{"id":4087,"date":"1999-09-23T16:10:27","date_gmt":"1999-09-23T14:10:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4087"},"modified":"2023-12-03T16:12:03","modified_gmt":"2023-12-03T15:12:03","slug":"wir-koennen-nicht-dienen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/09\/23\/wir-koennen-nicht-dienen\/","title":{"rendered":"Wir k\u00f6nnen nicht dienen?"},"content":{"rendered":"<p>Mit emp\u00f6rt hochgezogenen Augenbrauen wird der Vorwurf von Besser-VER-dienenden unters verstockte Volk gebracht, um die Bereitschaft zu st\u00e4rken, f\u00fcr ein Taschengeld dreckige und langweilige Jobs anzunehmen.<\/p>\n<p>Doch der Vorwurf geht fehl: Wir sind ein Volk von Dienern, ja, Sklaven! Und vorne weg die sogenannte Info-Elite, die gerade dabei ist, zum Mainstream rundum vernetzter Ger\u00e4tebediener zu mutieren.<!--more--><\/p>\n<p>Wir sind willenlose Sklaven unserer Ger\u00e4te und Programme. Wir pflegen sie besser als unsere K\u00f6rper, geben mehr Geld f\u00fcr sie aus als f\u00fcr geliebte Menschen, verbringen die meiste Lebenszeit im &#8222;Dialog&#8220; mit ihnen oder im Entziffern ihres kryptischen Begleitmaterials. Wir k\u00fcmmern uns m\u00fctterlich um ihre Fehlfunktionen, ihre Zipperlein und Eigenheiten bestimmen unsere Gespr\u00e4che &#8211; h\u00f6r doch mal, was die Leute an den anderen Kneipentischen reden: Ger\u00e4te, Ger\u00e4te, Ger\u00e4te&#8230;.. Und wir f\u00fchlen uns meist noch gut dabei. Informiert, &#8222;State of the art&#8220;, erfolgreich! Ist ja auch toll, wenn eine Installation mal problemlos klappt &#8211; oder wenn man nach eineinhalb Tagen Schuften, Infos einholen, Mailinglisten abfragen, Tips mit Freunden austauschen, herumprobieren, l\u00f6schen und neu installieren endlich etwas ZUM LAUFEN GEBRACHT hat. HEUREKA!!!<\/p>\n<p>Wozu wir selber noch Beine haben, wissen wir nicht mehr so recht, die Ger\u00e4te und Programme machen sie mehr und mehr \u00fcberfl\u00fcssig. Mit einem entwickelten E-commerce braucht man doch garnicht mehr raus gehen, alles wird hergefahren, ausgepackt und installiert &#8211; nur die Verpackungen, wohin damit?<\/p>\n<p>Man darf es nicht wagen, die wertvolle Umverpackung unseres wichtigsten Ger\u00e4ts, des Computers und seiner Nebenger\u00e4te, einfach wegzuwerfen. Bewahre! Es k\u00f6nnte ja was dran sein und dann braucht man die wieder! Die Kartons, die sich im Lauf der Zeit sammeln, belegen mehr Platz als unsere Klamotten &#8211; und es werden MEHR, wenn bald s\u00e4mtliche Haushaltsger\u00e4te GEUPDATET werden, damit sie sich untereinander verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Ist doch klar, so ein armes einsames isoliertes Ger\u00e4t &#8211; welch ein Ungl\u00fcck!<\/p>\n<p>Jedes neue Ger\u00e4t, jedes &#8222;innovative&#8220; Programm, dem wir bereitwillig den roten Teppich auslegen, fri\u00dft nicht nur Geld und Energie: es fri\u00dft unser wichtigstes: Lebenszeit und Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Kennt jemand noch ein Ger\u00e4t oder Programm, das einfach N\u00dcTZLICH ist: einstecken\/installieren, anwenden, fertig? Da mu\u00df man erstmal gr\u00fcbeln, &#8230;vielleicht ein elektrischer Flaschen\u00f6ffner? Oder hat der auch schon eine CD-ROM dabei, auf der sich &#8222;irgendwo&#8220; eine Anleitung versteckt &#8211; in einem Format, f\u00fcr das man erst ein anderes Programm braucht? Und eine eigene Website, auf der man sich registrieren lassen mu\u00df, weil sonst die &#8222;Supportberechtigung&#8220; verloren geht? Oder eine &#8222;Hot-Line&#8220;, bei der man sich f\u00fcr 2,40\/Minute in lautstarkem Call-Center-Charme sagen lassen kann, wie das Ding funktioniert? Oder alles auf einmal? Nicht zu vergessen die hilfreichen Fan-Seiten im Web, die zu jedem Ger\u00e4t und Programm DAS NEUESTE, die Updates, die Bugs, die Treiber, die Tips &#038; Tricks bereitstellen, die der Hersteller vermissen l\u00e4\u00dft!<\/p>\n<p>Ich stehe mit einem lieben Freund auf der Wiese. Gerade hab&#8216; ich meine neue Digitalkamera erkl\u00e4rt und er macht erste Fotos. Da klingelt sein Handy, das in einem Halfter am G\u00fcrtel in Bereitschaft h\u00e4ngt. Kein Problem, eine Hand ist ja noch frei! Ein Ger\u00e4t am Auge, ein Ger\u00e4t am Ohr &#8211; manche tr\u00e4umen vom Ger\u00e4t im Hirn, weil sie sich erhoffen, dann von allem Ballast befreit zu sein.<\/p>\n<p>Frei? Es ist Zeichen des Sklaven, unfrei und willenlos fremden Befehlen zu gehorchen. Wir glauben, wir seien frei, weil wir zwischen verschiedenen Ger\u00e4ten w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Doch dieses W\u00c4HLEN vertieft nur die Sklaverei, denn: um sich zu informieren, was verschiedene Ger\u00e4te unterscheidet, welches das g\u00fcnstigste Preis\/Leistungsverh\u00e4ltnis hat, welches f\u00fcr unsere &#8222;Bed\u00fcrfnisse&#8220; das genau passende ist, VERBRAUCHEN wir noch viel MEHR Lebenszeit, verstricken uns tiefer in das Feature-Denken, versinken noch st\u00e4rker im Tech-Talk und h\u00e4ufen Prospekte und Fachzeitschriten in gro\u00dfen Stapeln, die uns immer mehr RAUM wegnehmen: realen und geistigen Raum.<\/p>\n<p>Ich sehe nicht nach, welches gerade der billigste Telefondienstleister ist. Noch immer ist mein Komfort-ISDN ohne Anrufbeantworter, weil ich die Gebrauchanleitung nicht studiere. Info-E-Mails zu Ger\u00e4ten und Programmen l\u00f6sche ich ungelesen, Prospekte kommen in den M\u00fcll. Und meinen Strom werde ich bei DEM Unternehmen bezahlen, das mir immer schon die Rechnung schickt.<\/p>\n<p>Alles &#8222;kleine Fluchten&#8220;, Verweigerungen &#8222;als ob&#8220;. Unsere Welt hei\u00dft jetzt &#8222;Wissensgesellschaft&#8220;, so h\u00f6rt man \u00fcberall &#8211; es ist das &#8222;Wissen vom Ger\u00e4t&#8220;, von Methoden, Abl\u00e4ufen und Programmen, von denen wir glauben, mit ihnen die Welt IM GRIFF zu haben. Dabei ist es umgekehrt. Und wir w\u00fc\u00dften ja auch garnicht mehr, nach was wir greifen sollten &#8211; au\u00dfer nach dem n\u00e4chsten Ger\u00e4t.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit emp\u00f6rt hochgezogenen Augenbrauen wird der Vorwurf von Besser-VER-dienenden unters verstockte Volk gebracht, um die Bereitschaft zu st\u00e4rken, f\u00fcr ein Taschengeld dreckige und langweilige Jobs anzunehmen. Doch der Vorwurf geht fehl: Wir sind ein Volk von Dienern, ja, Sklaven! 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