{"id":4123,"date":"1999-11-04T13:09:18","date_gmt":"1999-11-04T12:09:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4123"},"modified":"2024-01-11T13:17:35","modified_gmt":"2024-01-11T12:17:35","slug":"zahn-um-zahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/11\/04\/zahn-um-zahn\/","title":{"rendered":"Zahn um Zahn"},"content":{"rendered":"<p>Wir sterben nicht von jetzt auf gleich, sondern St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Wenn es &#8222;nur&#8220; ein Zahn ist, der vorzeitig verlustig geht, denkt normalerweise niemand ans Sterben, h\u00f6chstens ans Ersatzteil und seine Kosten. Vielleicht ist es der November, der mich so denken l\u00e4\u00dft, drau\u00dfen h\u00e4ngt dicker Morgennebel und macht die Welt fast unsichtbar &#8211; irgendwann wird sie ganz verschwinden, genau wie der Zahn!<!--more--><br \/>\nDie immense GEWALT, die mein Zahnarzt aufwenden mu\u00dfte, um das seiner Ansicht nach \u00fcberfl\u00fcssige, ja sch\u00e4dliche Kauwerkzeug zu entfernen, hat mir die Materialit\u00e4t, das Beharren, die mechanisch-biologische Kraft gezeigt, mit der &#8222;der K\u00f6rper&#8220; in der Welt steht. Das ist leicht zu vergessen in einem sitzenden Leben vor dem Monitor, im Umgang mit Software, wo alles mit einem Mausklick getan ist.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mich weniger vor dem Proze\u00df des Sterbens f\u00fcrchten, g\u00e4be es die M\u00f6glichkeit, zu jedem Zeitpunkt in diesem sicher gewalt\u00e4tigen und schmerzhaften Proze\u00df den finalen Mausklick zur Verf\u00fcgung zu haben. Vielleicht gelingt es meiner Generation noch, bevor es ernst wird, dieses Menschenrecht auf ein selbstbestimmtes Ableben durchzusetzen!<\/p>\n<h2>Tr\u00e4ume vom Zahnverlust<\/h2>\n<p>Das <b>Philosophieren mit den Z\u00e4hnen<\/b> hat noch andere Aspekte: Z\u00e4hne sind nicht nur zum Kauen da, sondern sie sind WAFFEN. Wer schon einmal den ber\u00fchmten Traum hatte, in dem die Z\u00e4hne samt und sonders ausfallen, im Mund zerbr\u00f6ckeln, der wei\u00df, da\u00df sie physische Entsprechungen der Kraft sind. Ich hatte diesen Traum einige Male, so bis Mitte dreissig, und es war ein furchtbarer Schrecken: ein Gef\u00fchl des Verlustes s\u00e4mtlicher F\u00e4higkeiten sich zu behaupten, absolute Wehrlosigkeit, Angst.<\/p>\n<p>Typischerweise traten diese Tr\u00e4ume zu einer Zeit auf, in der ich nach au\u00dfen einen recht k\u00e4mpferischen Lebensstil pflegte, allerlei Machtpositionen besetzt hatte und sie zu verteidigen wu\u00dfte. Ich war &#8222;effektiv&#8220; f\u00fcr die jeweilige Sache, aber innerlich litt ich in jeder Auseinandersetzung wie ein Schwein. Es durfte ja in meinem Weltbild keine &#8222;Feinde&#8220; geben, ich war auf KONSENS gepolt, sehnte mich nach Harmonie und Eintr\u00e4chtigkeit. Wo das nicht zu finden war, lernte ich, mich durchzusetzen &#8211; allerdings mit Bauchschmerzen und f\u00fcrchterlichen Tr\u00e4umen vom Zahn-GAU.<\/p>\n<p>Gegen Ende dieser Lebensphase fiel mir auf, da\u00df ich auf einmal die Zeit nicht mehr &#8222;seit damals&#8220; rechnete, sondern &#8222;bis dahin&#8220;. Nicht mehr die Jahre seit dem Studium, seit dem Umzug nach Berlin, seit den Kindertagen stand mir im Bewu\u00dftsein, sondern die Zeit, die mir voraussichtlich noch blieb. Dieses etwas unheimliche Umdenken leitete eine Krise ein, die ein paar Jahre dauerte und mir zeigte, wie machtlos ich bin. Da\u00df die Welt sich nicht darum schert, was ich \u00fcber sie DENKE, und mehr noch: da\u00df das GUT SO ist.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Tunnel dieser Krise am anderen Ende wieder auftauchte, war nichts mehr, wie es vorher war. Pl\u00f6tzlich wu\u00dfte ich, was Freiheit ist: nicht immer gewinnen m\u00fcssen, sondern auch verlieren k\u00f6nnen. Nicht stets besser sein wollen, recht haben um jeden Preis, schneller, h\u00f6her weiter, VORW\u00c4RTS kommen m\u00fcssen, sondern endlich mal die Augen aufmachen und die Sch\u00f6nheit der Welt sehen. Eine Sch\u00f6nheit, die geworden ist und weiter besteht, ohne da\u00df ich meinen Senf dazu geben m\u00fc\u00dfte!<\/p>\n<p>Seither kann ich w\u00e4hlen, ob ich in irgend einer Sache k\u00e4mpfen will oder nicht. Zeigt sich jemand als Feind, mu\u00df ich nicht automatisch zur\u00fcckschlagen &#8211; hab&#8216; aber auch keine &#8222;mentalen Probleme&#8220;, das zu tun, wenn ich mich dazu entscheide.<br \/>\nEs wundert nicht, da\u00df ich heute vergleichsweise sehr sehr friedlich lebe. Und die Z\u00e4hne fallen nicht mehr in Tr\u00e4umen aus, sondern mein Zahnarzt tut seinen Job.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sterben nicht von jetzt auf gleich, sondern St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Wenn es &#8222;nur&#8220; ein Zahn ist, der vorzeitig verlustig geht, denkt normalerweise niemand ans Sterben, h\u00f6chstens ans Ersatzteil und seine Kosten. 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