{"id":4059,"date":"1999-08-02T14:34:22","date_gmt":"1999-08-02T12:34:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4059"},"modified":"2023-12-03T15:24:00","modified_gmt":"2023-12-03T14:24:00","slug":"gottesgabe-tag-19-online-und-offline-welt-missverstaendnisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/08\/02\/gottesgabe-tag-19-online-und-offline-welt-missverstaendnisse\/","title":{"rendered":"Gottesgabe, Tag 19: Virtual world, reales Leben?"},"content":{"rendered":"<p>Michael Charlier schrieb mir folgenden Leserbrief:<\/p>\n<blockquote><p>Liebe Claudia, im Digidiary vom 31.7. hast Du geschrieben:<\/p>\n<blockquote><p>Mittlerweile ist es mehr als das: eine Lustlosigkeit, mich auch noch abends der Online-Welt zuzuwenden, Zeichen und Bilder zu generieren, anstatt physisch und psychisch etwas &#8222;Richtiges&#8220; zu erleben. Es scheint, als erzeuge die Abwesenheit der st\u00e4dtischen Menschenmassen eine Sehnsucht nach Sozialem, wogegen der t\u00e4gliche Anblick 1000er Unbekannter das Gef\u00fchl hinterl\u00e4\u00dft: Wie sch\u00f6n, da\u00df ich wenigstens in meinen vier W\u00e4nden allein und ungest\u00f6rt bin! Ich bin gespannt, ob in der dunklen Jahreszeit die Lust auf &#8222;Medien&#8220; wiederkommt.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dar\u00fcber habe ich mich etwas gewundert, und zwar deshalb, weil Du hier eine ganze H\u00e4lfte der Online-Welt unter die Tastatur fallen l\u00e4\u00dft. Die H\u00e4lfte, die \u00fcber das Generieren von Zeichen und Bildern hinaus geht, auch psychisch &#8222;richtige Erlebnisse&#8220; erlaubt\/vermittelt und lediglich in Sachen Physis farb- und leblos bleibt &#8211; woraus sich freilich wiederum lebhafte Verfremdungseffekte ziehen lassen. Die H\u00e4lfte, deren Existenz und Gewicht ich nicht zuletzt durch Deine Arbeiten erst richtig kennengelernt habe.<\/p>\n<p>Was ist denn das auf einmal f\u00fcr ein Gegensatz zwischen &#8222;Online-Welt&#8220; und &#8222;Richtiger Welt&#8220;, &#8222;Sozialem&#8220; und &#8222;Medien&#8220;? Deine Online-Freunde z.B. sind doch keine &#8222;generierten Zeichen und Bilder&#8220; oder virtuelle Traumgestalten, sondern ganz normale lebendige Menschen, blo\u00df anderswo. Wenn Du Sie einmal hast (und Du hast sie nicht, weil Du sie generiert h\u00e4ttest, sondern weil Du sie gefunden hast, oder sie Dich), geh\u00f6ren sie mit zum &#8222;Sozialen&#8220;, einem &#8222;Sozialen&#8220;, das allerdings komplexer ist als das Sozialgef\u00fcge eines Dorfplatzes, eines Kreuzberger Kiez oder der Wohnk\u00fcche von Gottesgabe.<\/p>\n<p>Dieser Komplexit\u00e4t wird man nicht Herr, indem man den Computer abstellt. Man reduziert die Zahl der genutzten Medien und damit der m\u00f6glichen sozialen Kontakte: Wenn ich auf das Auto verzichte, kann ich die Leute in der Wohnk\u00fcche im Nachbarort nicht mehr erreichen. Wenn mein Vater keinen Nerv hat, sein H\u00f6rger\u00e4t anzustellen, kommen wir auch am gleichen Tisch gegen\u00fcbersitzend nicht weit. Wenn ich drei Wochen Urlaub mache und weder meine e-Mail abrufe noch mich vorher ordnungsgem\u00e4\u00df bei meinen Mail-Partnern abmelde, erwartet mich am Ende des Urlaubs ein betr\u00e4chtlicher Kladderadatsch in meinem sozialen Gef\u00fcge, und der ist h\u00f6chst real und nix von virtuell.<\/p>\n<p>Die Frage ist nat\u00fcrlich, wieso ein Netzmensch \u00fcberhaupt den Wunsch versp\u00fcren sollte, die Kompexit\u00e4t seiner sozialen Beziehungen zu reduzieren &#8211; schlie\u00dflich halten Netze umso besser, je mehr Knoten sie haben. Es hat vielleicht etwas mit der wohlt\u00e4tigen Erfahrung von Einfachheit zu tun, die der Wechsel aus der Millionenstadt in das 150-Seelen-Dorf mit sich bringen mag. Und solange Du Deinen partiellen Verzicht auf Online-Kommunikation noch online mitteilst, besteht ja noch Hoffnung.;-)<\/p>\n<p>Liebe Gr\u00fc\u00dfe!<\/p><\/blockquote>\n<p>Offenbar bin ich ein wenig missverstanden worden und selber schuld! Michaels Hinweis, da\u00df es keine von der &#8222;eigentlichen&#8220; Welt verschiedene Online-Welt gibt, verdankt sich einem SPRACH-Problem, das ich bis jetzt nicht befriedigend l\u00f6sen konnte. Da es \u00f6fter auftaucht, steht dieser Punkt auch im Editorial (&#8222;Real &#8211; oder wie?&#8220;), doch wenn ich \u00fcber das medialisierte Dasein schreibe, tritt das Mi\u00dfverst\u00e4ndnis immer wieder auf.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich sind die Online-Freunde ganz normale Menschen, das Geschehen, das sich \u00fcber das Netz vermittelt, ist ohne gedankliche Verbiegung zum &#8222;Sozialen&#8220; zu rechnen. Wenn mich jemand \u00e4rgert oder erfreut, verursacht das entsprechende psychisches Reaktionen &#8211; ich bewege mich keineswegs im Glauben, mit &#8222;virtuellen Traumgestalten&#8220; umzugehen. Es war f\u00fcr mich auch nie reizvoll, Rollenspiele der Anonymit\u00e4t zu spielen, da der &#8222;Schauplatz&#8220; Netz keineswegs eine Theaterb\u00fchne ist, sondern ein Teil der &#8222;wirklichen&#8220; Welt.<\/p>\n<p>Was ich meine, wenn ich sage, da\u00df mir &#8222;die Online-Welt&#8220; phasenweise den Buckel runterrutschen kann, ist etwas anderes. Eine Sehnsucht nach dem Hier&#038; Jetzt in seiner Gesamtheit. Statt dem wenig eingeb\u00fcrgerten &#8222;virtuellen Leben&#8220;, dem &#8222;medialen Dasein&#8220;, oder dem &#8222;Generieren von Zeichen und Bildern&#8220; f\u00fchle ich mich auch versucht, &#8222;Real Life&#8220; zu sagen &#8211; und weil DAS wieder das o.g. Mi\u00dfverst\u00e4ndnis bringt, will ich fast schon statt dessen &#8222;PHYSISCH&#8220; sagen &#8211; und sag&#8216; es dann doch nicht, weil ja jeder wei\u00df, da\u00df das &#8222;richtige Leben&#8220; sowohl physisch, als auch psychisch und geistig ist (ehem: Vater, Sohn, heiliger Geist, nachdem die gro\u00dfe MUTTER abgedankt hatte).<\/p>\n<p>Doch PHYSISCH als Bezeichnung f\u00fcr das, was der &#8218;Online-Welt&#8216; fehlt, ist nicht ganz falsch. Zwar ist jede psychische Reaktion auch physisch und jeder Gedanke spielt sich im materiellen Gehirn ab &#8211; doch bleibe ich damit vor dem PC allein. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ein Gespr\u00e4ch &#8218;von Angesicht&#8216; zu f\u00fchren, ein ganz anderes Ereignis, wenn ein Unbekannter hier den Schlo\u00df-Bereich betritt, als wenn der digitale Briefkasten t\u00e4glich Nachrichten von Freunden und Fremden enth\u00e4lt. Eigentlich ist DAS gerade das Interessante an der medial vermittelten Kommunikation: man kann dem besser nachsp\u00fcren, was fehlt, und es so besser bemerken, als eigene Qualit\u00e4t sch\u00e4tzen, unabh\u00e4ngig von Interessen und Symphatien.<\/p>\n<p>In Berlin hatte ich praktisch nur die Wahl zwischen verschiedenen Medien. Wenn ich vom PC genug hatte, las ich ein Buch, schaute in eine Zeitung oder schaltete den Fernseher an. Selbst der Spaziergang im Park oder der Stadtbummel konfrontiert laufend mit &#8222;Bedeutung&#8220;, mit den Zeichenwelten der Plakate, der Klamotten und Marken. Die Elemente, Tiere und Pflanzen kommen praktisch nicht vor &#8211; alles was ist, ist so, weil es Menschen so gemacht und damit etwas gemeint und gewollt haben. Unter Menschen ist das Mediale und Virtuelle immer schon da &#8211; und doch ist es noch ein Unterschied, jemanden physisch zu erblicken, als nur von ihm zu lesen. Es vermittelt sich wesentlich mehr, als das bewu\u00dft Gemeinte &#8211; ob man es nun bemerkt oder nicht.<\/p>\n<p>John P. Barlow, der Vision\u00e4r des Cyberspace, ist vom Rinderz\u00fcchter zum Netizen geworden. Derzeit scheint es mir m\u00f6glich, den Weg auch umgekehrt zu gehen: hinter dem Schlo\u00df-W\u00e4ldchen liegt eine riesige, etwas feuchte Wiese, die offenbar niemandem n\u00fctzt, nur der Vorschrift halber wird sie einmal im Jahr gem\u00e4ht. Die alten und neuen Heuballen liegen herum und faulen vor sich hin. Sicher w\u00e4re die Wiese unproblematisch zu pachten &#8211; w\u00e4r&#8216; es nicht toll, darauf einige schottische Hochlandrinder anzusiedeln?<\/p>\n<p>Gestern kam uns die Idee und meine Recherchen im Netz ergaben, da\u00df es sich hier um die unkompliziertesten Rinder aller Zeiten handelt. Sie k\u00f6nnen ganzj\u00e4hrig drau\u00dfen bleiben, weiden die Wiese ab, bekommen ihre K\u00e4lber ohne Hilfe und halten Temperaturen bis -20\u00b0 locker aus. Und sehen sie nicht erstaunlich aus? Richtige Urviecher &#8211; so ungef\u00e4hr das krasseste Gegenteil einer virtuellen M\u00e4rchengestalt!<\/p>\n<p>Mal sehen, ob sich diese Idee verdichtet. Ich hab&#8216; schon mal an zwei Highlander-Z\u00fcchter gemailt &#8230;. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Charlier schrieb mir folgenden Leserbrief: Liebe Claudia, im Digidiary vom 31.7. hast Du geschrieben: Mittlerweile ist es mehr als das: eine Lustlosigkeit, mich auch noch abends der Online-Welt zuzuwenden, Zeichen und Bilder zu generieren, anstatt physisch und psychisch etwas &#8222;Richtiges&#8220; zu erleben. 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