{"id":4056,"date":"1999-07-28T14:24:33","date_gmt":"1999-07-28T12:24:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4056"},"modified":"2023-12-03T14:28:21","modified_gmt":"2023-12-03T13:28:21","slug":"gottesgabe-tag-14-land-stadt-erwartungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/07\/28\/gottesgabe-tag-14-land-stadt-erwartungen\/","title":{"rendered":"Gottesgabe, Tag 14:  Land, Stadt, Erwartungen"},"content":{"rendered":"<p>So ist das Leben: Gestern noch hatte ich in dieses Diary den Satz geschrieben: &#8222;Nie w\u00fcrde ich einen Rasen anlegen und pflegen..&#8220; und kaum zwei Stunden sp\u00e4ter hat mich mein Lebensgef\u00e4hrte \u00fcberzeugt, da\u00df der meterbreite Beetstreifen direkt ums Haus am besten mit Rasen zu bepflanzen sei, aufgelockert durch einige wenige markante Pflanzen, die so viel besser in ihrer Gestalt zur Geltung k\u00e4men, als inmitten eines wildes Gestr\u00fcpps aus Ackerschachtelhalmen und anderem Spontangr\u00fcn.<!--more--><\/p>\n<p>Und wo er recht hat, hat er recht: schon jetzt sehen die gro\u00dfen Farne inmitten der umgegrabenen und begradigten Erde sehr viel besser aus. So ein bi\u00dfchen ZEN-m\u00e4\u00dfig (&#8230;bis die Hunde dr\u00fcbertoben &#8211; der Rasen ist also unverzichtbar! :-)<\/p>\n<p>Wenn ich so durchs Dorf wandere, bietet sich das in Deutschland West wie Ost bekannte Bild: wundersch\u00f6n gepflegte H\u00e4user, bl\u00fchende G\u00e4rten, Springbrunnen, Gartenskulpturen (praktisch KEINE Gartenzwerge!) und hie und da Gem\u00fcse- und Salatanpflanzungen. Gegeneinander sind die jeweiligen Areale durch Hecken und Z\u00e4une abgegrenzt, oft wacht ein Hund \u00fcber das Anwesen (dar\u00fcber kann ich nicht mehr spotten, seit unser Auto fast geklaut worden w\u00e4re, weil es am Ortsrand stand, v\u00f6llig au\u00dferhalb sozialer Kontrolle).<\/p>\n<p>Das Schlo\u00df f\u00e4llt heraus aus dieser ganzen Anlage. Es bildet den Abschlu\u00df des Dorfes nach Norden hin, weder links noch rechts noch dahinter gibt es Anlieger, die direkten Einblick in den Schlo\u00dfbereich h\u00e4tten. Wir wohnen sozusagen &#8222;au\u00dferhalb&#8220;, wenn auch der Platz vor dem Schlo\u00df fr\u00fcher funktional ein zentraler Dorfplatz war.<\/p>\n<p>Nachbarschaftliche Konflikte k\u00f6nnten also &#8211; schon r\u00e4umlich bedingt- nur zwischen den Mietern im Schlo\u00df auftreten, die allesamt &#8222;Zugezogene&#8220; sind und insofern im selben Boot sitzen. Die Wohnsituation ist ja recht ungew\u00f6hnlich: ein riesiges Arreal aus Wald, Wiese, potentiellen G\u00e4rten, alles ohne Abgrenzung von &#8222;Mein&#8220; und &#8222;Dein&#8220;, und nur wenige Mietparteien, die &#8211; anders als in der Gro\u00dfstadt &#8211; nicht automatisch in der Anonymit\u00e4t der grossen Masse versinken. Doch bin ich optimistisch: mein Focus ist die Arbeit \u00fcbers Netz, nicht irgendeine konkrete Gestaltung im Schlo\u00dfbereich. Soll doch jeder machen, was er\/sie mag &#8211; auf meiner Website bin ich schlie\u00dflich K\u00f6nigin, das reicht mir v\u00f6llig aus! :-)<\/p>\n<h2>Werten &amp; Vergleichen?<\/h2>\n<p>Wenn ich in diesen ersten Wochen auf dem Land die Sch\u00f6nheiten preise, die Luft lobe, die Natur begeistert schildere, so will ich damit nicht die Vorteile und Wunderwerke der Stadt heruntermachen. Lange 45 Jahre lang waren St\u00e4dte f\u00fcr mich der einzig m\u00f6gliche Aufenthaltsort, an dem man leben kann. Der L\u00e4rm, die dicke Luft, die oft mi\u00dflaunig oder agressiv wirkenden Menschenmassen, nicht einmal die deutschlandweit bekannte Miesepetrigkeit der Berliner konnte daran etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es ist nicht besser auf dem Land, es ist anders. Jedem Vorteil, der gegen\u00fcber der Stadt herausragt, steht auch ein Nachteil zur Seite. Zum Beispiel die &#8222;gute Luft&#8220;: Gestern fuhr ich zum Einkaufen ins Nachbardorf und auf zwei Kilometern stank es ganz erb\u00e4rmlich nach Schweineschei\u00dfe! (Offenbar ist jetzt die Zeit, wo sich die Bauern nach dem Abernten der Felder der G\u00fclle entledigen). Wo in der Stadt das Elend in vielen Gesichtern, die Ignoranz, die Einsamkeit, das Konkurrieren um jeden Preis un\u00fcbersehbar ist, tritt auf dem Land dasselbe in Erscheinung, jedoch zuvorderst im Reich der &#8222;Natur&#8220;, der Pflanzen und Tiere, die vom St\u00e4dter gern romantisiert werden. Da herrscht der Kampf aller gegen alle, ganz unverstellt, und man macht sich zwangsl\u00e4ufig Gedanken, inwieweit sich Menschen eigentlich davon unterscheiden.<\/p>\n<p>Ich bin nicht hierher gezogen, um ein Paradies zu finden, erwarte nichts dergleichen. Es war nicht einmal ein Entschlu\u00df im \u00fcblichen Sinn, es hat sich locker ergeben. (Ohne die Einladung unserer Freunde, denen das Schlo\u00df geh\u00f6rt, w\u00e4ren wir nicht gegangen). Doch seit Jahren f\u00fchle ich ein immer st\u00e4rkeres Bed\u00fcrfnis, den Elementen n\u00e4her zu sein, nicht nur &#8222;zu Besuch&#8220;, als sporadischer Tourist. Und je weniger ich von anderen, den Mitmenschen, der Gesellschaft, vom Sozialen allgemein erwartete, desto sp\u00fcrbarer ist dieses Bed\u00fcrfnis. Auf die Frage: &#8222;Was w\u00fcrdest du bedauern, wenn du jetzt stirbst?&#8220; kam die Antwort t\u00e4glich klarer: Da\u00df ich nicht inmitten von Wiesen und W\u00e4ldern, unter Sonne, Regen und Wind gelebt, sondern meine Tage fast ausschlie\u00dflich in H\u00e4userschluchten verbracht habe!<\/p>\n<p>Der j\u00e4hrliche Exodus von Millionen an irgendwelche Str\u00e4nde dieser Welt kommt aus dem gleichen Bed\u00fcrfnis. Wenn ich im Wald stehe und einen alten Baum ansehe, die Rinde anfasse, dann ist in mir eine Resonanz, die ich kaum in Worte fassen kann. Etwas in mir IST dieser Baum, etwas in mir IST die Wespe, die herumfliegt.<\/p>\n<p>Ich erkl\u00e4re es mir als Erbe der Urzeit, als Ged\u00e4chtnis der Zellen, als Erinnerung an alle Entwicklungsstadien, die wir seit der Am\u00f6be, ja seit dem Sternenstaub des Urknalls durchgemacht haben, bevor wir erreichten, was wir heute sind: PC-User, die sich wesentlich \u00fcber Zeichen und Bilder mit der Welt in Beziehung setzen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So ist das Leben: Gestern noch hatte ich in dieses Diary den Satz geschrieben: &#8222;Nie w\u00fcrde ich einen Rasen anlegen und pflegen..&#8220; und kaum zwei Stunden sp\u00e4ter hat mich mein Lebensgef\u00e4hrte \u00fcberzeugt, da\u00df der meterbreite Beetstreifen direkt ums Haus am besten mit Rasen zu bepflanzen sei, aufgelockert durch einige wenige markante Pflanzen, die so viel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[895],"tags":[935,475,936,937],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4056"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4056"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4056\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4056"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4056"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4056"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}