{"id":411,"date":"2005-07-27T13:18:01","date_gmt":"2005-07-27T11:18:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=411"},"modified":"2009-12-28T14:21:27","modified_gmt":"2009-12-28T12:21:27","slug":"angst-vorm-fliegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/07\/27\/angst-vorm-fliegen\/","title":{"rendered":"Angst vorm Fliegen"},"content":{"rendered":"<p>Jede Angst ist im Grunde eine abgeschw\u00e4chte und verkleidete Form der Todesangst, die als &#8222;letzte Angst&#8220; hinter allen anderen \u00c4ngsten steht. In der Angst, beim Mitmenschen nicht anzukommen, nicht genug anerkannt oder geliebt zu werden, f\u00fcrchten wir die Einsamkeit, den sozialen Tod. Die Angst vor Ver\u00e4nderungen, vor dem Wandel der Lebensumst\u00e4nde und vor dem Verlust gewohnter Sicherheiten bedroht unsere Selbstsicherheit, denn das Selbst, das wir sichern wollen, besteht oft aus nichts als Identifikationen mit dem einen oder anderen Besitzstand: meine Freunde, meine Stadt, meine Wohnung, mein Auto, mein Konto, meine Arbeit &#8211; wenn etwas davon wegzufallen droht, ist es, als ob ein &#8222;St\u00fcck von mir&#8220; stirbt. <\/p>\n<h2>Lebensangst<\/h2>\n<p>Lange schon lebe ich mein Leben, ohne viel von diesen \u00c4ngsten zu sp\u00fcren. Selbst wenn das Konto mal stark im Minus ist, kann ich Gelassenheit bewahren, gerate nicht in diese gehetzte und bedr\u00fcckte Stimmung, die mich vor Jahrzehnten bei solchen Gelegenheiten um die innere Ruhe brachte. Da meine Laune nicht vom materiellen Besitz abh\u00e4ngt und es mir nie wichtig war, meinen Lebensstandard ins Luxuri\u00f6se zu steigern, hab&#8216; ich keine gro\u00dfen Verluste zu bef\u00fcrchten &#8211; klar, es w\u00e4re verdammt nervig, von der Freiberuflerin zur Harz4erin zu werden, doch vor allem wegen der damit verbundenen B\u00fcrokratie und der Beschr\u00e4nkung spontanen Handelns, nicht so sehr wegen der Armut selbst, die es bedeutet. <\/p>\n<p>Ich h\u00e4nge allerdings an meiner Wohnung und am Ort, an dem ich lebe. Das ist mir bewusst und ich rechne damit, zu leiden, sollte ich diese Wohnung mal nicht mehr halten k\u00f6nnen. Gl\u00fccklicherweise ist sie relativ preiswert, genau wie die Lebenshaltungskosten in meinem Stadtteil. Also ist &#8222;im Prinzip&#8220; im Moment nichts zu f\u00fcrchten &#8211; toi toi  toi! :-)<\/p>\n<h2>Stress mit dem Mitmenschen?<\/h2>\n<p>Mit Menschen hab&#8216; ich ebenfalls  keine tiefer gehenden &#8222;Probleme&#8220; mehr. Fr\u00fcher litt ich darunter, wenn jemand nicht so war, wie ich ihn mir ertr\u00e4umte, und f\u00fchlte mich st\u00e4ndig verletzt, wenn er meine Erwartungen nicht erf\u00fcllte. Doch irgendwann hatte ich es  endlich geschnallt:  das Gl\u00fcck kommt NICHT vom Anderen, kommt nicht von &#8222;au\u00dfen&#8220;, sondern aus einem inneren Ort &#8222;Nirgendwo&#8220;, \u00fcber den ich jetzt keine weiteren Worte machen will. Man kennt ihn oder eben nicht, man kann ihn nicht redend und schreibend teilen oder vermitteln.  Er ist meine eigentliche &#8222;Heimat&#8220;, und alle N\u00e4he, alles begl\u00fcckende Miteinander, alle Verbundenheit mit Freunden und Geliebten zehrt allein von meinem Zugang zu jenem ortlosen Ort, an dem ich NIEMANDEN brauche, sondern bei mir selbst zuhause bin: wenn ich die Stille in mir nicht finde, finde ich nirgendwo sonst Erf\u00fcllung, sondern reibe mich nur auf in ewig sehns\u00fcchtiger Suche am falschen Ort, immer wieder neu entt\u00e4uscht vom Mitmenschen, der als Gl\u00fcckslieferant zwangsl\u00e4ufig versagen muss. <\/p>\n<p>Im Alltag bin ich deshalb nicht etwa gleichg\u00fcltig, kann mich immer noch aufregen, \u00e4rgern, entt\u00e4uscht sein &#8211; aber anders als fr\u00fcher sehe ich, dass das automatenhafte psychische Prozesse sind, zum Leben geh\u00f6rig wie der Schmerz, den ich empfinde, wenn ich mich in den Finger schneide:  man sagt &#8222;aua!&#8220;, aber den Seelenfrieden bringt es nicht wirklich in Gefahr.<br \/>\nEs geschieht, ja, aber in dem Moment, in dem ich es als ganzen Prozess ins Auge fasse, einschlie\u00dflich all der Bedingungen, die genau diese Realit\u00e4t herstellen, erkenne ich meinen kreativ-sch\u00f6pferischen Anteil an dem, was mir dann als &#8222;Elend&#8220; begegnet: sobald ich Erwartungen hege, mir ein Bild vom Mitmenschen mache, dem er gef\u00e4lligst zu entsprechen hat, werde ich darunter leiden, wenn er dann anders reagiert, als erwartet. So sicher, wie mich das Messer in den Finger schneidet, wenn ich es in die falsche Richtung lenke. <\/p>\n<p><b>Ich benutze immer noch Messer und schneide mich gelegentlich<\/b> &#8211; vermutlich ist es meine pers\u00f6nliche Faulheit und Schlaffheit, dass ich mich nicht aufraffe, allerlei vermeidbare Leiden aus meinem Leben zu verbannen. Auch in Bezug auf meine Mitmenschen versuche ich nicht krampfhaft, keine Erwartungen entstehen zu lassen &#8211; ich erinnere mich nur, wenn das Leiden dann eintritt, dass ich daran erheblichen Eigenanteil habe. DAS schafft ausreichend innere Distanz zum eigenen \u00c4rger, vergleichbar der zum Schmerz beim Schnitt in den Finger. F\u00fcr mich reicht das momentan, was den Seelenfrieden angeht. Angst ist keine Begleiterin mehr in meinem Umgang mit Anderen &#8211; was will ich mehr?<\/p>\n<h2>Todesangst<\/h2>\n<p>Wie steht es aber mit der Angst vor dem Tod? Oft negieren Menschen, mit denen ich \u00fcber sie spreche, dass sie da ist, dass sie hinter allem anderen, was uns bewegt, auch immer DA bleibt, solange wir leben. Schlie\u00dflich w\u00fcssten wir ja alle, dass wir sterben, dass wir nur ein St\u00e4ubchen im Kosmos sind, in dem sowieso st\u00e4ndig alles bedroht ist. Morgen kann ein Meteor auf die Erde st\u00fcrzen und alles ist vorbei. Ein Dachziegel kann mich treffen, die letzte Krankheit ist vielleicht nur noch nicht diagnostiziert, die statistische Lebenserwartung nur geringf\u00fcgig zu \u00fcberschreiten  &#8211; alles lange bekannt! Das habe ein geistiger Mensch mit dem Intellekt durchdrungen, sagt mir ein Freund, und damit sei die Angst transzendiert und nicht mehr virulent. <\/p>\n<p>So? Ich glaube kein Wort davon. Dass wir t\u00e4glich alle unseren Alltag leben und die vielf\u00e4ltigen Bedrohungen genau wie das unvermeidliche Ende aus dem Bewusstsein ausblenden, ist eine Art n\u00fctzliches Scheuklappen-Leben, bei dem wir uns alle gegenseitig unterst\u00fctzen. Zivilisation ist die Lizenz zum Halbschlaf.  Und gerade ger\u00e4t dieser Halbschlaf durch die weltweiten Terror-Anschl\u00e4ge auch hierzulande in Gefahr, was viele dazu bewegt, ihre Urlaube umzubuchen &#8211; man m\u00f6chte abschalten und nicht aufpassen m\u00fcssen, nicht st\u00e4ndig an Gefahren denken. Das sind mir nicht mehr gewohnt und verteidigen unsere kollektive Illusion der Sicherheit mit vielerlei Mitteln.<\/p>\n<h2>Am Rande der Panik<\/h2>\n<p>Auf dem Flug nach Venedig bin ich der Todesangst begegnet &#8211; und dann wieder auf dem Flug zur\u00fcck nach Berlin. Es war die dritte Flugreise meines Lebens und jedes Mal hatte ich MEHR Angst als beim Flug zuvor.  Eine Angst, wie ich sie sonst nie und nirgends im Leben sp\u00fcrte, eine vom K\u00f6rper und vom innersten Gem\u00fct ausgehende kreat\u00fcrliche Angst angesichts der sofortigen Vernichtung, die ein Absturz bedeuten w\u00fcrde. Der Blick aus dem Fenster auf Wolken unter mir oder auf die Erde aus unglaublicher H\u00f6he versetzt mich fast in Panik &#8211; FAST, denn ich kann sie durch Konzentration auf den Atem und weitgehendes Ausschalten aller Sinneseindr\u00fccke halbwegs kontrollieren. Kontrollieren in dem Sinne, dass ich brav auf dem Sitz bleibe und nicht auff\u00e4llig werde &#8211; aber NICHT etwa wegbekommen! Noch jetzt sp\u00fcre ich die Reste der starken Kopf- und Nackenverspannung, die ich mir w\u00e4hrend dieser eineinhalb Stunden eingehandelte, obwohl seither mehr als 36 Stunden verstrichen sind. Diesen Text zu schreiben, l\u00e4sst es mich erinnernd wieder f\u00fchlen &#8211; es ist das grauenhafteste Gef\u00fchl, das ich kenne. Kein Schmerz, kein pers\u00f6nlicher Verlust, kein Liebeskummer, keine Krankheit kommt auch nur ansatzweise an dieses furchtbare Angstgef\u00fchl heran, das mich im Innersten ergreift, wenn ich die Flugbewegungen sp\u00fcre: das Beschleunigen oder Bremsen, das Ruckeln der Tragfl\u00e4chen in Turbulenzen &#8211; oder auch nur der Blick aus dem Fenster, wenn ich nicht zwanghaft in die andere Richtung schaue.<\/p>\n<p><b>Es ist, als bliebe die Summe der Angst immer gleich.<\/b> Da ich sie im Lauf eines halben Jahrhunderts aus weiten Teilen meines Lebens ausgeschieden habe, sammelt sie sich eben in der letzten Ecke und zeigt sich da in ganzer St\u00e4rke: Siehe, du bist sterblich, da kannst du machen, was du willst! Da rettet dich kein inneres Wachstum, keine Gelassenheit im Umgang mit Menschen und Dingen, keine innere Distanz durch Beobachten &#8211; rein gar nichts! <\/p>\n<p>Dem Tod ist man (ja, MAN, nicht nur ich!) unrettbar ausgeliefert, weder Kampf noch Flucht ist mehr m\u00f6glich. Dass ich DAS kein St\u00fcck &#8222;transzendiert&#8220; habe, haben mir diese Stunden &#8222;\u00fcber den Wolken&#8220; gezeigt. <\/p>\n<p>Es ist in Ordnung, diese Tatsache per Flugangst erlebt zu haben. Im Grunde wusste ich es immer schon, nur hab&#8216; ich es nicht GESP\u00dcRT (meine fr\u00fcheren Fl\u00fcge sind zwanzig und drei\u00dfig Jahre her, ich hatte es vergessen, bzw. verdr\u00e4ngt). Unter anderem ist dieses drastische Erlebnis ein Lehrst\u00fcck \u00fcber die Machtlosigkeit des Intellekts, der mit seinem Wissen \u00fcber die statistische Gef\u00e4hrlichkeit bzw. Sicherheit des Fliegens angesichts real gef\u00fchlter Todesangst nichts auszurichten vermag &#8211; weniger als nichts!<\/p>\n<p>Oder doch? <\/p>\n<p>Ausweichen durch Bet\u00e4ubung und Vermeidung der Wachheit, das ist es, was vermutlich geht. Sollte ich noch einmal in diesem Leben in ein Flugzeug steigen wollen (wozu ich im Moment nicht die geringste Lust versp\u00fcre!), werde ich mich mit den Errungenschaften der Pharmaindustrie wappnen:  in leicht euphorisierter Gleichg\u00fcltigkeit dahin schweben, Valium, Prozac, oder was immer das Mittel der Wahl sein mag, in den Adern kreisend &#8211; vielleicht ist Fliegen ohne Todesangst SO ja m\u00f6glich (Tipps dazu sind ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht!).<\/p>\n<p>Ob ich es damit dann riskiere, wei\u00df ich aber noch nicht. Man muss ja nicht unbedingt fliegen, am Boden ist es ausgesprochen sch\u00f6n.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede Angst ist im Grunde eine abgeschw\u00e4chte und verkleidete Form der Todesangst, die als &#8222;letzte Angst&#8220; hinter allen anderen \u00c4ngsten steht. In der Angst, beim Mitmenschen nicht anzukommen, nicht genug anerkannt oder geliebt zu werden, f\u00fcrchten wir die Einsamkeit, den sozialen Tod. 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