{"id":4126,"date":"1999-11-14T13:10:51","date_gmt":"1999-11-14T12:10:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4126"},"modified":"2024-01-11T13:44:35","modified_gmt":"2024-01-11T12:44:35","slug":"ego-und-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/11\/14\/ego-und-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Ego und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Bj\u00f6rn hat einen <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/briefe2.htm#bjoern\">Leserbrief<\/a> zu Ingo Macks <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/briefe2.htm#ingo\">Beitrag<\/a> \u00fcber den &#8222;finalen Mausklick&#8220; (Recht auf Selbstmord und Sterbehilfe) geschrieben. Darin wendet er sich GEGEN die schrankenlose &#8222;Freigabe aller pers\u00f6nlichen Rechte&#8220;, denn so sei keine Gesellschaft \u00fcberlebensf\u00e4hig. Wo bleiben die Rechte des Anderen? Wer soll entscheiden, wie weit die Rechte des Einzelnen gehen? <!--more--><br \/>\nMit diesen \u00dcberlegungen ger\u00e4t Bj\u00f6rn mitten in ethische Fragen, die seit 1000en Jahren die Menschen umtreiben und die doch niemals eine &#8222;befriedigende&#8220; L\u00f6sung finden. Die G\u00f6tter, die fr\u00fcher mit Hilfe einer Priesterschaft die Menschen disziplinierten, sind verschwunden. Der EINE GOTT, der alles sieht, selbst wenn dich niemand sieht, ist tot. Die LOGIK von Kant, der versuchte, eine Ethik ohne Gott zu begr\u00fcnden, hindert die Einzelnen nicht, schrecklich unlogische Dinge zu tun. Alles, was wir heute haben, ist ein demokratischer Rechtsstaat, eine im besten Fall dynamisch fortschreitende Kompromi\u00dfmaschine, die immer das Gesetz werden l\u00e4\u00dft, was die &#8222;Mehrheit aller billig und gerecht Denkenden&#8220; f\u00fcr richtig h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Demokratie hat keine Wahrheit und genau das macht sie zur ertr\u00e4glichsten Regierungsform. Doch die Frage des Einzelnen, der ja in diesem Rahmen selbst darauf kommen mu\u00df, WAS er f\u00fcr &#8222;billig und gerecht&#8220; h\u00e4lt, ist damit nicht beantwortet. Viele verbringen Jahre des Lesens und Nachdenkens mit der Suche nach der absoluten Wahrheit und der daraus abzuleitenden Gerechtigkeit: ohne Erfolg &#8211; sieht man mal davon ab, da\u00df es nat\u00fcrlich eine sch\u00f6ne und bildende Besch\u00e4ftigung ist. Doch jedes Gedankengeb\u00e4ude, das jemand m\u00fchevoll errichtet, st\u00fcrzt wie ein Kartenhaus zusammen angesichts eines Einzelfalls &#8211; und IMMER gibt es Einzelf\u00e4llle, die einfach nicht passen&#8230;.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist mittlerweile klar: Die Frage nach der Allgemeinheit, nach der Gesellschaft, ist erstmal eine Sackgasse. Man kann konkretes F\u00fchlen und Handeln nicht &#8222;von daher&#8220; bewerten, ja, allermeist ist diese \u00dcberlegung ein Ausweichen vor der Forderung des augenblicklichen Lebens. Anstatt beim Einzelfall zu bleiben &#8211; zum Beispiel meinen konkreten Novembergedanken: Wie werde ich sterben? &#8211; wird in staatstragende \u00dcberlegungen ausgewichen und dabei kr\u00e4ftig abstrahiert. Aus meinem Wunsch, in jeder Lage selbst \u00fcber mein Leben bzw. Ableben zu bestimmen, wird so die Frage, wie die Rechte des Einzelnen ganz allgemein abzugrenzen seien. Damit ist, f\u00fcr den Augenblick, der Tod scheinbar wegabstrahiert, eine L\u00fcge, wie sie vom immer &#8218;hilfreichen&#8216; Verstand jederzeit zu haben ist.<\/p>\n<p>Der &#8222;Gesellschaft&#8220; ist damit nicht etwa geholfen. In Theorie und Praxis brauchen moderne Demokratien den &#8222;m\u00fcndigen B\u00fcrger&#8220;, nicht unbedingt den kundigen Denker (ok, ein paar, aber nicht 80 Millionen&#8230;). Ein m\u00fcndiger B\u00fcrger ist einer, der sich selbst kennt, der seine Handlungen nicht als reines &#8222;Mitschwimmen&#8220; im Mainstream vollzieht, aber auch nicht als &#8222;automatische Widerstandshandlung&#8220;, wie es f\u00fcr junge Menschen naheliegt, die sich erstmal gegen alles Vorgefundene wenden.<\/p>\n<p>Sich selbst kennenlernen ist unm\u00f6glich, wenn bei jedem &#8222;Problem&#8220; ins Denken ausgewichen wird. Es kommt dabei keine neue Erkenntnis heraus, denn man schaut ja gar nicht mehr hin: Wer stirbt? Vor WAS habe ich Angst? Was ist das f\u00fcr eine Angst? Ist sie immer da oder nur, wenn ich eine Krankheit sp\u00fcre? Was IST jener Teil in mir, der einfach nicht verkraften mag, da\u00df es mal ein Ende hat? Was ist ES? Was hat das f\u00fcr Auswirkungen in meinem allt\u00e4glichen Leben, wenn ich garnicht an Tod &amp; Sterben denke?<\/p>\n<p>Viele hochspannende Fragen schlie\u00dfen sich hier an, alles Fragen, die ich nicht aus B\u00fcchern beantworten kann, ja, die praktisch \u00fcberhaupt nicht durch irgend ein aktives Tun oder Denken zu l\u00f6sen sind. Allein das beobachtende Dabeibleiben bei den Fragen, wie sie im Alltag immer wieder aufblitzen, wenn man sie l\u00e4\u00dft, schafft die M\u00f6glichkeit, da\u00df Antworten geschehen k\u00f6nnen (nicht: m\u00fcssen).<\/p>\n<p>\u00dcber solche Antworten besteht dann kein Bedarf, zu streiten. Sie SIND, und sie bilden den Bestand, von dem aus ich die Entscheidung treffe, ob und wann der &#8222;finale Mausklick&#8220; ein Weg ist, ganz egal, was die Gesellschaft dazu meint. Sie bilden aber auch die QUALITATIVE Grundlage f\u00fcr das, was ich als &#8222;billig und gerecht Denkende&#8220; als Forderung an die Gesellschaft herantrage &#8211; in der Hoffnung, damit schon bald eine Mehrheit zu bilden. Im besten Fall eine Mehrheit m\u00fcndiger B\u00fcrger.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bj\u00f6rn hat einen Leserbrief zu Ingo Macks Beitrag \u00fcber den &#8222;finalen Mausklick&#8220; (Recht auf Selbstmord und Sterbehilfe) geschrieben. Darin wendet er sich GEGEN die schrankenlose &#8222;Freigabe aller pers\u00f6nlichen Rechte&#8220;, denn so sei keine Gesellschaft \u00fcberlebensf\u00e4hig. Wo bleiben die Rechte des Anderen? 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