{"id":4137,"date":"1999-11-23T14:56:52","date_gmt":"1999-11-23T13:56:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4137"},"modified":"2024-01-11T14:59:23","modified_gmt":"2024-01-11T13:59:23","slug":"innere-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/11\/23\/innere-ruhe\/","title":{"rendered":"Innere Ruhe?"},"content":{"rendered":"<p>Ottmar aus Berlin <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/briefe2.htm#ottmar\">kommentiert<\/a> meinen l\u00e4sternden Eintrag vom 20. so:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Du lebst in einer wundersch\u00f6nen Umgebung, hast eine wundersch\u00f6ne Schreibe, machst tolle WEB-Seiten und hast im Augenblick keinen Auftragsstre\u00df. Warum also solche KLICK-Hektik und Aggressivit\u00e4t? Fr\u00fcher Hektik in Berlin, jetzt im Internet? Wo ist Deine innere Ruhe?&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das hat mich nachdenklich gestimmt und einige Tage hab&#8216; ich die Frage mit mir herumgetragen. Wo ist sie, die innere Ruhe?<!--more--><\/p>\n<p>Sie ist auf Dauer nicht ertr\u00e4glich! Seltsam, aber wahr: wer h\u00e4lt es schon aus, dauernd positiv, gelassen und wom\u00f6glich gut gelaunt zu sein? Wunderbar, wenn dieser Zustand eintritt, aber er kann nicht bleiben, ist nicht von Dauer, wie alle Zust\u00e4nde, in die ich gerate.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an eine Zeit Anfang der 90ger, als ich mal f\u00fcr ein paar Monate eine Psycho-Gruppe f\u00fcr Unzufriedene besuchte. Es wurden Techniken gelehrt, ein auf allen Ebenen erfolgreicheres Leben zu f\u00fchren. Die Techniken waren durchaus wirksam, geradezu erstaunlich erfolgreich, doch als wir wieder mal zusammensa\u00dfen und unsere Erfolge befeierten und der Leiter seinen Standardspruch wiederholte: Jeden Tag einen Schritt in die richtige Richtung! &#8211; da kam mir auf einmal die Galle hoch und ich sagte einigerma\u00dfen agressiv: Ich will aber nicht jeden Tag einen Schritt in die richtige Richtung!<\/p>\n<p>Mittlerweile z\u00e4hle ich mich nicht mehr zu den Unzufriedenen. Lange Jahre schon f\u00fchle ich mich nicht von au\u00dfen gesteuert, leide nur sehr oberfl\u00e4chlich (im Kopf!) am &#8218;Zustand der Welt&#8216; und bin es gewohnt, erstmal mich selber zu betrachten, wenn mir &#8218;was nicht pa\u00dft. Den letzten Wunsch, der \u00fcber Jahre gewachsen ist und den ich deshalb f\u00fcr WAHR gehalten habe, war der Wunsch, die Stadt zu verlassen. Den hab&#8216; ich mir erf\u00fcllt &#8211; und jetzt?<\/p>\n<p>Alles ist jetzt, wie es sein soll: eine sch\u00f6ne Umgebung, Friede mit den Mitmenschen, kein Arbeitsstress, sondern viel Zeit, eigenen Ideen zu folgen &#8211; was will der Mensch MEHR?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht! Ich wei\u00df nur, da\u00df wir nicht geboren sind, um ausschlie\u00dflich gl\u00fccklich zu sein. Jeder positive Zustand schl\u00e4gt &#8211; ob mit oder ohne &#8222;erkl\u00e4rbaren&#8220; Grund &#8211; in sein Gegenteil um. Wenn die Umst\u00e4nde uns mal nicht fordern, anstrengende \u00dcberlebensleistungen zu bringen, dann suchen wir &#8222;das Negative&#8220; selber auf: durch Lesen in der Tagespresse, durch B\u00fccher und Filme, die psychische Verstrickungen vorf\u00fchren, durch agressives Verhalten gegen andere oder durch dumme, selbstdestruktive Lebensweisen, die uns krank machen. Anders w\u00e4re es auch garnicht verst\u00e4ndlich, warum Leute in armen L\u00e4ndern so fr\u00f6hlich wirken, wogegen die Einwohner der &#8222;entwickelten&#8220; Weltgegenden allemal sehr viel miesepetriger durch ihr vermeintliches Paradies laufen!<\/p>\n<p>Spirituelle Lehren legen oft die Idee nahe, die Unruhe komme vom wandernden Geist: der st\u00e4ndige innere Dialog m\u00fcsse abgestellt werden, dann k\u00e4me alles in Ordnung. Ich wei\u00df, wie wunderbar es ist, dem inneren Gr\u00fcbeln nicht durchg\u00e4ngig ausgesetzt zu sein, \u00fcber Methoden zu verf\u00fcgen, in eine gelassene Ruhe zu gelangen (z.B. durch Yoga). Der Punkt aber ist, da\u00df ich es des \u00f6fteren garnicht will: Ich will mich aufregen, M\u00d6CHTE einen Spannungszustand erleben, brauche den Widerstand, gegen den ich angehen kann. Und ich halte das nicht f\u00fcr einen Fehler, sondern f\u00fcr eine grundmenschliche Befindlichkeit, aus der wir nicht herauskommen, solange wir leben. Leben IST Spannung UND Entspannung &#8211; allerdings kann ich mehr oder weniger konstruktiv damit umgehen, das ist wahr!<\/p>\n<p>Die naheliegenden L\u00f6sungen, die WELT zu verbessern oder mich SELBST zu verbessern hab&#8216; ich in dieser Reihenfolge lange Zeit versucht (im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten). Nicht ganz erfolglos, aber es brachte mir gegen\u00fcber dem zugrunde liegenden Impuls keine Ver\u00e4nderung: was immer ich tue, hinterher tritt keineswegs das Paradies ein, sondern ein neuer Wunsch entsteht, ein neues Problem tritt in den Blick. Und wenn das NICHT geschieht (weil der Verstand auch mal sagt: alles im gr\u00fcnen Bereich!), tritt die Unzufriedenheit dennoch auf &#8211; ein stetes Auf und Ab, mit dem ich einfach leben mu\u00df. Und das Beste, was mir dazu einf\u00e4llt, ist, mich einer Arbeit zuzuwenden, die mich fordert.<\/p>\n<p>Das werde&#8216; ich jetzt tun &#8211; \u00fcber andere Ideen, die mir manchmal kommen, schreib&#8216; ich dann morgen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ottmar aus Berlin kommentiert meinen l\u00e4sternden Eintrag vom 20. so: &#8222;Du lebst in einer wundersch\u00f6nen Umgebung, hast eine wundersch\u00f6ne Schreibe, machst tolle WEB-Seiten und hast im Augenblick keinen Auftragsstre\u00df. Warum also solche KLICK-Hektik und Aggressivit\u00e4t? Fr\u00fcher Hektik in Berlin, jetzt im Internet? 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