{"id":4061,"date":"1999-08-05T14:45:02","date_gmt":"1999-08-05T12:45:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4061"},"modified":"2023-12-03T16:32:33","modified_gmt":"2023-12-03T15:32:33","slug":"gottesgabe-tag-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/08\/05\/gottesgabe-tag-22\/","title":{"rendered":"Gottesgabe, Tag 22: Ausholzen, laute M\u00e4hdrescher, kein Heimweh"},"content":{"rendered":"<p>Wenn mir die Dinge \u00fcber den Kopf wachsen, ich w\u00fctend und agressiv werde, ist aufr\u00e4umen immer schon das beste Gegenmittel &#8211; und hier hab&#8216; ich dazu noch das &#8222;B\u00e4ume ausrei\u00dfen&#8220; entdeckt. In Kombination mit einer kalten Dusche angewendet, vertreibt das jegliche Mi\u00dfstimmung!<!--more--><\/p>\n<p>T\u00e4glich eine halbe Stunde auf Puls 130, das mache binnen ein paar Wochen k\u00f6rperlich fit, hat mir ein Freund geraten, der es wissen mu\u00df. Kaum l\u00e4nger stehe ich das Ausholzen durch: mit einer mittleren S\u00e4ge bewaffnet, trete ich gegen tote \u00c4ste am Rande des Schlo\u00df-W\u00e4ldchens an. Da gibt es wundersch\u00f6ne alte B\u00e4ume, doch hat sich der Wald in den letzten Jahrzehnten eigendynamisch zur Wiese hin erweitert. Schiefe, teils abgestorbene Baumteile bilden einen Verhau, durch den kaum ein Durchkommen ist &#8211; bzw. war! Jetzt t\u00fcrmen sich die abgetrennten \u00c4ste auf der Wiese, sie auch noch klein zu s\u00e4gen ist v\u00f6llig undenkbar, schlie\u00dflich hat die Menschheit die Motors\u00e4ge erfunden. Wir werden uns eine leihen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Den ganzen Tag dr\u00f6hnen die M\u00e4hdrescher. Wie riesige Wesen aus einer anderen Welt fahren sie in erstaunlicher Geschwindigkeit \u00fcber die Felder, gewaltige Staubfahnen hinter sich herziehend. Den Anblick &#8222;M\u00e4hdrescher vor untergehender Sonne&#8220; w\u00fcrde ich gerne festhalten, doch komischerweise ist mein Drang, der Welt mit einer Kamera zu begegnen, nicht besonders gro\u00df.<\/p>\n<p>Noch immer kein Heimweh nach Berlin. Im Gegenteil, ich bedauere fast, dort so lange Jahre ausgehalten zu haben. Es macht mich gl\u00fccklich und dankbar, drei Schritte nach drau\u00dfen treten zu k\u00f6nnen und auf der Wiese zu stehen, noch ein paar Schritte weiter in den Wald zu gehen, oder 100 Meter aus dem Dorf hinaus in die &#8222;unendliche Weite&#8220; blicken zu k\u00f6nnen. Der Kontrast zur Flachheit des Monitors und zu den Gr\u00fcnderzeitfassaden, die ich 20 Jahre im Blick hatte, k\u00f6nnte kaum gr\u00f6\u00dfer sein.<\/p>\n<p>Was die Arbeit angeht, werde ich andere Seiten aufziehen m\u00fcssen. Bisher hatte ich immer alles im Kopf, was getan werden mu\u00dfte: kein Terminkalender, kein Arbeitsplan, was am Dringendsten war, wurde eben bearbeitet. Doch den Kopf will ich jetzt entlasten, das st\u00e4ndige &#8222;Du mu\u00dft aber noch&#8230;&#8220;, und &#8222;vergi\u00df nicht, zu&#8230;&#8220; geht mir auf die Nerven. Ich vermisse sowas wie ECHTE FREIZEIT, das Gef\u00fchl, ein &#8222;Tagwerk&#8220; vollbracht zu haben und danach mit allem Recht im Garten bosseln zu k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Also bleibt nichts \u00fcbrig, als mir einen Plan zu machen, einen richtigen Zeitplan \u00fcber alle anstehenden Arbeiten, so da\u00df ich wei\u00df, wann ich an einem Tag FERTIG bin. Bisher f\u00fchle ich mich wie in einem stetig fordernden Arbeitsflu\u00df und wenn ich etwas anderes mache, schleicht sich das schlechte Gewissen ein. In der Stadt, wo ich kaum noch Grund sah, den PC zu verlassen und fast alle Freizeit mit PC- und Online-Aktivit\u00e4ten zubrachte, ist mir das nicht so aufgefallen. Ich war zufrieden mit dieser &#8222;Einheit von Leben und Arbeiten&#8220;, ein hoher Wert f\u00fcr viele aus meiner Generation.<\/p>\n<p>Jetzt zieht mich das Leben nach drau\u00dfen und die alte Form mu\u00df durch eine andere ersetzt werden. Tja, ich werde noch richtig spie\u00dfig, wie es aussieht. Schlie\u00dflich hab&#8216; ich diejenigen immer bel\u00e4chelt, die um Schlag 5 die Arbeit niederlegten, um sich Hobby &#038; Freizeit zuzuwenden! F\u00fcr mich gab es sowieso nichts Angenehmeres, als meine Projekte voranzutreiben &#8211; und soweit es mal nicht angenehm war, arbeitete ich verbissen vor mich hin, als g\u00e4be es eine Chance, MIT ALLEM FERTIG zu werden. Genau das ist aber nichts als verr\u00fcckte Illusion: Als Freiberufler &#8222;fertig&#8220; zu werden, hei\u00dft, diesen &#8222;Job&#8220; schon bald an den Nagel zu h\u00e4ngen. Wenn der Nachschub an Auftr\u00e4gen von alleine kommt, ist das gerade richtig &#8211; und es liegt an mir, die Arbeit so zu organisieren, da\u00df es keine Last ist.<\/p>\n<p>Das war nun leider wieder mal ein Tagebuch-Eintrag ganz ohne &#8222;philosophische Schleife&#8220;. Mu\u00df denn sowas im Web stehen? Eigentlich nicht. Doch die ruhige Stunde Schreiben am Morgen ist eine gute Art, den Tag zu beginnen, es kl\u00e4rt und strukturiert das Denken, selbst wenn es nicht von Grund-st\u00fcrzendem und Welt-bewegendem handelt. Und meinen Freunden erz\u00e4hle ich so, wie es mir geht &#8211; individuell, jedem eine Privatmail, w\u00e4r das im Moment garnicht zu leisten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn mir die Dinge \u00fcber den Kopf wachsen, ich w\u00fctend und agressiv werde, ist aufr\u00e4umen immer schon das beste Gegenmittel &#8211; und hier hab&#8216; ich dazu noch das &#8222;B\u00e4ume ausrei\u00dfen&#8220; entdeckt. 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