{"id":4085,"date":"1999-09-19T16:08:01","date_gmt":"1999-09-19T14:08:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4085"},"modified":"2023-12-03T16:09:38","modified_gmt":"2023-12-03T15:09:38","slug":"konsum-kommerz-community","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/09\/19\/konsum-kommerz-community\/","title":{"rendered":"Konsum, Kommerz, Community"},"content":{"rendered":"<p>Durch die wenigen, f\u00fcr Erwachsene noch ertr\u00e4glichen Medien weht die Klage dar\u00fcber, da\u00df das Leben, die Gesellschaft, ja die ganze Welt in den 90gern auf unertr\u00e4gliche Weise durchkommerzialisiert wurde. Alles, aber auch alles wird zur Ware, zur Dienstleistung. Geld allein z\u00e4hlt, Konzerne rotten sich zusammen, Individuen RUCKEN, so gut sie eben k\u00f6nnen oder verfallen in den Stupor der Totalverweigerung.<!--more--><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte meinen, eine Seuche habe die Welt erfa\u00dft, gegen die es keine Impfung gibt. Viele leiden lautstark unter dem zur Normalit\u00e4t werdenden Kampf aller gegen alle und erwarten Schutz und Sicherheit von den Regierenden. (Diese wiederum halten so gut es geht den SCHEIN f\u00fcr ihre W\u00e4hler aufrecht, sie k\u00f6nnten in diesen Dingen allerhand ausrichten. Und immer wieder m\u00f6chte man ihnen GLAUBEN.)<\/p>\n<p>Im t\u00e4glichen Leben aber, jenseits der letzten besinnlichen Minuten, die dem einen oder anderen noch bleiben m\u00f6gen, ist der Tunnelblick auf den eigenen Nutzen zum einzigen Blick geworden. Das ICH in all seiner im Grunde tief langweiligen Gespreiztheit geht durch die Welt und scannt sie auf Beute: Verwertbare Ideen, Schn\u00e4ppchen, schnell verf\u00fcgbare Informationen, sofortige Probleml\u00f6sungen. Und es giert nach Resonanz, Applaus, nach bemerkt-werden, m\u00f6chte als je ganz Besonderes wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>Marketingleute kennen ihre Pappenheimer. Nichts ist weniger besonders als der Wunsch, etwas Besonderes zu sein. Und so sch\u00fctten sie uns zu mit &#8222;individualisierten&#8220; Produkten, &#8222;MyYahoo&#8220; und MEINE Kaffee-Mischung &#8211; ist doch heute kein Problem mehr.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr die Resonanz, f\u00fcr ein bi\u00dfchen Heimatgef\u00fchl und Stallgeruch ist die COMMUNITY gut, auch das haben sie schnell gelernt. So werden also Leute daf\u00fcr bezahlt, um auf Webboards zu posten, in Chats anwesend zu sein, jeden freundlich zu begr\u00fc\u00dfen und schon bald zu fragen: Hast du schon das neue Buch von X? Die CD von Y? Die Software von Z?<\/p>\n<p>Doch es gibt sie noch, die ECHTEN Communities, die Szenen und Themen-Gruppen, die sich eigendynamisch zusammenfinden, sich selber verwalten, ihre &#8222;Umgebung&#8220; selbst gestalten. Seit 1996 bin ich in solchen Communities und sie waren und sind f\u00fcr mich das Beste, das das Netz zu bieten hat.<\/p>\n<p>Allerdings: Das Rauschen nimmt zu. Immer weniger Menschen scheinen einen Gedanken darauf zu verwenden, ob ihr Beitrag der Allgemeinheit oder auch nur einer kleinen Minderheit einer solchen Community nutzt. &#8218;Nutzen&#8216; ist hier mal als Sinngebung gemeint &#8211; oder, mit Flusser: als Ein-bilden, als Schaffen von In-Formationen aus Daten zu zwischenmenschlicher Bedeutung, Komplexit\u00e4t, Negenthropie.<\/p>\n<p>Fast automatisch wird in die Tasten gehackt und was als meist Tippfehler-durchsetzter Text in der &#8222;Gemeinschaft&#8220; landet, ist in 50% der F\u00e4lle ein Kommentar zur Kommunikations-TECHNIK, nicht etwa zum Inhalt. (&#8222;Du sollst keine HTML-Mails verschicken&#8230;&#8220;, &#8222;die URL funktioniert nicht&#8220;, &#8222;dein Footer ist zu lang&#8220;,&#8230;).<\/p>\n<p>Weitere 35% des Mailaufkommens sind bl\u00f6de Spr\u00fcche, 1-Satz-Reaktionen auf aus dem Zusammenhang gerissene S\u00e4tze. Ihre Funktion ist allein das Signalisieren: &#8222;Mich gibt&#8217;s noch! Und ich bin WITZIG!&#8220;<br \/>\n10% Text sind dann tats\u00e4chlich echte Infos: &#8222;Schaut mal meine Seite XX an&#8230;&#8220;. Das ist immerhin am Thema, der Mensch zeigt etwas, das ihm wichtig ist &#8211; doch nur selten erfahren solche Mails Resonanz. Allenfalls in der Art: ja, und meine Seite ist auch nett, guck mal hin!<\/p>\n<p>Nur 5% der Beitr\u00e4ge einer Mailingliste oder Webcommunity (wahrscheinlich noch weniger) bringen das her\u00fcber, warum COMMUNITY \u00fcberhaupt existiert. Es w\u00e4re eine f\u00fcr jetzt zu umfangreiche Aufgabe, das zu definieren &#8211; vielleicht geht das auch gerade NICHT. Mir w\u00fcrde es gen\u00fcgen, wenn sich mehr Leute beim Verfassen einer Mail darauf besinnen k\u00f6nnten, sie noch einmal zu lesen. Und sich zu fragen: Braucht das die Welt? Ist es die Lebenszeit wert, die die Leser darauf verwenden m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Wenn wir nicht selber veranstalten, was wir w\u00fcnschen, dann werden wir morgen daf\u00fcr zahlen, da\u00df es uns jemand anrichtet. Aber es wird nicht ganz dasselbe sein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Durch die wenigen, f\u00fcr Erwachsene noch ertr\u00e4glichen Medien weht die Klage dar\u00fcber, da\u00df das Leben, die Gesellschaft, ja die ganze Welt in den 90gern auf unertr\u00e4gliche Weise durchkommerzialisiert wurde. Alles, aber auch alles wird zur Ware, zur Dienstleistung. 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