{"id":4077,"date":"1999-08-31T15:44:07","date_gmt":"1999-08-31T13:44:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4077"},"modified":"2023-12-03T15:49:35","modified_gmt":"2023-12-03T14:49:35","slug":"alt-jung-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/08\/31\/alt-jung-angst\/","title":{"rendered":"Alt? Jung? Angst?"},"content":{"rendered":"<p>Dies ist ein interaktives Tagebuch, wenn es auch nicht so aussieht, zum gro\u00dfen Teil inspiriert durch E-Mails, die t\u00e4glich in meine Box rinnen. Die Sound-Website (derzeit inaktiv, wegen laufender Gema-Anfrage!), die ich vorgestern fertig hatte, war die erste Seite, auf der ich mich mal deutlich einer Altersgruppe &#8211; den Over40s &#8211; zugeordnet hatte: Nur so ist die Musikauswahl einschlie\u00dflich der Kommentare verst\u00e4ndlich.<!--more--><\/p>\n<p>Daraufhin bekam ich Mails von Menschen, die nicht geglaubt hatten, da\u00df ich \u00fcber 40 bin &#8211; und nebenbei kam heraus, da\u00df sie sich das auch alles andere als angenehm vorstellen. Ja, da ist sogar eine richtige <strong>ANGST vor dem \u00e4lter werden<\/strong>, wobei ALT heute schon mit \u00fcber 30 anf\u00e4ngt. (Lest die Briefe: von <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/leserbriefe-per-email-im-jahr-1999\/#regula\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Regula<\/a>, die klar macht, da\u00df &#8222;die Leute am Dr\u00fccker&#8220; aus dem Club der Over40s schon weit herausgewachsen sind. Von <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/leserbriefe-per-email-im-jahr-1999\/#dieter\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Dieter<\/a>, der von einem 30-j\u00e4hrigen Klassentreffen erz\u00e4hlt, das einigerma\u00dfen erschreckend war &#8211; und von <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/leserbriefe-per-email-im-jahr-1999\/#ulrike\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Ulrike<\/a>, die ganz besonders auf die &#8222;\u00e4u\u00dferen&#8220; und &#8222;inneren&#8220; Werte eingeht.)<\/p>\n<p>Frauen hatten ja schon immer diesen Stress mit der jugendlichen faltenlosen Sch\u00f6nheit (ironischerweise leiden sie am meisten in Zeiten, in denen sie dem Ideal noch weitgehend entsprechen!). Doch was heute an Jugendkult durch die Medien flimmert, geht auf keine Kuhhaut. Im TV gewinnt man den Eindruck, es lebten fast nur junge Leute auf diesem Planeten &#8211; zumindest bekommen nur sie einen Job, so scheint es, weil sie noch &#8218;vorzeigbar&#8216; sind. \u00c4ltere werden nach und nach entsorgt. (Zum Beispiel diverse Kommmissar-Darsteller, die zwar noch die Ausstrahlung &#8222;Ich wei\u00df, was ich tue&#8220; mitbrachten, aber auch ein faltiges Gesicht. Beides ist heute nicht mehr so gefragt.)<\/p>\n<p>Dabei ist das alles nur Schein, nur Oberfl\u00e4che. Die Macht, das Geld und das Sagen haben in der Regel Over40s. Sie sind die gro\u00dfe Mehrheit, sitzen auf allen wirklich interessanten Posten, verf\u00fcgen \u00fcber Verm\u00f6gen, wie noch keine Generation vorher, sie sagen, wo es lang geht &#8211; im Guten wie im Schlechten.<\/p>\n<p>Neulich las ich \u00fcber ein Produktionsteam bei RTL &#8211; wie es da so zugeht, alles ganz junge engagierte Medienleute, TOTALES ENGAGEMENT ist Voraussetzung, dabei sein zu d\u00fcrfen (!). St\u00e4ndige Verf\u00fcgbarkeit, volle Flexibilit\u00e4t (hei\u00dft: auch nachts, am Wochenende, mitten im Urlaub arbeiten), nat\u00fcrlich Mobilit\u00e4t und die Bereitschaft, sich fraglos unterzuordnen &#8211; das alles bringen sie mit, sind dabei total begeistert, arbeiten bis zum Umfallen und sind stolz darauf, so einen Job zu haben (ja, BEIM FERNSEHEN!!!).<\/p>\n<p>Mit solchem Engagement, das selbst die Jungen oft auf dem Zahnfleisch gehen l\u00e4\u00dft, entstehen dann diese platten Infotainment-Sendungen, die peinlichen Talkshows, das r\u00fccksichtslose Real-Life-TV, das die Mutter an der Leiche ihres Sohnes fragt, was sie gerade f\u00fchlt. Ich denk mir manchmal: all diese Power, schade, da\u00df da nix besseres rauskommt! Aber kann ja garnicht, denn es regiert der Markt, die Quote, das Geld &#8211; und irgendwo im Hintergrund sitzt ein Over40 am Dr\u00fccker, der mit dem Daumen rauf oder runter zeigt. F\u00fcr ihn ist das ganze Engagement, die Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t, die echte Begeisterung, das Herzblut der Mitarbeiter nur ein kostensenkender Faktor, eine selbstverst\u00e4ndliche Ressource.<\/p>\n<p>Jung-Sein ist in vieler Hinsicht ein Nachteil. Zwar wird man nachgefragt, wenn man sich genug krumm legt &#8211; aber eben nur als Content (sch\u00f6nes Gesicht, straffer K\u00f6rper) oder als pflegeleichte Arbeitskraft. Wer daran festh\u00e4lt, auf diese Weise jung bleiben zu wollen, wird dann einfach ausgemustert, wenn sp\u00e4testens Mitte 30 die Kraft nachl\u00e4\u00dft (die Wachstumshormone reduzieren sich mit ca. 33 von 100 auf 10%!). Das werden dann die miesepetrigen \u00c4lteren, die nur jammern und klagen, weil sie kein Bein mehr auf irgendeinen Boden bekommen.<\/p>\n<p>Der Kult ums EGO, der heute Trend ist, k\u00f6nnte in gewisser Weise den Jungen eine Hilfe sein: Nur das tun, was ICH m\u00f6chte, was MIR n\u00fctzt. Aber das Problem dabei ist, dass es noch gar kein wirklich individualisiertes Ich gibt, an dem man sich ausrichten k\u00f6nnte. Ob ich Mitte 20 nun f\u00fcr oder gegen etwas war, ob ich nach etwas jagte oder vor etwas fl\u00fcchtete: Das war nicht wirklich ICH (noch nicht&#8230;), sondern ich reagierte nur auf das Vorhandene, beugte mich dem Trend, um dabei sein zu k\u00f6nnen. Ob das in Gestalt von Ablehnung oder totaler Akzeptanz geschieht, ist ganz egal. Schon die Tatsache, in sich sofort &#8222;Ja&#8220; oder &#8222;Nein&#8220; zu sp\u00fcren, hei\u00dft in jungen Jahren: da ist noch nicht viel passiert, noch bist du nur Resonanzboden, das Trampolin, auf dem die Gesellschaft ihre vielf\u00e4ltigen Spr\u00fcnge macht.<\/p>\n<p>Ein andermal mehr dazu. Das Thema reizt mich. Beitr\u00e4ge willkommen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist ein interaktives Tagebuch, wenn es auch nicht so aussieht, zum gro\u00dfen Teil inspiriert durch E-Mails, die t\u00e4glich in meine Box rinnen. 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