{"id":407,"date":"2005-05-09T07:53:40","date_gmt":"2005-05-09T05:53:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=407"},"modified":"2009-12-28T14:23:17","modified_gmt":"2009-12-28T12:23:17","slug":"kommunikativer-burnout","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/05\/09\/kommunikativer-burnout\/","title":{"rendered":"Kommunikativer Burnout?"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Warum also eine Person, eine fassbare Figur im unfassbaren Virtuellen?<br \/>\nIch finde, es ist vollkommen ueberfl\u00fcssig, als Person a,b,c<br \/>\netwas darzustellen, (wenn man nichts will au\u00dfer Unterhaltung)&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Gibt es denn Menschen, die nur Unterhaltung wollen? Nobodys eindringlicher Diskussionsbeitrag zum Thema &#8222;Kommunikativer Burnout&#8220; fragt nicht danach, doch der kurze Satz in Klammern f\u00e4llt mir auf, h\u00e4lt mich fest, st\u00f6\u00dft ein paar Gedanken an, die &#8211; sofern ich ihnen Raum gebe, andere nach sich zu ziehen &#8211; gewiss f\u00fcr ein Gedankenspiel im &#8222;Diary-Format&#8220; reichen. Etwa drei Din A4-Seiten, gutenbergisch gesprochen, verfasst in ein bis zwei Stunden ruhiger Beschaulichkeit: Gedanken beschauen und sortieren, in S\u00e4tze und Abs\u00e4tze hintereinander reihen, in den Pausen an der Form feilen, damit die Sprache auch sch\u00f6n flie\u00dft &#8211; wenn die Freude am &#8222;richtigen Sound&#8220; eines Textabsatzes das Interesse am Inhalt \u00fcbersteigt,  ist man reif f\u00fcrs Literarische. <\/p>\n<p>Dahin hab&#8216; ich es noch nicht gebracht, eher \u00fcberkommt mich das gro\u00dfe Verstummen. Das kommunikative Universum ist \u00fcber alle Ma\u00dfen vollgestopft. Unz\u00e4hlige Themen zw\u00e4ngen sich in immer schnelleren Rhythmen  durch den Flaschenhals der pers\u00f6nlichen Aufmerksamkeit. Nichts meinen, nichts sagen, nichts schreiben erscheint als einzig denkbare Gegendemonstration, hilfloser Akt der Z\u00e4rtlichkeit gegen\u00fcber m\u00f6glichen Lesern: nein, du musst nicht auch noch lesen, was ICH \u00fcber den Pabst denke, \u00fcber die &#8222;Unwucht in der Gesellschaft&#8220;, \u00fcber dies und das und jenes noch, was mir so durch den Kopf geht, wenn ich an dies und das und jenes denke. Genie\u00dfe den Moment der Stille!<\/p>\n<p>Kompletter Unsinn, ich wei\u00df! Wer hierher surft, will auch etwas lesen, will ein neues Gedankenspiel im Diary-Format, will f\u00fcnf Minuten Lebenszeit daf\u00fcr opfern und ist frustriert, wenn sich nichts Neues findet. Dieser &#8222;gef\u00fchlte Erwartungsdruck&#8220; hat mich oft in Bewegung versetzt, vor allem in den wilden Anfangsjahren des Web, als die blo\u00dfe M\u00f6glichkeit, selbst zu publizieren, noch neu, grundst\u00fcrzend anders und aufregend war: Selber mitreden, als Person wahrgenommen werden, eine Stimme sein im gro\u00dfen Konzert und alles daf\u00fcr tun, dass sie auch geh\u00f6rt wird &#8211; wow, wie spannend!<\/p>\n<p>Das ist lange her. Alle damit zusammen h\u00e4ngenden, zigmal diskutierten Fragen sind verblasst oder beantwortet, zum Beispiel diese:<\/p>\n<p><em>&#8222;fragt man sich: was will ich, was soll eine Aktion im netz<br \/>\nbewirken, wie will ich mich darstellen?<br \/>\nwill ich ueberhaupt eine selbstdarstellung?<br \/>\nbin ich kuenstler? brauchts zu einem kunstwerk<br \/>\neinen Kuenstler, gibt es keine fuer sich alleinstehende kunst?<\/em><\/p>\n<p>So eine Frage erz\u00e4hlt mir \u00fcber den Fragenden, dass er Gr\u00fcnde haben muss, sich zu verstecken. Vielleicht ist er sch\u00fcchtern oder hat Angst, in anderen Zusammenh\u00e4ngen zu dem stehen zu m\u00fcssen, was er im Netz publiziert; vielleicht ekelt er sich vor dem eitlen Tanz um die eigene Person, die oft einziger Inhalt einer Netzpublikation ist &#8211; alles mir wohl bekannte Motive, die mich jedoch nicht auf die Suche nach dem frei stehenden Kunstwerk gehen lie\u00dfen, sondern dazu bewegten, von solchem Gr\u00fcbeln einfach abzusehen.  Wenn ich schreibe, dr\u00fccke ich aus, was sich schreiben will, was zum Ausdruck dr\u00e4ngt, und wenn ich bemerke, dass mir ein Thema zu &#8222;brisant&#8220; ist, um mich damit zu zeigen, bin ich um eine Selbsterkenntnis reicher. Der &#8222;Hot Spot&#8220; bleibt mir im Bewusstsein und kommt in die Schublade &#8222;Unerledigtes&#8220;:  m\u00f6glichst vor dem Sterben noch zu l\u00f6sen. (Die &#8222;Wiedervorlage&#8220; geschieht dann von ganz alleine, ich brauche die Schublade nicht extra durchsehen.)<\/p>\n<p><em>&#8222;Du kannst eine Zeit lang deinen &#8222;Narktwert&#8220; ins Unermessliche<br \/>\nsteigern, ich wette: fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wirst du erschrocken feststellen,<br \/>\ndass dein Marktwert dich selbst gefressen hat.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das ist eine Erkenntnis, die der neuen Blogger-Generation noch bevorsteht.  Ich erlebte das 1997\/1998, als ich bemerkte, dass ich zur Angestellten meiner eigenen Webprojekte geworden war. Jede Leserreaktion, jeder Wunsch und  jede Kritik, jede Erw\u00e4hnung oder gar Diskussion meiner Werke anderwo und auch der &#8222;Z\u00e4hlerstand&#8220; erreichte mich als &#8222;Arbeitsanweisung&#8220;. Zwar verdiente ich kein Geld mit diesen Just-for-Fun-Publikationen, doch ich &#8222;war jemand&#8220; &#8211; und das reichte, um mich am G\u00e4ngelband des eigenen Geltungsbed\u00fcrfnisses festzuhalten, immer im Bem\u00fchen, noch MEHR zu sein, MEHR zu werden oder zumindest den erreichten Status zu verteidigen. Dass ich dabei &#8222;ganz nonkommerziell&#8220; agierte, empfand ich als ausgesprochen honorig &#8211; bis ich bemerkte, dass mich gut bezahlte Medienschaffende gern als &#8222;kostenlosen Content&#8220;  benutzten, mich interviewten und fotografierten und dabei Tagess\u00e4tze oder Monatsgeh\u00e4lter kassierten, von denen ich nur tr\u00e4umen konnte. <\/p>\n<p>Diese und andere Irritationen f\u00fchrten dazu, dass ich meine Webprojekte einstellte und die Domain claudia-klinger.de einrichtete. Fortan schrieb ich fast nur noch Diary: EIN Format f\u00fcr alle Themen, EIN Name, n\u00e4mlich mein Name, der, der im Ausweis steht und sich nicht ver\u00e4ndert &#8211; und nur noch schreiben, wann und was ich will, im immer gleichen Design, Ruhepunkt in einer ver\u00e4nderlichen Welt, wo selbst der Metzger um die Ecke von heut auf morgen verschwindet. <\/p>\n<p>Vermutlich verschwinde ich nicht, obwohl die momentanen langen Pausen darauf hindeuten k\u00f6nnten. In meinen Kursen, insbesondere im &#8222;Erotischen Schreiben&#8220; erlebe ich eine Form des &#8222;n\u00fctzlich Seins&#8220;, das deutlich \u00fcber das hinaus geht, was in sporadischen 3-Seiten-Artikeln zu leisten ist. Da sind Menschen, die sich tiefer einlassen, die Zeit und Geld investieren, um sich mit einem &#8222;brisanten Thema&#8220; zu befassen, Menschen, die bereit sind, etwas zu wagen, etwas von sich zu zeigen, das pers\u00f6nlich nahe geht und nicht nur blo\u00dfe Meinungs\u00e4u\u00dferung ist. Es ber\u00fchrt mich, macht Freude und gibt mir das Gef\u00fchl, einen sinnvollen Dienst zu leisten.<\/p>\n<p>Ein weiterer Grund f\u00fcr meine Diary-Enthaltsamkeit ist vielleicht das &#8222;Format&#8220; selbst: Drei Seiten zu diesem oder jenem &#8211; das erscheint mir im Moment einerseits zu kurz, andrerseits zu  lang.  Meine Hauptthemen sind durch, im Lauf der Jahre mehrfach dreiseitig durchreflektiert.  Um tiefer zu gehen, m\u00fcssten die Texte l\u00e4nger werden, um &#8222;unterhaltend&#8220; an wechselnden Oberfl\u00e4chen zu kratzen, k\u00fcrzer und pr\u00e4gnanter. <\/p>\n<p>Noch wei\u00df ich nicht, in welche Richtung es gehen wird, doch will ich zumindest eine Blog-Software installieren, um die &#8222;kurze Form&#8220; technisch zu unterst\u00fctzen. L\u00e4nger schreiben kann ich dann ja immer noch! :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Warum also eine Person, eine fassbare Figur im unfassbaren Virtuellen? 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