{"id":413,"date":"2005-08-22T09:22:30","date_gmt":"2005-08-22T07:22:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=413"},"modified":"2009-12-28T14:19:05","modified_gmt":"2009-12-28T12:19:05","slug":"durch-die-wueste-zu-den-sternen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/08\/22\/durch-die-wueste-zu-den-sternen\/","title":{"rendered":"Durch die W\u00fcste zu den Sternen?"},"content":{"rendered":"<h2>Meldungen aus dem pers\u00f6nlichen Finanztief<\/h2>\n<p>Als ich k\u00fcrzlich in einem Forum erw\u00e4hnte, dass mein Konto derzeit zwischen plus und minus 500 schwankt, hat mir ein eifriger Moderator den Satz wegzensiert: &#8222;Hey, denk noch mal dr\u00fcber nach, ob du das wirklich schreiben willst!&#8220; Diese ungebetene Sorge um meine finanzielle Privatsph\u00e4re hat mich seltsam ber\u00fchrt, handelte es sich doch um ein erotisches Forum, dessen Teilnehmer ein weitgehend &#8222;tabuloses&#8220; Selbstverst\u00e4ndnis in Bezug auf die verhandelten Themen pflegen. Wie man sich f\u00fchlt, wenn man komplett in Aldi-Klarsichtfolie verpackt ist, darf berichtet werden, aber beim Geld ist Schluss mit lustig!<\/p>\n<p><b>Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz<\/b> ist bei &#8222;abh\u00e4ngig  Besch\u00e4ftigten&#8220; aus bekannten Gr\u00fcnden zur allgemein \u00fcblichen Geste geworden, doch von Selbst\u00e4ndigen wird nach wie vor erwartet, dass sie eine Aura des Erfolgs um ihre berufliche Sph\u00e4re erzeugen. Wer hat, dem wird gegeben, deshalb tun wir lieber so, als h\u00e4tten wir genug, zumindest aber keine echten Probleme! Allenfalls die allern\u00e4chsten Freunde erfahren, wie es wirklich steht &#8211; und manche trauen sich nicht einmal das, fressen ihre Sorgen in sich hinein, pflegen eiserne Selbstdisziplin und verdoppeln ihre Anstrengungen, um &#8222;irgendwie&#8220; die Fassade des Funktionierens aufrecht zu erhalten: Blo\u00df nicht schw\u00e4cheln! Bis sie vielleicht eines Tages durch  Krankheit oder Unfall gewaltsam aus der Bahn geworfen werden,  deren freiwilliges Verlassen g\u00e4nzlich undenkbar schien. Das zumindest wird mir nicht passieren!<\/p>\n<h2>Hartz 4?<\/h2>\n<p>Als ich vor ein paar Tagen dar\u00fcber nachdachte, ob ich demn\u00e4chst &#8222;Hartz4&#8220; beantragen soll, um meine \u00fcbern\u00e4chste Miete zu sichern, war ich an einem Tiefpunkt angelangt: Ein langj\u00e4hriger Kunde ist quasi insolvent und zahlt ausstehende Honorare nicht, mit denen ich fest gerechnet hatte. Den Schreibimpulse-Kurs zum Thema &#8222;Altern&#8220; musste ich verschieben, da mir Teilnehmer abgesprungen waren &#8211; und mehr braucht es gar nicht, um mich in echte existenzielle N\u00f6te zu versetzen, denn \u00fcber R\u00fccklagen verf\u00fcge ich nicht. Als sich dann noch der Gerichtsvollzieher  wegen einer uralten Inkasso-Sache aus wilden Jugendjahren ank\u00fcndigte, erschien mir der Punkt erreicht, meine Selbst\u00e4ndigkeit an den Nagel zu h\u00e4ngen und mich ins Meer der Arbeitslosen einzureihen. Zumindest h\u00e4tte ich dann wieder mehr Zeit und Mu\u00dfe zum Schreiben: wer vermittelt schon eine 50plus, die fast ein Jahrzehnt selbstst\u00e4ndig war und alles Andere als einen marktkompatiblen Lebenslauf vorzuweisen hat!<\/p>\n<p>Die Schachspielerin, die ich fr\u00fcher einmal war, meldete sich im Hinterkopf zu Wort: WAS DROHT? Die schlimmste aller denkbaren M\u00f6glichkeiten ins Auge fassen und schauen, ob ich damit leben kann &#8211; so hatte ich Schach gespielt, so begegne ich noch immer Schwierigkeiten, wenn sie sich zeigen. Nun defilierten also die zu erwartenden H\u00e4rten vor meinem inneren Auge vorbei:  Statusverluste? Kein Problem, an so etwas hatte ich nie gehangen. Armut? Ich lebe sowieso sehr bescheiden, was soll&#8217;s! Umzug in eine kleinere Wohnung?  HALT! Das will ich nicht! Meine zwei gro\u00dfen Altbauzimmer mit viel Licht und genug Raum \u00fcber dem Kopf, mit Ausblick auf mehr als nur eine Hauswand gegen\u00fcber &#8211; daran h\u00e4nge ich! Da ich zuhause lebe und arbeite, brauche ich eine Umgebung, die mich nicht mit Enge und Dunkelheit bedr\u00fcckt. In irgend ein Hartz4-vertr\u00e4gliches Loch will ich nicht ziehen &#8211; was f\u00fcr ein \u00fcbertriebener Aufwand auch, wenn man bedenkt, dass schon bald alles wieder viel besser aussehen k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>Einige Zeit kreiste ich in deprimierenden Zukunftsvorstellungen, kritisierte mich selbst f\u00fcr das &#8222;Anhaften&#8220; am Luxus (Wohnung!), das eine leidvolle Beschr\u00e4nkung meiner Flexibilit\u00e4t bedeutet. Wer an nichts h\u00e4ngt, braucht keinerlei Verluste f\u00fcrchten &#8211; ich sehnte mich nach der Freiheit der Asketen und Stoiker und imaginierte mir Zilles zugige Dachkammer als k\u00fcnftiges Rufugium: ob ich mich daran gew\u00f6hnen  k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Mein innerer Probleml\u00f6sungsautomat schlug mir vor, mir im Fall des Falles  lieber eine B\u00fcrogemeinschaft zu suchen, wo ich z.B. gegen Web- oder auch Putzdienstleistungen in H\u00f6he der Miete meinen gewohnten Tag am &#8222;Cockpit der Macht&#8220; verbringen k\u00f6nnte &#8211; und an dieser Stelle erkannte ich endlich, dass ich auf dem falschen Dampfer war! Egal, wie materiell beschr\u00e4nkt und schwierig meine Zukunft werden w\u00fcrde, ich sah mich darin nie und nimmer als das, worauf ich mich gerade beh\u00f6rdentechnisch versuchsweise einlassen wollte: als ARBEITSLOS. <\/p>\n<h2>Die Liebe zur Arbeit<\/h2>\n<p>&#8222;Venus im sechsten Haus: Sie haben eine Begabung, die vielen Menschen abgeht: Sie lieben Ihre t\u00e4gliche Arbeit!&#8220;.  Zwar glaube ich nicht an Astrologie, doch dieser &#8222;Aspekt&#8220;, den mir ein lieber Freund neben anderen horoskopischen Bemerkungen zuschickte, trifft den roten Faden, der sich durch mein gesamtes Arbeitsleben zieht. Es ist eine Wahrheit mit einer hellen und einer dunklen Seite: Was ich tue, tue ich mit Begeisterung und Herzblut &#8211; wenn ich mich aber nicht begeistern kann, bringe ich auch nichts zustande. &#8222;Irgend etwas&#8220; tun, egal was, nur um Geld oder noch mehr Geld zu verdienen, war mir immer vollkommen fremd. Abstraktes Marketing, das von der eigenen Person absieht und ausgew\u00e4hlten Zielgruppen Dienste anbietet, die so auch jeder Andere im gleichen Metier anbieten k\u00f6nnte, war nie meine &#8222;Methode&#8220;, um an Auftr\u00e4ge und Jobs zu kommen. Ich war \u00fcberhaupt nie methodisch, sondern lebte ein aktives Leben, mischte mich ein, wo mich ein Thema interessierte, leistete Beitr\u00e4ge im Rahmen meiner F\u00e4higkeiten, entwickelte Ideen und Projekte, oft jenseits jedes kommerziellen Gedankens. Dies aber nicht aufgrund einer wie immer gearteten moralischen Verurteilung des Geld Verdienens, nicht aus Ressentiment gegen &#8222;Kommerzialisierung&#8220;, sondern einfach, weil ich andere Priorit\u00e4ten lebe, die mir so selbstverst\u00e4ndlich erscheinen wie ein bestimmter Geschmack in der Wahl der Klamotten. Ich verwirkliche mich arbeitend, dr\u00fccke mich dadurch aus &#8211; und der Aspekt des Gelderwerbs ist mir inhaltlich ungef\u00e4hr so wichtig wie der unvermeidbare Papierkram, der mit fast allem einhergeht, was man in dieser Welt unternehmen kann.<\/p>\n<p>Die Liebe zur Arbeit &#8211; ein Luxus, den man sich leisten k\u00f6nnen muss? Eine Krise wie die jetzige stellt in aller Sch\u00e4rfe aufs Neue die Frage:  Soll, kann, muss ich mich \u00e4ndern? Ist diese Einstellung, die ich eher wie eine Veranlagung empfinde, das Problem? Sie hat mich zwar nie reich gemacht, doch ging es mir auch nie wirklich schlecht. Immer gab es Menschen, die genau das nachfragten, was ich gerade anbot &#8211; sei es, dass sie mich im Rahmen meiner frei gew\u00e4hlten Arbeiten kennen lernten und unbekannten Dienstleistern vorzogen, sei es, dass sie direkt an dem Gefallen fanden, was ich inszenierte (z.B. die Schreibimpulse-Kurse). Manche m\u00f6gen die Art, wie ich Webseiten gestalte und empfehlen mich weiter,  andere sch\u00e4tzen meine &#8222;Schreibe&#8220; &#8211; Auftr\u00e4ge kamen allermeist wie von selbst, was mich gar nicht in die Lage kommen lie\u00df, mich irgendwie &#8222;anpreisen&#8220; zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dass die Zeiten schlechter wurden, merkte ich gleichwohl. Immer \u00f6fter musste ich den Dispo in Anspruch nehmen, die viertelj\u00e4hrliche Umsatzsteuer klappte &#8222;gerade so&#8220; &#8211; und jetzt hat sich die Lage in einer Weise zugespitzt, dass Ver\u00e4nderungen unvermeidlich scheinen. Aber welche? &#8222;Hartz 4&#8220; ist keine L\u00f6sung, allenfalls ein Weg, der gegangen werden muss, wenn sonst nichts mehr geht. Was aber ist in meinem Fall dieses &#8222;sonst&#8220;? Soll ich versuchen, was ich noch nie beherrschte: Marketing auf Teufel komm raus? Mich in alle m\u00f6glichen Dienstleister-Datenbanken eintragen, Zielgruppen anschreiben, Business-Netzwerken beitreten, kommunizieren allein um des kommerziellen Effektes willen?<\/p>\n<p>Ich k\u00e4me mir dabei \u00e4hnlich vor, wie wenn ich versuchte, auf einmal sehr weibliche R\u00fcschchenkleider zu tragen: so authentisch wie ein Karnevals-Transvestit ohne echte Neigung! Gleichzeitig w\u00fcrde ich mit denen konkurrieren, denen diese Art Selbstvermarktung selbstverst\u00e4ndlich ist und oft sogar Freude macht &#8211; keine wirklich erfolgversprechende Aussicht. Die Dachkammer liegt mir da glatt n\u00e4her!<\/p>\n<h2>Energie!<\/h2>\n<p>So gr\u00fcbelte ich also in etlichen d\u00fcsteren Stunden \u00fcber die Lage, empfing zwischendurch den Gerichtsvollzieher, der sich nicht mal gro\u00df umsah, sondern gleich sagte: &#8222;Ich taxiere ihre Wohnung mit einem Blick: Sie sind verm\u00f6genslos im Sinne des Gesetzes!&#8220;. Wo er Recht hat, hat er Recht &#8211; aber was mach&#8216; ich jetzt?<\/p>\n<p><b>Keine Stimmung, kein Gef\u00fchl h\u00e4lt sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit,<\/b> wenn man es einfach betrachtet. \u00dcberrascht merkte ich, wie sich meine Laune wieder besserte. Ja, auf einmal sp\u00fcrte ich die brisant-abenteuerlichen Aspekte meiner Situation:  Etwas NEUES beginnen, alle Tr\u00e4gheit hinter mir lassen, wieder aktiv werden und Ideen umsetzen, anstatt im Gewohnten zu verharren &#8211; wer nichts hat, hat nicht viel zu verlieren, und wer zuwenig Auftr\u00e4ge hat, hat Zeit! <br \/>\nWarum nicht Dinge tun, die mir lange schon durch den Kopf geistern, denen ich blo\u00df nicht n\u00e4her trat, weil sie zu entlegen oder gar &#8222;zuwenig kommerziell&#8220; erschienen? Wer aktiv ist, dem tun sich neue M\u00f6glichkeiten auf, die dem gr\u00fcbelnden Verstand per direkter Suche weder auf- noch einfallen.  Und Fakt ist, dass ich weit besser &#8222;im Gesch\u00e4ft&#8220; war, als ich noch keinen Gedanken daran verschwendete, ob das, was ich gerade tue, auch einen &#8222;Return on Invest&#8220; haben wird. Vielleicht ist ja meine &#8222;Veranlagung&#8220;, diese Liebe zur Arbeit mit Herzblut, nicht etwa das Problem,  sondern die L\u00f6sung? Und ich bin nur vom Wege abgewichen, hab&#8216; mich einlullen lassen vom Mainstream, mir ein schl\u00e4friges &#8222;business as usual&#8220; mit Stolz aufs freie Wochenende angew\u00f6hnt, das kaum mehr die Highlights vermittelt,  die lange Zeit &#8222;Claudia Klingers Webwork&#8220; ausmachten?<\/p>\n<p>Ein Kribbeln im Bauch, im Wind ein lang vergessener Bl\u00fctenduft &#8211; Ver\u00e4nderung geschieht, ich werde sie zur Begr\u00fc\u00dfung umarmen! <\/p>\n<p>, Geld<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meldungen aus dem pers\u00f6nlichen Finanztief Als ich k\u00fcrzlich in einem Forum erw\u00e4hnte, dass mein Konto derzeit zwischen plus und minus 500 schwankt, hat mir ein eifriger Moderator den Satz wegzensiert: &#8222;Hey, denk noch mal dr\u00fcber nach, ob du das wirklich schreiben willst!&#8220; Diese ungebetene Sorge um meine finanzielle Privatsph\u00e4re hat mich seltsam ber\u00fchrt, handelte es [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[218,219,216],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/413"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=413"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/413\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=413"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=413"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=413"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}