{"id":4135,"date":"1999-11-19T14:44:16","date_gmt":"1999-11-19T13:44:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4135"},"modified":"2024-01-11T14:48:48","modified_gmt":"2024-01-11T13:48:48","slug":"morgens-um-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/11\/19\/morgens-um-7\/","title":{"rendered":"&#8230;morgens um 7"},"content":{"rendered":"<p>Es ist kurz vor 7, drau\u00dfen noch stockdunkel, alles wunderbar ruhig. Der Lebensrythmus verlagert sich immer mehr zum Morgen hin, was ich mir im fr\u00fcheren Leben als St\u00e4dterin nie h\u00e4tte tr\u00e4umen lassen. Wie viele andere meinte ich, ein &#8222;Nachtmensch&#8220; zu sein, geboren aus dem Trotz gegen jedes &#8222;fr\u00fch aufstehen und zur Arbeit gehen&#8220;, obwohl ich letzteres mit wenigen Ausnahmen zeitlebens vermeiden konnte. Sp\u00e4ter geh\u00f6rte es dann zu meinem Selbstbild: Nachts, wenn der &#8222;Normale&#8220; schl\u00e4ft, werde ich erst richtig umtriebig&#8230;.<!--more--><br \/>\nHeute wei\u00df ich, da\u00df es die, den oder das &#8222;Normale&#8220; nicht gibt, allenfalls als kollektive Wunschvorstellung zur Abwehr von \u00c4ngsten und Unsicherheiten. Da es jedoch immer unm\u00f6glicher wird, &#8222;kollektive Vorstellungen&#8220; zu entwickeln, \u00fcbernehmen das mehr und mehr die \u00dcberwachungskameras, die Wachdienste und Kontrollen des \u00f6ffentlichen Raums. Nicht mehr der innere (Selbst-) Zwang, die eigene Psyche halbwegs normenkompatibel zu halten, ist gefragt, sondern es gen\u00fcgt, \u00e4u\u00dferlich nicht weiter aufzufallen. 20.000 &#8222;kontrollierte Communities&#8220; soll es in den USA bereits geben, lese ich in der ZEIT.<\/p>\n<p>In Gottesgabe, wo jeder jeden auch unbekannterweise gr\u00fc\u00dft, ist all das weit weg. Jetzt im beginnenden Winter gehe ich kaum mehr raus und manchmal sp\u00fcre ich, wie es an Eindr\u00fccken mangelt. In Berlin konnte ich eben mal f\u00fcnf Minuten bis zur Markthalle gehen, wo &#8222;das Leben tobte&#8220;, zu jeder Jahreszeit. Anders als in den neuen sterilen Shopping-Malls ist eine altberliner Markthalle ein eigenes Biotop: H\u00e4ndler und Angestellte, die von morgens um 6 bis abends um 7 praktisch dort &#8222;leben&#8220;, Stammkundschaft aus dem Kiez, wenige Touristen und allerlei Randst\u00e4ndige: M\u00e4nner aus s\u00fcdlichen L\u00e4ndern, die den ganzen Tag an zentralen Pl\u00e4tzen stehen und reden, jugendliche Schnorrer mit ihren Hunden vor den Eing\u00e4ngen, S\u00e4ufer mit Sixpacks auf den B\u00e4nken vor der Halle &#8211; und alles friedlich, noch ganz ohne Kameras.<\/p>\n<p>Vielleicht besuche ich Berlin bald mal f\u00fcr zwei Tage, das reicht dann wieder f\u00fcr einige Wochen Ereignislosigkeit. Denn im Grunde bin ich unglaublich statisch im realen Raum verhaftet. Dauernd herumfahren, reisen, pendeln, Freunde hier und Veranstaltungen dort besuchen &#8211; unvorstellbar! Der Eniergieaufwand und die kontinuierliche Einspannung des Bewu\u00dftseins in das jeweilige Geschehen, dieses Vergessen des Beobachters zugunsten des Machers, ohne das so eine Mobilit\u00e4t nicht zu leisten ist, reizt mich in keiner Weise. Da vergesse ich mich lieber beim Webdesign, das ist jederzeit unterbrechbar.<\/p>\n<p>Wenn ich heutige Kinder sehe, die von ihren Eltern bereitwillig von hier nach da kutschiert werden, dort zum F\u00f6rderunterricht, hier zum Kindergeburtstag, da in die Sportstunde &#8211; Kinder, die schon von Anfang an lernen, in vielen R\u00e4umen an wechselnden Orten zu leben, oft auch in verschiedenen Elternhaushalten abwechselnd, sehe ich keine Probleme mit der &#8222;Flexibilit\u00e4t und Dynamik&#8220; dieser neuen Generation. Sie werden keine Bindungen mehr an einen RAUM entwickeln und sie lernen, da\u00df alles veranstaltet und gemacht werden mu\u00df. Sie werden die Welt, die wir ihnen hinterlassen, problemlos managen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kurz vor 7, drau\u00dfen noch stockdunkel, alles wunderbar ruhig. Der Lebensrythmus verlagert sich immer mehr zum Morgen hin, was ich mir im fr\u00fcheren Leben als St\u00e4dterin nie h\u00e4tte tr\u00e4umen lassen. 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