{"id":4064,"date":"1999-08-11T15:01:26","date_gmt":"1999-08-11T13:01:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4064"},"modified":"2023-12-03T16:34:44","modified_gmt":"2023-12-03T15:34:44","slug":"gottesgabe-tag-28-sonnenfinsternis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/08\/11\/gottesgabe-tag-28-sonnenfinsternis\/","title":{"rendered":"Gottesgabe, Tag 28, Sonnenfinsternis, deprimierte Stimmung"},"content":{"rendered":"<p>Da wird sich also heute die Sonne verfinstern! Wie seltsam, was f\u00fcr eine Dimension der Rummel um das Naturereignis mittlerweile angenommen hat: Schlangen vor den Optikerl\u00e4den, ausgebuchte Z\u00fcge und Hotels, R\u00fcckrufaktionen wegen fehlerhafter Brillen, intensive Berichterstattung in den Medien. Warum diese allgemeine Erregung?<!--more--><\/p>\n<p>Ich vermute, es ist das tiefe Bed\u00fcrfnis nach nicht vom Menschen steuerbaren Ereignissen und nach Einzigartigkeit &#8211; beides Dinge, die in unserer hochzivilisierten, verwalteten, digitalisierten Welt selten geworden sind, bzw. selten zu sein scheinen. Alles Bem\u00fchen geht in die Richtung, die Dinge in den Griff zu bekommen, sie berechnebar und nutzbar zu machen &#8211; doch die Erfolge machen nicht richtig gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Gestern war ich recht deprimiert. Der Arbeitsanfall hat derzeit Ausma\u00dfe angenommen, da\u00df ich \u00f6fter mal die Lust an allem verliere. Es ist ja verr\u00fcckt: Da verdiene ich Geld genug, um hier in einer wundersch\u00f6nen Wohnung in ruhiger, l\u00e4ndlicher Umgebung zu wohnen und habe einfach keine Zeit, auch nur rauszugehen und irgend etwas damit anzufangen.<\/p>\n<p>Wenn es SO aussieht, dann trete ich ganz von selbst in eine Art Streik (nie lange, aber immerhin!), arbeite erst recht nichts, h\u00e4nge herum, tu was anderes, das mich ablenkt und halte mir vor Augen, da\u00df die Welt keineswegs einf\u00e4llt, wenn die Webseite X drei Tage sp\u00e4ter online geht. Es ist das Schlimmste, den STELLENWERT der eigenen T\u00e4tigkeit angesichts des Ganzen aus den Augen zu verlieren, dann geht man im Stre\u00df unter und sieht kein Land mehr.<\/p>\n<p>Das Land mache mich depressiv, meint mein Lebensgef\u00e4hrte, die Schwere der Erde schlage auf mein St\u00e4dtergem\u00fct, das schnell wechselnde Reize f\u00fcr sein Wohlbefinden ben\u00f6tige, insbesondere f\u00fcr den Spa\u00df an der Arbeit.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich: als wir dann spontan nach Schwerin fuhren und ein wenig durch die Altstadt bummelten, wurde ich sehr viel fr\u00f6hlicher. Deckte mich mit Lesestoff ein, wandelte durch die Kunstwelt der Schlo\u00dfpark-Mall, sa\u00df auf dem Schlo\u00dfplatz in einem Caf\u00e9, wo das ganze Ambiente mich stark an Siena erinnerte und war wieder putzmunter.<\/p>\n<p>Aber dort wohnen m\u00f6chte ich nicht, obwohl Schwerin eine wirklich h\u00fcbsche Stadt ist. Anscheinend mu\u00df ich einmal pro Woche Stadtluft schnuppern, um psychisch-geistig nicht zu verk\u00fcmmern, gut, zu wissen. Doch ist es ja gerade das Ereignis, der Kontrast, das Besondere, das Nicht-Allt\u00e4gliche an einem Stadtbesuch, das die belebende Wirkung ausmacht &#8211; und das kann ich hier, 9 km vor Schwerin, 35 km vor Wismar, 43 km vor L\u00fcbeck, 100 km vor Hamburg und 200 km vor Berlin wirklich einfach haben! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da wird sich also heute die Sonne verfinstern! Wie seltsam, was f\u00fcr eine Dimension der Rummel um das Naturereignis mittlerweile angenommen hat: Schlangen vor den Optikerl\u00e4den, ausgebuchte Z\u00fcge und Hotels, R\u00fcckrufaktionen wegen fehlerhafter Brillen, intensive Berichterstattung in den Medien. 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