<\/li>\n<li>Dollar: 113.377<\/li>\n<li>Internat. Optionsscheine: 113.102<\/li>\n<li>Deutsche Anleihen: 98.083<\/li>\n<li>Immobilien: 101.070<\/li>\n<li><b>Sparbuch:<\/b> 101.687<\/li>\n<\/ul>\n<p>Je mehr ich lese, desto mehr wei\u00df ich: alles, was da gesagt und geraten wird, ist keineswegs sicher, ja, es gilt sogar oft das genaue Gegenteil. Das r\u00fchrt daher, da\u00df im B\u00f6rsengesch\u00e4ft alles mit allem reagiert: die Unternehmensereignisse, die Statements der Analysten, die technischen Verl\u00e4ufe der Aktienkurse, die politischen Bedingungen und Eingriffe, die allgemeine Wirtschaftslage (insgesamt als auch in einzelnen Branchen und L\u00e4ndern), die Tricksereien der B\u00f6rsianer, und vor allem: die Kommunikation \u00fcber all dies, auf die unz\u00e4hlige Individuen im Rahmen ihrer Befindlichkeit reagieren: voller Gier, voller Angst oder ganz gelassen &#8211; und man wei\u00df es nicht genau, wann es wie umschl\u00e4gt&#8230;.<\/p>\n<p>Faszinierend! Wer da mitspielt, ist v\u00f6llig auf sich gestellt &#8211; gerade wegen der vielen Einfl\u00fcsse, Infos und Tips. An einem Aktienengagement zeigt sich praktisch in Mark und Euro, ob meine Einsch\u00e4tzung der Welt, meine Vermutung, wie &#8222;die anderen&#8220; handeln werden, richtig war. Ich mu\u00df sagen: das reizt mich! So mit 22 hab ich mal zwei Jahre fasziniert Schach gespielt &#8211; gerade dieses Spiel, weil es am allerwenigsten mit Gl\u00fcck zu tun hat, sondern mit erlernbarem Wissen und Psychologie. Doch als ich eines Tages mal wieder im Verein die Kl\u00f6tzchen \u00fcbers Brett schob, relativ gelangweilt, denn es war &#8211; au\u00dferhalb der Turniere &#8211; schlechter Usus, da\u00df immer Gleich-Gute miteinander spielten, verlor ich von einem Moment auf den n\u00e4chsten jede Freude am Spiel. &#8222;Bin ich eigentlich wahnsinnig, hier bl\u00f6de Holzkl\u00f6tzchen hin und her zu schieben?&#8220; fragte ich mich. &#8222;Was hat denn das mit dem echten Leben zu tun?&#8220;<\/p>\n<p>SCHACH war seit diesem Moment f\u00fcr mich gestorben. Aber vielleicht finde ich ja speziell DIESE Spielfreude wieder &#8211; auf einem anderen Parkett, das sehr viel mehr mit der &#8222;wirklichen Welt&#8220; zu tun hat. Mal sehen&#8230;. die Jahresend-Ralley schaff ich wohl nicht mehr.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die tr\u00fcben Novembertage uns in besinnliche Stimmungen versetzen, Familien ihre Adventskr\u00e4nze schm\u00fccken, die Nacht immer fr\u00fcher beginnt und es immer ruhiger und k\u00e4lter wird, geht anderwo die Post ab: die &#8222;Jahresend-Ralley&#8220; an den B\u00f6rsen treibt die Adrenalinspiegel hoch. 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