{"id":4104,"date":"1999-10-11T12:02:00","date_gmt":"1999-10-11T10:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4104"},"modified":"2024-01-11T12:06:52","modified_gmt":"2024-01-11T11:06:52","slug":"oh-diese-gegenstaende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/10\/11\/oh-diese-gegenstaende\/","title":{"rendered":"Oh diese Gegenst\u00e4nde!"},"content":{"rendered":"<p>Gegenst\u00e4nde sind Objekte, die sich mir entgegen stellen, ja, entgegen werfen, in ihrer harten Materialit\u00e4t nicht mit sich reden lassen &#8211; und allzu oft sind sie pl\u00f6tzlich weg!<\/p>\n<p>Immer schon war ich etwas schusselig in Bezug auf die konkrete Dingwelt. Merke mir nicht, wo ich etwas hingelegt habe. Ich suche nach dem Feuerzeug, nach der Rechnung von Christine, nach meinen Hausschuhen, dem Autoschl\u00fcssel, dem Stadtplan, dem KFZ-Schein und sogar nach meinem Schl\u00fcssel, obwohl ich den &#8211; im Prinzip! &#8211; mittels Kette und Karabinerhaken an der Handtasche befestigt trage, f\u00fcr alle F\u00e4lle.<!--more--><\/p>\n<p>Da\u00df es bei mir meistens recht aufger\u00e4umt ist, geradezu &#8222;transparent&#8220;, da\u00df ich nicht mehr viele B\u00fccher horte und praktisch NIEMALS irgendwelchen netten Nippes kaufe, da\u00df ich weder alte Klamotten in Schr\u00e4nken staue, noch Schachteln voller &#8222;Erinnerungsmaterial&#8220; stapele &#8211; all das ist nicht so sehr eine Tugend, als vielmehr ein &#8222;Work-around&#8220; um die Welt der Gegenst\u00e4nde. Macht sich nat\u00fcrlich besser als &#8222;\u00c4sthetik der Leere&#8220;&#8230; :-)<\/p>\n<p>Heute jedenfalls war meine Kontokarte weg, als ich f\u00fcr eine Reise Geld abheben wollte. Beim suchen stellte ich fest, da\u00df auch das Sparbuch fehlt (noch immer traue ich mich nicht an innovativere Formen der Geldanlage). Kein Grund, panisch zu werden, sooo viel ist da nicht drauf! \u00c4u\u00dferste Konzentration auf &#8222;Wo hab&#8216; ich das zum letzten Mal gesehen?&#8220; brachte das Sparbuch wieder zu Tage: noch von der letzten Reise steckte es in der ansonsten leeren Reisetasche. Auch die Kontokarte fand sich wieder am Ort der letzten Nutzung: beim Edeka-H\u00e4ndler im 5 Kilometer entfernten L\u00fctzow, der auch die n\u00e4chste Poststelle hat, wo ich ab und zu Geld abhebe.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich w\u00e4re es eine Erl\u00f6sung, wenn die Karten endlich durch Fingerabdruck oder Iris-Scan abgel\u00f6st w\u00fcrden &#8211; einschlie\u00dflich der Schl\u00fcssel f\u00fcr Auto und Wohnung, der verschiedenen Ausweise, der Passw\u00f6rter und Geheimzahlen. Die Landkarten und Stadtpl\u00e4ne werden durch Satellitenortung \u00fcberfl\u00fcsssig, so werde ich im physischen Raum jederzeit wissen, wo ich bin und wo es lang geht. Und mein K\u00fchlschrank mailt mir in den Supermarkt, was fehlt, denn einkaufen will ich schon noch selbst.<\/p>\n<h2>Der K\u00f6rper wird unwichtig&#8230;<\/h2>\n<p>Das Industriezeitalter war die Zeit, in der die k\u00f6rperliche Arbeit, die physischen menschlichen F\u00e4higkeiten wie Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit von der Maschine \u00fcbernommen wurden. Und was mensch nicht mehr braucht, verliert sich, wird zumindest in den Hobbybereich oder in ein Spezialistentum geschoben, etwa zu den Do-It-Yourselfern, Sportlern, Bodybuildern, Hobby-G\u00e4rtnern und in die T\u00f6pferkurse. Zum \u00dcberleben in der Gesellschaft waren auf einmal andere F\u00e4higkeiten wichtig: allen voraus das WISSEN.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend vor langer Zeit der ST\u00c4RKSTE die MACHT hatte, ging das Herrschen schon bald an die Wissenden, an die Schlauen, an diejenigen, die Diplomatie und Kriegskunst und vielerlei andere sich entwickelnde Schlauheiten mit links bew\u00e4ltigten. Nur noch f\u00fcr die Subalternen war K\u00f6rperkraft wichtig &#8211; und ging schlie\u00dflich ganz an die Maschinen.<\/p>\n<p>Heute ist Informationszeitalter: &#8222;Wissensgesellschaft&#8220;. Das ist die Zeit, in der das Wissen an die Maschinen geht. Alles, was der zweckrationale Verstand jemals analysiert und zusammengetragen hat, wandert ins Netz, steht jederzeit an jedem Ort zur Verf\u00fcgung. Ich bin mir sicher, der Verlauf wird \u00e4hnlich sein: wir werden DIESE ART Wissen verlieren, weil wir es im Alltag immer weniger brauchen. Was WO ist, was WAS ist, was WIE funktioniert &#8211; all das wird uns gefl\u00fcstert werden, wann immer wir es brauchen. Und ich male mir aus, wie es wohl sein wird&#8230;. und denke dar\u00fcber nach, welche NEUE F\u00e4higkeit an die Stelle der Verst\u00e4ndigkeit treten wird, aus der heraus die Welt &#8218;beherrscht&#8216; werden wird &#8211; oder wird auch der &#8218;Wille zur Macht&#8216; verschwinden? Wohl kaum&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegenst\u00e4nde sind Objekte, die sich mir entgegen stellen, ja, entgegen werfen, in ihrer harten Materialit\u00e4t nicht mit sich reden lassen &#8211; und allzu oft sind sie pl\u00f6tzlich weg! Immer schon war ich etwas schusselig in Bezug auf die konkrete Dingwelt. Merke mir nicht, wo ich etwas hingelegt habe. 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