{"id":4134,"date":"1999-11-18T14:37:51","date_gmt":"1999-11-18T13:37:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4134"},"modified":"2024-01-11T14:44:13","modified_gmt":"2024-01-11T13:44:13","slug":"plastisches-bewusstsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/11\/18\/plastisches-bewusstsein\/","title":{"rendered":"Plastisches Bewu\u00dftsein"},"content":{"rendered":"<p>Es schneit! Zwar bleibt der Schnee gerade erst auf den Autos liegen, doch vielleicht wird schon bald die Schlo\u00dfwiese, das W\u00e4ldchen, der Garten und alles rundherum weiss sein. Und ich mitten drin, im ersten Winter auf dem Land! Nicht Matsch, Salz, Sand, nicht die mi\u00dfmutig in zugigen U-Bahnen an die Wand oder in allzu breite Zeitungen starrenden St\u00e4dter werden um mich sein &#8211; sondern Weisse, Weite, sehr fr\u00fche Dunkelheit und Stille. Bei allem Komfort, versteht sich, welch ein Gl\u00fcck! <!--more--><br \/>\nOft denke ich n\u00e4mlich an unsere Vorfahren, die bei jeder Witterung in schlechten H\u00fctten an rauchigen Feuern froren &#8211; was sie wohl die ganze Zeit gemacht haben? Vor allem im Winter, wo es draussen nicht viel zu tun gab??? Ganz ohne B\u00fccher, TV, Telefon, gar Internet? Und ohne die Gewohnheit und M\u00f6glichkeit, sich zu waschen? Mich schaudert.<\/p>\n<p>Es ist doch ein unglaubliches Wunder, da\u00df aus solchen Lebensumst\u00e4nden das HEUTE herauswuchs, mit seinen so ganz anders gearteten Problemen! Liest man einen Text wie &#8222;\u00dcberleben im Netz und anderswo&#8220; von Goedart Palm, der von der \u00dcberforderung des Individuums angesichts allzuvieler M\u00f6glichkeiten handelt, gewinnt man den Eindruck (wie praktisch bei jedem guten Text zur Diagnose des Daseins): Nie war so viel Katastrophe wie jetzt!<\/p>\n<p>Mitten in der Klimakatastrophe, mitten im \u00f6kologischen Desaster einer ungebrochen dem WACHSTUM hinterherhechelnden Wirtschaft, mitten in der &#8222;Globalisierung&#8220;, die selbst die Beamtenschaft entwickelter L\u00e4nder aus alter <b>Gem\u00fctlichkeit<\/b> aufst\u00f6rt, mitten in einer Welt, deren Bev\u00f6lkerung nach wie vor &#8222;explodiert&#8220;, wo Wasser und Erde und Chancen der Teilhabe immer geringer, Kriege und Krankheiten daf\u00fcr mehr werden &#8211; mitten in einer Medienlandschaft, die uns all das in jedem Augenblick wissen l\u00e4\u00dft, m\u00fcssen wir nun auch noch feststellen, da\u00df unser Bewu\u00dftsein f\u00fcr die Welt, die wir geschaffen haben, nicht PLASTISCH genug ist.<\/p>\n<p>Nachdem sich philosophische Denker lange schon von der Vorstellung, Welt sei zu steuern und zu regeln, verabschiedet haben, geht es jetzt ans Eingemachte: auch das Individuum packt es nicht mehr, ist hoffnungslos antiquiert angesichts der Ger\u00e4te und Potentiale seiner Umgebung, verliert sich in zum Scheitern verurteilten Versuchen, den Forderungen und Versprechen der VIRTUALISIERUNG nachzukommen.<\/p>\n<p>Ach je! Arme Welt &#8211; <b>aber warum f\u00fchle ich nichts<\/b>, wenn ich all das so hinschreibe? Allenfalls f\u00fchle ich etwas, wenn der Satzbau nicht stimmt und die Sprache holpert. Das ist fast wie ein Schmerz und ich mu\u00df dann solange herum\u00e4ndern, bis es &#8222;klingt&#8220;. Bin ich auch schon eine Art Monster? Wahrscheinlich &#8211; und noch immer f\u00fchle ich nichts.<\/p>\n<p>Auf Goedart Palms lesenswerter Textbaustelle findet sich im Intro der Satz:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Interessenten m\u00f6gen mich kontaktieren, da die vorliegenden Texte gegen Entgelt zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Dar\u00fcber hinaus biete ich an, Texte f\u00fcr diverse Webinitiativen neu zu verfassen, da nicht zuletzt die Armseligkeit vieler Textlandschaften, die D\u00fcrftigkeit des &#8222;content&#8220; eine Ursache f\u00fcr die Fl\u00fcchtigkeit des user-Interesses ist.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist der Punkt: Das User-Interesse und das Schreiber-Interesse richtet sich allenfalls auf TEXTE, kaum je auf das, was sie beschreiben und besprechen. Wer kennt das nicht: selbst der Entschlu\u00df, einen Aspekt des eigenen Lebens nun ernsthaft zu \u00e4ndern, f\u00fchrt zun\u00e4chst dazu, erstmal einige &#8222;B\u00fccher zum Thema&#8220; anzuschaffen, dann \u00fcberlegt man, <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/touch.gif\" alt=\"Schon dreimal Jogging-Schuhe gekauft!\" width=\"43\" height=\"37\" align=\"right\" border=\"0\" \/> welche Ausr\u00fcstungen und Hilfsmittel vielleicht dazu gebraucht, also gekauft werden m\u00fcssen &#8211; und bei alledem tauchen soviele neue Aspekte und W\u00fcnschbarkeiten auf, da\u00df das urspr\u00fcngliche Vorhaben als eine von 1000 M\u00f6glichkeiten ad Acta gelegt wird.<\/p>\n<p>Ist das nun katastrophal &#8211; oder gerade gut? Auch das ist nur eine Frage des Blickwinkels, von dem aus man den aktuellen Text schreibt. Es kann Zeichen der Antiquiertheit und Ohnmacht sein, aber auch Ausdruck der Widerst\u00e4ndigkeit und Beharrlichkeit gegen\u00fcber jeglichem Ver\u00e4nderungsstre\u00df und seinen Zumutungen.<\/p>\n<p>Und da ich das Schreiben damit jeglichen Sinnes \u00fcber das Unterhalten hinaus entkleidet habe, h\u00f6re ich f\u00fcr heute auf und bastle weiter an meinen &#8222;n\u00fctzlichen&#8220; Webseiten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es schneit! Zwar bleibt der Schnee gerade erst auf den Autos liegen, doch vielleicht wird schon bald die Schlo\u00dfwiese, das W\u00e4ldchen, der Garten und alles rundherum weiss sein. Und ich mitten drin, im ersten Winter auf dem Land! 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