{"id":412,"date":"2005-08-16T08:20:36","date_gmt":"2005-08-16T06:20:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=412"},"modified":"2009-12-28T14:20:06","modified_gmt":"2009-12-28T12:20:06","slug":"und-nochmal-angst-vorm-fliegen-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/08\/16\/und-nochmal-angst-vorm-fliegen-ii\/","title":{"rendered":"Und nochmal: Angst vorm Fliegen II"},"content":{"rendered":"<h2>Ein paar Gedanken \u00fcber Tod, Zeit und die Kunst, zu sterben<\/h2>\n<p>Seit meinem Artikel \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/27_07_05.shtml\">&#8222;Angst vorm Fliegen&#8220;<\/a> sind drei Maschinen abgest\u00fcrzt, bzw. \u00fcber die Landebahn hinaus geschossen und in Flammen aufgegangen. Letzteres lief erstaunlich glimpflich ab, alle Passagiere konnten rechtzeitig evakuiert werden. Daf\u00fcr zeigt die neuerliche Katastrophe eines Billigfliegers, dass es noch weit Schlimmeres gibt, als &#8222;einfach abst\u00fcrzen&#8220; &#8211; n\u00e4mlich eineinhalb Stunden mit dem Autopiloten weiter fliegen bis der Sprit alle ist und DANN abst\u00fcrzen.  Die Leute konnten noch SMS versenden &#8211; es graust mich, wenn ich es mir vorstelle!<\/p>\n<p>Als ich vor ca. zwanzig Jahren das zweite Mal im Leben in ein Flugzeug stieg, um nach einer anstrengenden Arbeitsphase vier Wochen Tunesien zu genie\u00dfen, war ich mit mir halbwegs im Reinen: ich WOLLTE diesen Urlaub, hatte genug Geld, um ihn selbst zu organisieren, nach mehreren Jahren ohne jegliches Interesse an &#8222;Urlaub&#8220; stand mir der Sinn nach einem Abenteuer. Der Flugangst sah ich tapfer ins kalte Auge, lernte, dass der von der Stewardess angebotene Wodka durchaus helfen kann, und war dennoch \u00fcbergl\u00fccklich, in Tunis dann endlich wieder Boden unter den F\u00fc\u00dfen zu haben. <\/p>\n<p>Doch auf diesem heimatfernen Boden empfingen uns wenig freundliche, martialisch auftretende Polizeikr\u00e4fte: mein Begleiter hatte vergessen, seinen Pass zu verl\u00e4ngern, wir waren keine Pauschalurlauber mit fest gebuchtem Hotel, also steckte man uns &#8222;postwendend&#8220; wieder in dieselbe Maschine und schickte uns zur\u00fcck, anstatt uns in der Botschaft den Pass verl\u00e4ngern zu lassen.<\/p>\n<p>Jetzt war ich NICHT mehr mit mir im Reinen:  f\u00fcr vier Wochen Abenteuer war mir das Risiko als Preis nicht zu hoch gewesen &#8211; jetzt aber flog ich gegen meinen Willen. W\u00fcrde ich JETZT abst\u00fcrzen, w\u00e4re ich nicht &#8222;selber schuld&#8220;, sondern w\u00e4re Opfer der Willk\u00fcr einer polizeistaatlich agierenden Obrigkeit, der wir suspekt erschienen waren. Seltsamerweise erregte mich das noch weit mehr, als es die Flugangst alleine vermochte. Auf dem Hinflug war ich damit einverstanden gewesen, f\u00fcr vier Wochen Tunesien mein Leben zu  riskieren, mich einer d\u00fcnnen R\u00f6hre anzuvertrauen, die mich in zehn Kilometern H\u00f6he durch lebensfeindliche Luftschichten tragen sollte. Ganz bewusst hatte ich meine Lust auf Urlaub \u00dcBER meine Angst und die M\u00f6glichkeit eines Absturzes gestellt &#8211; und war mir dabei schon einigerma\u00dfen absurd vorgekommen! Wer seine Angst ernst nimmt, sollte vern\u00fcnftigerweise nur dann fliegen, wenn es unumg\u00e4nglich ist: wenn zum Beispiel ein Freund oder Verwandter in der Ferne im Sterben liegt, oder ein wichtiges Gesch\u00e4ft, von dem die Arbeit vieler Menschen abh\u00e4ngt, pers\u00f6nliche Anwesenheit erfordert. Und doch war ich aus blo\u00dfer Vergn\u00fcgungssucht eingestiegen &#8211; aber immerhin selbst bestimmt!<\/p>\n<p>Die Stewardessen waren sehr verst\u00e4ndnisvoll und reichten erneut Wodka, der allerdings meine Flugangst weit weniger gut d\u00e4mpfen konnte als auf dem Hinflug.<\/p>\n<p>Wenn schon sterben, dann aber selbstbestimmt! Was f\u00fcr ein seltsames Verlangen, wenn man es genau besieht. Es ist allen vertraut, die sich ein &#8222;Mittel zum Abtreten&#8220; w\u00fcnschen, wenn sie an Alter, Krankheit und Tod denken. Wir wollen dem Geschehen nicht hilflos ausgeliefert sein, sondern \u00fcber einen &#8222;Ausschaltknopf&#8220; verf\u00fcgen &#8211; um uns damit dem Tod vorzeitig in die Arme zu werfen, anstatt seinen &#8222;Anblick&#8220; zu ertragen. <\/p>\n<p>Dass da kein Tod ist, solange wir leben, und im Tod kein Subjekt mehr existiert, das sich \u00fcber etwas erregen k\u00f6nnte, ist ein so abstrakter, blo\u00df logischer Gedanke, dass er dem lebendigen F\u00fchlen der Angst nicht wirklich etwas entgegen setzen kann. \u00c4hnlich wirkungslos bleibt f\u00fcr das gew\u00f6hnliche Bewusstsein die Weisheit, dass es keine Zeit gibt, sondern allein den Augenblick, das &#8222;ewige Jetzt&#8220;: <em>Vergangenheit existiert nicht, es gibt nur die Erinnerungen, die JETZT in uns leben. Zukunft ist ebenso wenig real, wir denken sie uns nur, machen uns Sorgen, hegen W\u00fcnsche und verfolgen Pl\u00e4ne &#8211; alles hier und jetzt, wann denn sonst?<\/em> <\/p>\n<p>Das sind immer wieder gern vorgetragene &#8222;Trostgedanken&#8220; aus spirituellen oder naturwissenschaftlichen Kontexten, doch erscheinen sie mir oft als reine Abwehr gegen das Schreckliche, von dem man nicht h\u00f6ren und nicht lesen will. Lebt denn der, der so spricht, selber leibhaftig &#8222;im ewigen Augenblick&#8220;, frei von jenem Missbrauch der Fantasie durch den Verstand, der uns gew\u00f6hnlich Beschr\u00e4nkten so selbstverst\u00e4ndlich ist wie die Luft zum Atmen?<\/p>\n<p>Ja, wir gruseln uns gerne mal, das Kino- und Fernsehprogramm ist eine einzige Seelenmassage, die Erregungszust\u00e4nde vermittelt, denen wir uns in gesicherter Distanz wohlig hingeben &#8211; aber am Ende soll die Familie wieder zusammen finden, das Paar muss gl\u00fccklich werden, der Held triumphieren, oder sein Tod soll bittsch\u00f6n einen Sinn haben, der \u00fcber das \u00dcbel hinaus weist. Alles andere schw\u00e4cht uns nur im t\u00e4glichen Kampf ums Fortkommen, wo immer es hingehen mag. Also bitte, lieber Mitmensch: Sorge dich nicht, lebe! (Aber vergiss nicht den  regelm\u00e4\u00dfigen Gesundheits-Check!). <\/p>\n<h2>Nach innen fliehen?<\/h2>\n<p>Das Erleben der Flugangst hat mir eine Einsicht vermittelt, die nicht durch blo\u00dfes Lesen und intellektuelles Verstehen vermittelbar ist, sonst h\u00e4tte ich sie schon seit Jahrzehnten &#8222;intus&#8220;. Ich hatte mich immer schon gefragt, warum in den verschiedenen Meditationswegen auf bestimmten Stufen versucht wird, alles Sinnliche vollst\u00e4ndig auszuschalten. Ein Bewusstsein ohne Inhalt, ein Schweben im Nichts &#8211; was sollte das bringen? In vielen Jahren Yoga und durch das Durchleben einer tiefen Lebenskrise war mir das Verm\u00f6gen zugefallen, die Welt des Denkens und Sorgens durch Konzentration auf den Atem und die k\u00f6rperlichen Empfindungen auszuschalten &#8211; nicht nur &#8222;beim \u00dcben&#8220;, sondern jederzeit. Dadurch erlangte ich ein &#8211; verglichen mit dem fr\u00fcheren Zustand &#8211; unglaublich friedvolles Lebensgef\u00fchl, von dem aus es eine regelrechte Anstrengung bedeutet, die Welt der Alltagssorgen, des Ehrgeizes und der sozialen \u00c4ngste noch &#8222;richtig ernst&#8220; zu nehmen.  <\/p>\n<p>Auch eine gewisse Arroganz gegen\u00fcber den &#8222;gew\u00f6hnlich Besorgten&#8220; ging damit gelegentlich einher, die ich gar nicht mochte und sorgsam verbarg. Schlie\u00dflich hatte ich selber lange genug ein &#8222;verspanntes Leben&#8220; gef\u00fchrt, es war mir peinlich und entsprach nicht meinem Wertesystem, nun auf Andere herab zu sehen, anstatt liebendes Mitgef\u00fchl zu empfinden. Am tibetischen Buddhismus bewunderte ich umso mehr die Methoden, dieses Mitgef\u00fchl in der Psyche zu erzeugen und zu stabilisieren, doch war es niemals mein Weg, mich einer Lehre anzuschlie\u00dfen und &#8211; \u00fcber einen sehr diesseitigen Yoga hinaus &#8211; &#8222;ernsthaft zu praktizieren&#8220;. Soviel spirituelles &#8222;Streben&#8220; packe ich einfach nicht, daf\u00fcr bin ich zu faul, zu undiszipliniert, zu genusss\u00fcchtig. Es verh\u00e4lt sich damit \u00e4hnlich wie mit dem Thema &#8222;Ordnung&#8220;: nicht, weil mir eine Tradition oder Autorit\u00e4t &#8222;Ordnung&#8220; als hohen Wert nahe legt, r\u00e4ume ich mittlerweile meine Wohnung auf, sondern weil ich festgestellt habe, dass ich zu faul bin zum Suchen &#8211; und weil mich Chaos von dem ablenkt, womit ich mich gerade besch\u00e4ftigen will. <\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zur Sache: Im Flugzeug versuchte ich automatisch, der Angst mit der gewohnten Konzentration auf den K\u00f6rper zu begegnen &#8211; aber das half nur sehr beschr\u00e4nkt. Ich vermied den Blick aus dem Fenster, hielt mir  zeitweise Augen und Ohren zu und schaffte es so, die Flugger\u00e4usche weitgehend auszublenden. Ich beobachtete den Atem, der sich ein wenig beruhigte, doch die Angst, die aus dem &#8222;Sp\u00fcren&#8220; kam, konnte ich nicht besiegen. Mein Bauch f\u00fchlte das Zittern der Tragfl\u00e4chen, das Ruckeln in den Turbulenzen, da war nichts zu machen. Und so verfiel ich immer wieder den Angstgedanken, sah mich abst\u00fcrzen, in Panik geraten, aufschlagen und sterben. <\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, dass ein weiterer Schritt &#8222;weg von alledem&#8220;, eine Praxis der leibfreien Meditation, die auch auf das Sp\u00fcren des K\u00f6rpers und Beobachten des Atems verzichten kann, hier \u00e4u\u00dferst n\u00fctzlich w\u00e4re: Nach innen fliehen, wo die Flucht nach au\u00dfen unm\u00f6glich ist &#8211; und nicht nur in einem Flugzeug, sondern auch in der Situation, die mit Sicherheit auf jeden von uns zukommt: Wenn das Ende in Sicht ist und das Leben nichts mehr bietet, das zum Bleiben verleiten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dass ich deshalb jetzt zu einer &#8222;ordentlich Meditiererin&#8220; werde, bezweifle ich. Daf\u00fcr fliege ich einfach zu selten. Die Arroganz des &#8222;entspannten Bauches&#8220; ist mir aber gr\u00fcndlich vergangen &#8211; und das ist ja auch schon was!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar Gedanken \u00fcber Tod, Zeit und die Kunst, zu sterben Seit meinem Artikel \u00fcber die &#8222;Angst vorm Fliegen&#8220; sind drei Maschinen abgest\u00fcrzt, bzw. \u00fcber die Landebahn hinaus geschossen und in Flammen aufgegangen. Letzteres lief erstaunlich glimpflich ab, alle Passagiere konnten rechtzeitig evakuiert werden. 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