{"id":4107,"date":"1999-10-23T12:06:54","date_gmt":"1999-10-23T10:06:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4107"},"modified":"2024-03-01T14:55:44","modified_gmt":"2024-03-01T13:55:44","slug":"ausflug-ins-real-life","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/10\/23\/ausflug-ins-real-life\/","title":{"rendered":"Ausflug ins Real Life? \u00a0"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Real Life ist auch nur ein Fenster unter mehreren &#8211; und nicht einmal mein Bestes!&#8220; WER diesen denkw\u00fcrdigen Satz gesagt hat, ist mir entfallen, doch ich erinnere mich noch gut, da\u00df er 1996 euphorisch durch die Dr\u00e4hte gefl\u00fcstert wurde. Der NetHype schwappte gerade von USA her\u00fcber: virtuelle Welten, der Cyberspace, neue, unendliche Weiten \u00f6ffneten sich der Eroberung und wer schon einen Anschlu\u00df hatte, geh\u00f6rte zur Avantgarde. Alle waren nett zueinander!<!--more--><\/p>\n<p>So lautstark der Hype, so heftig der folgende Absturz: Sp\u00e4testens ab 1998 sollte das Netz vor allem N\u00dcTZLICH sein. S\u00e4mtliche Utopien und Denkmodelle \u00fcber ver\u00e4nderte Realit\u00e4ten, Beziehungen und Gemeinschaften wurden jetzt bel\u00e4chelt, als Kopfgeburten abgedrehter Philosophen oder Rechtfertigungstiraden sozial gest\u00f6rter Netzfreaks abgetan. Und der Ton ist rauher geworden.<\/p>\n<p>Was ist denn nun von alledem real? Wirklichkeit ist das, was wirkt. Und mir scheint, schleichend entfalten sich die Wirkungen, die dereinst in den Kindertagen des Netzes von einigen wenigen erlebt und ausgesprochen wurden. \u00dcber das &#8222;reale Leben&#8220;, wie es einmal war, schiebt sich eine ebenso reale Dimension netzvermittelter Kommunikation, die sich anschickt, f\u00fcr jeden erlebbar Raum und Zeit zu transzendieren. Alles ist mit allem, jeder mit jedem, zu jeder Zeit an jedem Ort verbunden &#8211; potenziell, versteht sich. Nur dann, wenn man es w\u00fcnscht!<\/p>\n<p>Auf meiner 1-w\u00f6chigen Reise nach Wiesbaden und Essen besuchte ich erst meine Schwestern und dann einen Freund und Kollegen, mit dem ich gerade ein Webprojekt plane. Vor zwei Monaten erst ist meine Schwester Doris (hallo Doris!) mittels eines eigenen Netzanschlusses aus der physischen Ferne &#8222;aufgetaucht&#8220;. Sie meldete sich per Mail, guckt jetzt ab und zu in dieses Diary und kann im Web surfen. Das f\u00fchrte dazu, da\u00df meine Mutter sie besuchte, um von ihrem PC aus mal www.schloss-gottesgabe.de anzusehen. Sie will ja wissen, wie ich wohne&#8230;.<\/p>\n<p>Doris ist f\u00fcr mich jetzt anders DA als vorher. Sie war &#8222;drau\u00dfen&#8220;, nun ist sie im Netz, dort, wo ich (unter anderem) auch bin, dort, wo ich wesentlich lebe und arbeite, wo meine Webseiten stehen und wo ich Mitglied in verschiedenen Communities bin, kleine \u00d6ffentlichkeiten, die man miteinander teilen kann wie fr\u00fcher das physische Umfeld desselben Dorfs.<\/p>\n<p>In solchen \u00d6ffentlichkeiten lerne ich auch neue Leute kennen, Menschen mit \u00e4hnlichen Interessen, die zu Freunden und\/oder Kollegen werden. Sie sind mir lange schon vertraut, wenn ich sie zum ersten Mal &#8222;real&#8220; sehe, mit ihnen f2f (face to face) zusammen komme. Und tats\u00e4chlich bringt so ein Life-Kontakt immer ein MEHR an Input mit sich, so da\u00df man denken k\u00f6nnte, dies sei nun REALER, wirklicher als das netzkommunikative Zusammensein. Mimik und Gestik, spontane Reaktionen, das Erleben, wann jemand m\u00fcde wird, was er gern i\u00dft und trinkt &#8211; all dies kommt per Mail nicht &#8218;r\u00fcber.<\/p>\n<p>Michael, den ich gerade besuchte, nennt den f2f-Kontakt &#8222;ganzheitlicher&#8220; (hi Michael!) &#8211; ich bin mir da nicht so sicher. Klar, man gewinnt die oben angef\u00fchrten Aspekte hinzu, aber: einige verliert man auch! Denn: bin ich weniger wirklich, wenn ich mich per Mail und Website in einer \u00fcberlegteren Art zum selbst gew\u00e4hlten Zeitpunkt mitteile? Und wenn ich im Netz Haltungen und Seinsweisen ausexperimentiere, die vielleicht lebenswirklich (noch?) keine Entsprechung haben &#8211; ist nicht auch dies ein realer Teil von mir? Ein &#8222;virtueller&#8220; Teil, meinetwegen, aber doch ganz real, im Sinne von wirklich vorhanden, Wirkungen entfaltend!<\/p>\n<p>Ich kenne Menschen, die eine ausschweifende und sehr klar konturierte Cyber-Existenz f\u00fchren. Trifft man sie &#8222;real&#8220;, ist davon kaum etwas zu sp\u00fcren. Und doch: das ist nicht etwa eine L\u00fcge oder eine Verkleidung! Sondern das, was vor Kurzem noch im Innenraum der Psyche und des Geistes verblieben w\u00e4re, was allenfalls in abstrahierter Form und ohne kommunikative Wirkung den B\u00fcchermarkt bereichert h\u00e4tte, all das hat jetzt im Netz ein &#8222;Lebensfeld&#8220; gewonnen, einen Raum, in dem es f\u00fcr andere sicht- und erlebbar wird.<\/p>\n<p>Widerspr\u00fcchlichkeiten, die aufmerksame Menschen an sich selbst immer schon feststellen konnten, werden so nach au\u00dfen in den kommunikativen Raum verlagert. Das gro\u00dfe Spiel des Netzes ist nicht, wie viele Neulinge (und netzferne Wissenschaftler) meinen, das Spiel mit bewu\u00dft angenommenen <b>Pseudo<\/b>-Identit\u00e4ten &#8211; sondern das Wagnis, die Vielen, die wir immer schon sind, auch zu zeigen.<br \/>\n<!--more--><!--more--><!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Real Life ist auch nur ein Fenster unter mehreren &#8211; und nicht einmal mein Bestes!&#8220; WER diesen denkw\u00fcrdigen Satz gesagt hat, ist mir entfallen, doch ich erinnere mich noch gut, da\u00df er 1996 euphorisch durch die Dr\u00e4hte gefl\u00fcstert wurde. 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