{"id":4062,"date":"1999-08-08T14:45:48","date_gmt":"1999-08-08T12:45:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4062"},"modified":"2023-12-03T14:49:35","modified_gmt":"2023-12-03T13:49:35","slug":"ernsthaft-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/08\/08\/ernsthaft-schreiben\/","title":{"rendered":"Ernsthaft schreiben?"},"content":{"rendered":"<p>Warum denn so ein Webtagebuch? Das ist doch blo\u00df Larifari &#8211; la\u00df es lieber und schreib ETWAS ERNSTHAFTES!<\/p>\n<p>Wenn ein Freund so etwas sagt, an dessen Wohlwollen mir gelegen ist, st\u00fcrzt mich so eine Bemerkung in heftige Selbstzweifel und ich brauche ein bi\u00dfchen Zeit, bevor ich die &#8218;Lizenz zum Webdiary&#8216; wieder ungebrochen sp\u00fcre.<!--more--><\/p>\n<p>Etwas ERNSTHAFTES &#8211; tja, warum eigentlich nicht? So ein tiefsch\u00fcrfendes Werk in Leinen gebunden zu den wirklich wichtigen Problemen der Welt. Oder zumindest ein brillianter Essay mit geistreichen Pointen, eine \u00e4sthetisch-literarisch bemerkenswerte kleine Geschichte, die man so schnell nicht vergi\u00dft&#8230;.<\/p>\n<p>Ganz abgesehen von der Frage des K\u00f6nnens wei\u00df ich recht genau, warum das Trachten nach dem gro\u00dfen oder kleinen Schreibwerk mich schon lange nicht mehr lockt. Schreiben au\u00dferhalb der Unterhaltungs- und Informationsindustrie ist Ausdruck unterdr\u00fcckten Lebens. Was sich schreibend \u00e4u\u00dfert, konnte im Reich der Handlungen nicht bew\u00e4ltigt, nicht seiner Energie beraubt werden. Und das Leben ist schlie\u00dflich voll von nicht zu bew\u00e4ltigenden Dingen: Krieg, Tod, Krankheit, Ha\u00df, Gier, Ignoranz, Eifersucht, Machtstreben, Unterdr\u00fcckung &#8211; es reicht f\u00fcr Generationen von Schriftstellern, die Themen h\u00f6ren niemals auf.<\/p>\n<p>Auch in der Presse wirkt das publizistische Gesetz: only bad news are good news &#8211; Grund genug, warum ich keine (Print-) Artikel mehr schreiben mochte. Ohne jemanden in die Pfanne zu hauen, ist kaum ein &#8222;fetziger&#8220; Artikel hinzubekommen. Der Journalist begibt sich in die Rolle des alles besser wissenden Beobachters, urteilt von dort aus alle ab, die sich in der Sache abstrampeln, gie\u00dft noch eine geh\u00f6rige Portion Hohn und Spott aus und fertig sind zwei Seiten \u00e1 3000 Zeichen, die im Leser ein GUTES GEF\u00dcHL erzeugen, ein Schmunzeln, ein &#8222;JAAAA, GENAU SO IST ES!&#8220;, das ihm immer wieder die paar Mark wert ist.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr den Journalisten die Schadenfreude, ist f\u00fcr den Literaten das Leiden. Ohne herzergreifendes Elend, garstiges Schicksal, unerkl\u00e4rlich B\u00f6ses, ohne den Abgrund der Psyche und die daraus resultierende Verzweiflung fehlt der Stoff, aus dem die Werke kommen. Leiden ist unverzichtbares Produktionsmittel von Literatur, zumindest in Deutschland. Wer mag schon &#8218;erbauliche&#8216; Schriften lesen? Wer steht auf Gedichte, die aus schlichter Lebensfreude entstehen? Nein, der Autor hat gef\u00e4lligst in die Tiefen des Daseins hinabzusteigen, dort geh\u00f6rig im Schlamm zu w\u00fchlen, auf da\u00df alle mit hinuntergezogen werden, und dann &#8211; vielleicht &#8211; gel\u00e4utert zur\u00fcckzukommen, um seine neu gewonnene Distanz und heitere Gelassenheit mit dem Publikum zu teilen.<\/p>\n<p>Ein ehrenwerter Job! Aber nicht der meine. Ich will nicht im Elend verharren und warten, bis es sich in sch\u00f6ne Formulierungen \u00fcbersetzt. Mag nicht als Kaninchen vor der Schlange stehen und sie so lange anschauen, bis &#8222;ich selbst zur Schlange werde&#8220; &#8211; ich nehme lieber einen langen Stock und versuche, sie ins n\u00e4chste Geb\u00fcsch zu schleudern.<\/p>\n<p>Mag sein, da\u00df ich dabei gro\u00dfes Pech habe und die Schlange mich trotzdem bei\u00dft. Dann such&#8216; ich einen Arzt und la\u00df mir eine Spritze geben &#8211; wieder nichts, wor\u00fcber sich ernsthaft schreiben lie\u00dfe!<\/p>\n<p>Ohne je selbst eine literarische Erfahrung gemacht zu haben, w\u00fcrde ich nicht wagen, \u00fcber das &#8222;Ernsthaft schreiben&#8220; so viele Worte zu machen. Wer also mag, kann eine Geschichte lesen, die mich f\u00fcr sechs Wochen von allem anderen erfolgreich abgezogen hat. Es war wie ein Trip, eine psychisch-geistige Versenkung, ein Bann, der mich erst wieder los lie\u00df, als die Story zu Ende geschrieben war.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/santamaria.zip\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Ruhe von Santa Maria<\/a> (gezippte 46 Seiten) ist in Italien entstanden und lebt von einer gro\u00dfen Angst, der Angst vor Hornissen. Seit der Kinderzeit f\u00fcrchte ich brummende Insekten, schon gar, wenn sie fliegen und stechen k\u00f6nnen und nicht ganz klein sind. Im Lauf der Jahre hat sich das entspannt, Bienen und Wespen lassen mich heute kalt. Doch die Hornissen in dem alten toskanischen Bauernhaus, in dem ich phasenweise lebte, versetzten mich unabwendbar in Panik, wenn sie aus ihrem Nest im Kamin den Weg in die Wohnk\u00fcche fanden und versuchten, sich an der offenen Gaslampe umzubringen.<\/p>\n<p>Aus der Erfahrung dieser irrationalen Todesangst entstand die Idee zur Geschichte. Ich blieb &#8222;vor der Schlange stehen&#8220;, verharrte gedankenlos bei der Angst und die Einf\u00e4lle begannen zu str\u00f6men &#8211; von SELBST. Personen entwickelten sich, eine Handlung schritt voran, weitere, uralte psychische Schmerzen aus der Kinderzeit nutzten die L\u00fccke ins Jetzt und dr\u00e4ngten ans Licht &#8211; es war wie ein Rausch, ich wurde emfindungslos gegen\u00fcber dem Alltag und lebte die ganzen sechs Wochen in diesen psychischen Komplexen, gab ihnen Raum, kostete sie aus, fa\u00dfte sie in Worte.<\/p>\n<p>Danach wu\u00dfte ich, was &#8222;ernsthaft schreiben&#8220; ist. Und da\u00df es alles andere ausschlie\u00dft, weil es die gesamte psychische Energie f\u00fcr sich braucht. Ich mu\u00df mich dem Proze\u00df GANZ hingeben &#8211; oder garnicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum denn so ein Webtagebuch? Das ist doch blo\u00df Larifari &#8211; la\u00df es lieber und schreib ETWAS ERNSTHAFTES! 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