{"id":4074,"date":"1999-08-22T15:31:24","date_gmt":"1999-08-22T13:31:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4074"},"modified":"2023-12-03T15:34:16","modified_gmt":"2023-12-03T14:34:16","slug":"es-muss-doch-gebaut-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/08\/22\/es-muss-doch-gebaut-werden\/","title":{"rendered":"Es mu\u00df doch gebaut werden&#8230;."},"content":{"rendered":"<p>&#8230;sagte der Architekt, einer der vielen, mit denen ich mitten im wilden, konfliktreichen Sanierungsgeschehen der fr\u00fchen 80ger Jahre in Berlin-Kreuzberg Streitgespr\u00e4che f\u00fchrte. Wir hatten uns in den heruntergekommenen und entsprechend romantischen Gr\u00fcnderzeitbauten verschanzt und der &#8222;Zugriff des Kapitals&#8220; (Entmietung, offensives Verfallen-lassen vor Luxusmodernisierung) auf diese brach liegenden Ressourcen hatte einen Sturm der Entr\u00fcstung entfacht. Ein Sturm, mit dem keiner gerechnet hatte, auch wir selber nicht.<!--more--><\/p>\n<p>Heute wei\u00df ich: Der Architekt hatte Recht! Planzenarten breiten sich aus, Tiere vermehren sich und erweitern dadurch ihre Territorien (wenn sie k\u00f6nnen&#8230;), und der Mensch macht es erst recht so. Und es l\u00e4\u00dft sich nicht so einfach stoppen oder wegplanen. Eine Gemeinschaft braucht die Expansion, das gemeinsame Bauen. Selbst das Idyll des alternativen Kreuzbergs hat sich aufgel\u00f6st, als der Baukonflikt kein Thema mehr, alle &#8222;Projekte&#8220; abgearbeitet, die H\u00e4user (teils in Selbsthilfe) saniert waren. Jedes Dorf und jede Kleinstadt auf dem Land ringt um Siedlungen und Baugebiete, das erlebe ich auch hier, in Gottesgabe.<\/p>\n<p>Und nach vier Jahren Netzkommunikation seh&#8216; ich: es gilt auch f\u00fcr Netz-Communities. Mailinglisten d\u00fcmpeln aufs Langweiligste dahin, Mitglieder steigen ange\u00f6det aus &#8211; kein THEMA, das blo\u00df intellektuell abgearbeitet wird, hat gemeinschaftsbildenenden Effekt. Den haben jedoch gemeinsame Vorhaben, Bauma\u00dfnahmen im Cyberspace: Homepages, Archive, Webzines, Ereignisse, die sichtbare Spuren hinterlassen. Ja, manche &#8222;Bauten&#8220; werden im Lauf der Zeit zu verfallenden Ruinen, um die sich keiner mehr k\u00fcmmert, ganz wie im physischen Raum.<\/p>\n<p>Derzeit boomt das Netz. Nahezu alle &#8222;relevanten Kreise&#8220; haben erkannt, da\u00df sie den neuen Kommunikationskanal, die neue Darstellungsebene, die Welt der Webseiten und Communities f\u00fcr ihre Zwecke nutzen k\u00f6nnen, zunehmend auch M\u00dcSSEN. Das ist nicht mehr der utopistische Net-Hype, das ist der echte Run auf die besten Pl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Beste Pl\u00e4tze??? Platz, Raum, Ort &#8211; im Netz existiert diese Dimension nicht. Nicht so, wie wir sie aus dem physischen Raum kennen: als echte Beschr\u00e4nkung, als Mangel, als kostenintensive H\u00fcrde vor aller raumgreifenden Aktivit\u00e4t. Die Zeit hat den Raum in dieser Hinsicht abgel\u00f6st: Wer hat Zeit, all die Ideen zu verwirklichen, all die Webseiten und Projekte zu errichten und zu pflegen?<\/p>\n<p>Mir gefallen die neuen Verh\u00e4ltnisse. Sie sind gerechter, denn jeder hat Zeit: seine je eigene Lebenszeit. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Geld-Eigent\u00fcmer sich Zeit kaufen, Arbeitszeit anderer, genau, wie sie sich Grundst\u00fccke und L\u00e4ndereien erwerben konnten. Doch das st\u00f6rt im Grunde nicht, wenn alle \u00fcber ein gewisses Grundkapital verf\u00fcgen, mit dem sie kreativ umgehen k\u00f6nnen. Nicht alle werden mit Geld oder Grund und Boden geboren &#8211; aber alle haben Zeit.<\/p>\n<p>P.S. Montag bis Mittwoch bin ich auf Kurzreise in Berlin.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;sagte der Architekt, einer der vielen, mit denen ich mitten im wilden, konfliktreichen Sanierungsgeschehen der fr\u00fchen 80ger Jahre in Berlin-Kreuzberg Streitgespr\u00e4che f\u00fchrte. Wir hatten uns in den heruntergekommenen und entsprechend romantischen Gr\u00fcnderzeitbauten verschanzt und der &#8222;Zugriff des Kapitals&#8220; (Entmietung, offensives Verfallen-lassen vor Luxusmodernisierung) auf diese brach liegenden Ressourcen hatte einen Sturm der Entr\u00fcstung entfacht. 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