{"id":410,"date":"2005-05-23T07:10:57","date_gmt":"2005-05-23T05:10:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=410"},"modified":"2016-02-09T13:34:07","modified_gmt":"2016-02-09T12:34:07","slug":"alt-werden-und-darueber-sprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/05\/23\/alt-werden-und-darueber-sprechen\/","title":{"rendered":"Alt werden und dar\u00fcber sprechen"},"content":{"rendered":"<p>Entgegen der Grammatik wird man in unserer Gesellschaft erst &#8222;\u00e4lter&#8220; und dann &#8222;alt&#8220;. Und sp\u00e4testens seit Erreichen des 50. Jahrs kann ich mich nicht mehr hinstellen und sagen: Was geht mich das an? Ich bin SO, wie ich gerade bin, f\u00fchle mich im Wechsel der Tagesform und l\u00e4ngerer Stimmungszyklen besser oder schlechter, was zum Teufel soll nur dieser Eiertanz ums Lebensalter?  Individuell kann ich zwar so empfinden, doch auf einmal ist das eine Anschauung, die ich wie eine exotische Mindermeinung gegen\u00fcber einem \u00fcberw\u00e4ltigenden Mainstream verteidigen m\u00fcsste &#8211; ohne dass ich so genau erkennen k\u00f6nnte, warum eigentlich.  <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>K\u00fcrzlich sah ich beim Zappen durch die Kan\u00e4le in einer Talkshow Katja Eppstein, 60.  Die S\u00e4ngerin, die in den 70gern ihre gro\u00dfe Zeit hatte, sieht tats\u00e4chlich noch genauso aus wie damals.  Der Moderator sprach sie auch sofort darauf an: &#8222;Sie sind 60, das sieht man Ihnen aber nicht an!&#8220;. Katja nickte l\u00e4chelnd, sichtlich stolz auf ihren Erfolg in Sachen &#8222;forever young&#8220;, und das Publikum applaudierte \u00fcberschw\u00e4nglich.  Ja, sie sieht wirklich gut aus, ich g\u00f6nne es ihr auch &#8211; aber ein bisschen gruselt es mich doch:  Kommunikation und Verstehen wird ja nicht gerade leichter, wenn ich dem Mitmenschen nicht mal mehr sein Alter ansehe! <br \/>\nKarl Lagerfeld hat keine einzige Falte im Gesicht, angeblich dank einer &#8222;wundervollen Creme&#8220;. Auf mich wirkt er gespenstisch,  optisch alterslos ohne Weisheit, ohne die Gelassenheit, die zu den echten Werten sp\u00e4terer Jahre z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Nicht altern, immer jung bleiben, immer glatt, straff, fit und in diesem Sinne &#8222;sch\u00f6n&#8220; &#8211; wer das nicht leistet (oder sich nicht leisten kann) wird zunehmend ausgegrenzt, bekommt keinen Job mehr und verschwindet mehr und mehr aus dem \u00f6ffentlichen Leben.  &#8222;Die Welt&#8220; m\u00f6chte mit den un\u00fcbersehbaren Zeichen des Verfalls nicht bel\u00e4stigt werden,  Anti-Aging in all seinen Facetten ist ein gro\u00dfes Gesch\u00e4ft geworden, genau wie der Kampf um die schlanke Linie.  Die Bereitschaft, sich durch Sch\u00f6nheitsoperationen &#8222;in Form&#8220; zu halten bzw. wieder zu bringen, ist Umfragen zufolge in allen Altersgruppen drastisch gestiegen, in j\u00fcngeren Lebensaltern sogar \u00fcberproportional.  Was f\u00fcr ein Elend! Soviel Energie in einen Kampf stecken, den man am Ende doch verliert, hei\u00dft ja, umso ungl\u00fccklicher sein, wenn keine weiteren &#8222;Erfolge&#8220; mehr erreicht werden k\u00f6nnen. Mehr noch:  das fortlaufende Bem\u00fchen, die eigene k\u00f6rperliche Verfassung in gesellschaftskompatibler Form zu halten, bewirkt zwangsl\u00e4ufig ein geistiges Festkleben am Wohl und Wehe des je eigenen Ichs &#8211; ob es das ist, was wir wirklich brauchen? <\/p>\n<p>Praktisch jeder Altersgenosse, mit dem ich spreche, stimmt mir zu, dass der aktuelle &#8222;Jugendwahn&#8220; etwas komplett Verr\u00fccktes sei. In der Analyse des Ph\u00e4nomens besteht gro\u00dfe Einigkeit, doch \u00e4ndert dies nichts daran, dass jede und jeder von dieser Bewertung betroffen ist (und sie oft genug auch selber st\u00fctzt und reproduziert!). Die Gesellschaft altert zwar insgesamt, es wird statistisch gesehen &#8222;normaler&#8220;, \u00fcber 50 zu sein, doch immer unnormaler, dies einfach hinzunehmen. Alter entwickelt sich in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung zur &#8222;Krankheit&#8220; und muss therapiert, zumindest verborgen werden. <\/p>\n<h2>Die kommunikative Zwickm\u00fchle<\/h2>\n<p>Als ich vor Jahren hier im Diary mal \u00fcber einige positive Aspekte des \u00e4lter werdens sprach, schrieb mir gleich ein Mittdrei\u00dfiger ins Forum, ich wolle das Altern &#8222;sch\u00f6n reden&#8220;. Und im Gespr\u00e4ch mit Gleichaltrigen, wie auch in der Selbstbeobachtung  bemerke ich die Ambivalenz, wenn es dann darum geht, auch \u00f6ffentlich zum eigenen Alter zu stehen und gegen den Mainstream anzuschreiben. Denn sobald ich das Thema anspreche, geh\u00f6re ich ja DAZU, definiere ich  mich selbst als &#8222;alt&#8220;, bzw. muss dann die Kategorie &#8222;\u00e4lter&#8220; verteidigen, die immerhin noch nicht wirklich &#8222;alt&#8220; bedeutet: RICHTIG ALT beginnt f\u00fcr uns \u00c4ltere irgendwo jenseits der 70 oder 75 &#8211; oder was meint Ihr? Und schon findet man sich selbst unter denjenigen, die das Alter ablehnen,  verstrickt sich in Widerspr\u00fcche, aus denen auch das trotzige &#8222;gut, wenn ihr so wollt, bin ich eben ALT, bin URGESTEIN!&#8220; nicht heraus f\u00fchrt. Denn es gibt nun mal echte Unterschiede zwischen den einzelnen Lebensaltern, die auch bennenen k\u00f6nnen muss,  wer \u00fcber das Altern kundig sprechen will. Das aber ist heute nicht gerade leicht!<\/p>\n<p>Mein Ex-Lebensgef\u00e4hrte gibt sich mit 56 geradezu als Methusalem, spricht S\u00e4tze, die beginnen mit &#8222;Jetzt, im Alter&#8230;&#8220;, und macht sich Gedanken \u00fcber die Modalit\u00e4ten des Ablebens: &#8222;Wie wird das sein, wenn ich pl\u00f6tzlich einen Gehirnschlag habe? Wenn dann &#8222;die Maschinerie&#8220; anl\u00e4uft&#8230;.&#8220;  Schon beim Zahnarzt hat er bemerkt, dass der kundige Handwerker keinen Blick mehr daf\u00fcr hat, dass ein Patient, der auf dem R\u00fccken liegt und den Mund aufh\u00e4lt, auch mal schlucken oder statt dessen sp\u00fclen &amp; spucken muss. Wie soll das erst werden, wenn die medizinische &#8222;Maschinerie&#8220; mal die ganze Macht \u00fcbernimmt?<\/p>\n<p>Ich denke zwar auch gelegentlich an so etwas, empfinde es jedoch bei einem Mittf\u00fcnfziger als verfr\u00fcht, wenn die Modalit\u00e4ten des Ablebens einen zu hohen Stellenwert gewinnen. Unsere Machthaber erleben mit Mitte 50 ihre beste und wirkungsm\u00e4chtigste Zeit, da w\u00e4chst man doch gerade erst ins &#8222;Best Age&#8220; hinein! Sage ich ihm aber &#8222;hey, du spinnst, du bist doch noch nicht ALT!&#8220;,  dann bin ich zumindest gespr\u00e4chsweise genau wieder da angekommen, wovon ich mich wegbewegen will: Das Alter bek\u00e4mpfen, verleugnen&#8230;.  <\/p>\n<p>Man kann nicht gut sagen, altern sei ok, und gleichzeitig betonen, man sei ja noch nicht alt, nicht wirklich. Glaubhaft k\u00f6nnte man demnach erst ab 75 \u00fcber das Altern sprechen &#8211; aber vielleicht sitze ich ja dann genau wie jetzt vor dem Monitor und  denke: alt? Na, vielleicht so ab 85&#8230;! <\/p>\n<p>Abwarten, bis man sich &#8222;richtig alt&#8220; f\u00fchlt, um dar\u00fcber zu sprechen und zu schreiben, kann nicht der Weg sein.  Das hie\u00dfe, der Angst und dem Jugendwahn kampflos das Feld \u00fcberlassen und s\u00e4mtlichen kommenden Ausgrenzungen und  Diskriminierungen ausweichend zu begegnen: ICH bin doch noch nicht alt, mich betrifft das gar nicht&#8230;  Eines Tages kriegen wir dann vielleicht ein Schreiben zum Geburtstag, das uns in die Anstalten zum sozialvertr\u00e4glichen Ableben einweist. Am Geburtsdatum im Personalausweis werden wir dann kaum mehr etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen, auch wenn wir uns &#8222;noch deutlich j\u00fcnger&#8220; f\u00fchlen. <\/p>\n<h2>Lebenswende<\/h2>\n<p>Altern findet in jedem Lebensalter statt, wenn es auch mit zunehmenden Jahren st\u00e4rker ins Bewusstsein tritt. Viele erleben um die 40 eine Art &#8222;Umschlag&#8220;: pl\u00f6tzlich z\u00e4hlt man die eigenen Jahre nicht mehr durch Addition der bisherigen Lebensabschnitte (X Jahre seit dem Abi, seit dem Ende des Studiums&#8230;.),sondern man denkt: X Jahre BIS zum Rentenalter, BIS zur statistischen Lebenserwartung. Verst\u00f6rend, das auf einmal zu bemerken! Bisher hatte man ein &#8222;Open End-Gef\u00fchl&#8220;, das erst durch sein Verschwinden richtig bewusst wird, auf einmal ist da ein Ende in Sicht &#8211; unvorstellbar! Und doch WAHR&#8230;.<\/p>\n<p>Eine merkliche Kluft tut sich dann auf zwischen denjenigen, die diese Schwelle \u00fcberschritten haben und den J\u00fcngeren, die nicht wissen, wovon die Rede ist, wenn man es anspricht. Denn es ist keine Sache rationalen WISSENS: alle wissen zu jeder Zeit, dass das menschliche Leben endlich ist und jeder ganz gewiss sterben wird. Es ist jedoch ein existenziell anderes Lebensgef\u00fchl, wenn man schon mal den Blick gehoben, den Horizont ins Auge gefasst, den Abgrund da vorne zumindest erblickt hat, als wenn man stets konzentriert auf den Weg starrt, um &#8222;weiter zu kommen&#8220;, wie es f\u00fcr junge Menschen selbstverst\u00e4ndlich ist. (&#8222;Weg&#8220; und  &#8222;weiter kommen&#8220; sind hier Metaphern: auch wer vermeintlich &#8222;nichts&#8220; tut, sich aber mit der Aufrechterhaltung dieses Status befasst, ist &#8222;unterwegs&#8220; im Sinne der eigenen Interessen).  <\/p>\n<p>Da es zun\u00e4chst be\u00e4ngstigt, ja verst\u00f6rt, das sichere eigene Ende zu erkennen, neigt man dazu, den Blick einfach wieder zu senken und sich &#8211; vielleicht noch ein bisschen umtriebiger als zuvor &#8211; den Alltagsgesch\u00e4ften zu widmen. Inhaltlich ist das nicht unbedingt falsch: Auch wenn wir erkennen, dass wir in einem schwarzen, kalten und schier unendlichen Universum leben, aus dem heraus uns jederzeit ein Meteor treffen und wegpusten kann, werden wir uns trotzdem um die n\u00e4chste Miete und vielleicht auch um die n\u00e4chste Bundestagswahl k\u00fcmmern.  Das Ende ist schlie\u00dflich nicht alles, es gibt ein Leben vor dem Tod, das gef\u00fchrt werden will. <\/p>\n<p>Die Wahrheit des Endes nicht nur zu wissen, sondern aus dieser Wahrheit zu leben, hei\u00dft, wacher und lebendiger zu sein als es in blo\u00dfem Streben m\u00f6glich ist &#8211; lebendiger also, als &#8222;die Jugend&#8220;, die der Gesellschaft als Optimum gilt.  \u00c4ltere sind (potenziell!) an einer solchen Lebensf\u00fchrung n\u00e4her dran als J\u00fcngere, wenn sie sich dem nicht verschlie\u00dfen: Seine Majest\u00e4t, das ICH wird weniger dominant, ganz von selber, ohne dass man da m\u00fchsam Sitzmeditation betreiben m\u00fcsste.  Wie die Traube hat man die Wahl, zu vertrocknen, zu verfaulen oder zu Wein zu werden &#8211; der ja nichts anderes ist als vom Tod verwandelter Traubensaft.<br \/>\n(Und sage mir einer, die Welt brauche keinen Wein oder w\u00fcsste sein Loblied nicht zu singen!).<\/p>\n<p>Nun, das endg\u00fcltige Ende ist meist nicht das, wovor  &#8222;\u00c4ltere&#8220; wirklich Angst haben, wenn sie ihr Alter lieber nicht angeben und zum Thema schweigen. Es ist vielmehr die Angst, nicht mehr mitspielen zu d\u00fcrfen, nicht ernst genommen zu werden, keine Anerkennung mehr zu erfahren &#8211; die Angst vor dem Verlust der sozialen und erotischen Attraktivit\u00e4t. Dahinter erst steht die Angst vor dem Kontrollverlust, der droht, wenn in der finalen Phase &#8211; wenn &#8222;die Maschinerie&#8220; zum Zuge kommt  &#8211;  jegliche Selbstbestimmung abhanden kommt, wir gar nichts mehr &#8222;machen&#8220; k\u00f6nnen, sondern nur noch mit uns gemacht wird. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend die meisten \u00c4lteren \u00fcber ihre jeweiligen \u00c4ngste lieber schweigen, um sich keine Bl\u00f6\u00dfe zu geben, hat die Werbewirtschaft entdeckt, dass es ein Leben jenseits der 50, 60, 70 gibt, das mehr ist als Kaffeefahrten mit Heizdecken-Erwerbspflicht. Mit Macht wird sie ihre &#8222;So-sollt-ihr-sein&#8220;-Bilder  in die medialen R\u00e4ume dr\u00fccken, und zwar genau so, wie man es schon vom Kampf um die schlanke Linie kennt, wo Hungerharken, denen die Knochen ungepolstert aus dem Leib stehen, das Ideal vorgeben.<\/p>\n<p>Unser Lachen wird Euch begraben!  &#8211; ein Spruch, der in meiner politisch bewegten Jugend den Vertretern des Status Quo (&#8222;die Herrschenden&#8220;) gerne entgegen gehalten wurde. Es ist vielleicht an der Zeit, ihn auch einmal zu verwirklichen, selbst wenn es keine fassbaren &#8222;Herrschenden&#8220; mehr gibt, sondern nur den diffusen Zeitgeist, dessen M\u00e4chtigkeit so gro\u00df ist, weil er bis in unser Innerstes hinein ragt. <br \/> Auf meinen Spielfeldern kann ich das z.B. angehen, indem ich endlich mal einen Schreibimpulse-Kurs zum Thema &#8222;Altern&#8220; veranstalte, einen Kurs f\u00fcr alle, die das Thema n\u00e4her an sich heran lassen wollen, ohne gleich in Fluchtreflexe zu verfallen. <\/p>\n<p>Herzhaft lachen kann man nur, wenn auch weinen erlaubt ist &#8211; wer aber schon beim &#8222;Ich-doch-nicht&#8220; stehen bleibt, kann weder das eine noch das andere. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entgegen der Grammatik wird man in unserer Gesellschaft erst &#8222;\u00e4lter&#8220; und dann &#8222;alt&#8220;. Und sp\u00e4testens seit Erreichen des 50. Jahrs kann ich mich nicht mehr hinstellen und sagen: Was geht mich das an? 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