{"id":4073,"date":"1999-08-20T15:30:08","date_gmt":"1999-08-20T13:30:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4073"},"modified":"2023-12-03T15:31:22","modified_gmt":"2023-12-03T14:31:22","slug":"kein-land-nirgends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/08\/20\/kein-land-nirgends\/","title":{"rendered":"Kein Land nirgends&#8230;."},"content":{"rendered":"<p>Bodenlos leben wir, innerlich der Erde fern &#8211; und noch so intensives Graben in Matsch und Mist \u00e4ndert daran nichts.<\/p>\n<p>Gerade lese ich das Buch &#8222;Mylopa&#8220; von Ulrike Linnenbrink, das (noch&#8230;) in Ausz\u00fcgen auf ihrer Homepage angelesen werden kann. Es beschreibt eine Erfahrung, die viele aus meiner Generation gemacht haben: der gro\u00dfe Umzug aufs Land, den Versuch, eine nostalgische Idylle mit Tieren und Pflanzen aufzubauen, mit H\u00fchnern, Katzen, Hunden, Schweinen, Schafen und sogar einem ESEL. Das Arbeiten bis zum Umfallen, um auch ja jedes stillose Bauelement modernisierungss\u00fcchtiger Altbauern durch das originale, traditionelle, echt-h\u00f6lzerne Teil zu ersetzen; das Pflanzen der B\u00e4ume, die Freude am Wachsen und Werden im Garten, der selbstgepfl\u00fcckte Kr\u00e4utertee am Morgen. Und nat\u00fcrlich die Tr\u00e4nen beim unvermeidlichen Schlachten eigener Tiere, die konsequenterweise fortan keine NAMEN mehr bekommen.<!--more--><\/p>\n<p>Hauptpersonen sind &#8211; wie k\u00f6nnte es anders sein &#8211; beamtete Lehrer, die all dies ohne die geringste echte Gef\u00e4hrdung ihrer &#8222;b\u00fcrgerlichen Exisitenz&#8220; mit Hilfe von Staat, Banken und Eltern ins Werk setzen k\u00f6nnen: Eine Suche nach Licht ohne Schatten, wobei die Schattenwelt der Sp\u00e4tmoderne, die Hochzivilisation mit ihren b\u00f6sen Apparaten und Verfahren, mit ihrer Industrie und Gigantomanie doch die Basis ist und bleibt, auf der diese Suche nur stattfinden kann.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich handelt das Buch vom Scheitern &#8211; doch ich bin ja erst in der Mitte, die Idylle ist noch im Aufbau begriffen. Die Akteure sind ungebrochen in ihren Gut-Mensch-Meinungen, den einfachen Polarit\u00e4ten: hier die b\u00f6se Chemie, dort der gute Kompost&#8230;. Ehemals waren sie politisch aktiv, gr\u00fcn, alternativ &#8211; doch wenn das Gl\u00fcck im eigenen Garten so nah liegt, warum dann noch k\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Ein lesenswertes Buch f\u00fcr alle, die, im Sog der bewegten 70ger-Jahre, irgendwann einmal versucht haben, sich abzuwenden und alles anders zu machen. Und die allermeist zur\u00fcckgekommen sind, zur\u00fcck in die Stadt, aus der die K\u00e4lte kommt &#8211; aber auch der Scheck.<\/p>\n<p>Vermutlich hat jede Generation einen gro\u00dfen Traum, an dem sie kollektiv und individuell scheitert. F\u00fcr mich hat sich diese Erfahrung recht sp\u00e4t in ein paar Monaten Toskana Mitte der 80ger verdichtet, und ich bin dankbar, da\u00df es nicht aufwendiger war. Ich hatte viele B\u00fccher vom einfachen Leben auf dem Land verschlungen, hatte neidvoll die verschiedenen Landprojekte be\u00e4ugt, ohne selbst je ernsthaft den Absprung in Betracht zu ziehen. Dann, in dem alten Bauernhaus in der N\u00e4he von Siena war ich nahe daran: legte einen Garten an, machte Fr\u00fcchte ein, trocknete Kr\u00e4uter, tr\u00e4umte von eigenen Tieren, spazierte durch die Mittagshitze in verwunschenen Landstrichen mit verfallenen H\u00e4usern umher und \u00fcberlegte, ob ich dort bleiben sollte. Es war zwar un\u00fcbersehbar, da\u00df diejenigen, die dort ans\u00e4ssig wurden und ihre Idyllen aufbauten, alles andere als gl\u00fccklich waren. Doch das st\u00f6rte meinen Traum nur wenig, schlie\u00dflich h\u00e4lt man sich als junger Mensch f\u00fcr GANZ ANDERS.<\/p>\n<p>Eines Tages fand ich auf einem ziemlich zugewachsenen alten Weideweg eine samentragende Senfpflanze. Senf war damals in den L\u00e4den nicht zu finden und ich hatte Lust auf die richtige Zutat zum &#8222;Wurstel&#8220; (so hei\u00dfen in Italien die f\u00fcnf schlaffen Bockw\u00fcrstchen im Glas). Ich untersuchte das Gew\u00e4chs genauer &#8211; schlie\u00dflich bin ich nicht pflanzenkundig und erinnerte mich nur blass an die Zeichnung im Buch &#8211; ich kostete einen der Samen: ja, es war tats\u00e4chlich Senf!<\/p>\n<p>Aber wie weit war doch dieser Geschmack entfernt vom Senf, wie ich ihn kannte! Es schmeckte scharf und bitter, zudem trug die Planze nur wenige Samen, die man zuerst m\u00fchevoll aus flachen Kapseln herausreiben mu\u00dfte. Ich erinnerte mich an die Zubereitung, wie sie &#8222;traditionell&#8220; beschrieben wurde: Sammeln, irgendwie aus den Kapseln herausdreschen, langwierig trocken, m\u00f6rsern, g\u00e4ren, mit Essig und anderen Gew\u00fcrzen vermengen, ziehen lassen&#8230;&#8230; so ganz genau wu\u00dfte ich es nicht mehr, doch der Aufwand stand mir \u00fcberdeutlich vor Augen!<\/p>\n<p>Ich sa\u00df lange vor der Senfpflanze, w\u00e4hrend mein Traum starb. Es war nicht zu leugnen: Ein Glas industriell gefertigter Senf bei ALDI f\u00fcr 69 Pfennig, im Trinkglas zum Weiterverwenden abgepackt, war die wahrhaft \u00dcBERLEGENE Alternative. Ich konnte nicht im Ernst daran denken, die wertvolle Zeit meines Lebens damit zuzubringen, au\u00dferhalb der Gesellschaft l\u00e4cherlich veraltete Herstellungsverfahren zu zelebrieren, nur um Nahrungsmittel zuzubereiten, auf die ich 1000 mal lieber verzichten w\u00fcrde, als mir eine solche Tortur anzutun. Und das galt nicht nur f\u00fcr den Senf!<\/p>\n<p>Seit diesem Tag war ich eine andere. Der hochm\u00fctige Ha\u00df auf den &#8222;Mainstream&#8220; war verflogen, denn ich wu\u00dfte jetzt: Der Mainstream bin ich selbst. Die dunkle Seite der Macht, die diesen Planeten zu verschlingen droht, ist meine eigene dunkle Seite: die Gier, die Bequemlichkeit, das Streben nach Macht, vor allem der Macht, alles mit einem Knopfdruck (oder Mausklick) ins Werk setzen zu wollen. Gerade noch &#8222;einen Finger krumm machen&#8220; und damit in der Stunde soviel verdienen, da\u00df es f\u00fcr ein ganzes Regal voller Senfgl\u00e4ser reicht.<\/p>\n<p>Eine ern\u00fcchternde Erkenntnis, die ich der Senfplanze danke.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bodenlos leben wir, innerlich der Erde fern &#8211; und noch so intensives Graben in Matsch und Mist \u00e4ndert daran nichts. Gerade lese ich das Buch &#8222;Mylopa&#8220; von Ulrike Linnenbrink, das (noch&#8230;) in Ausz\u00fcgen auf ihrer Homepage angelesen werden kann. 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