{"id":4051,"date":"1999-07-22T14:05:18","date_gmt":"1999-07-22T12:05:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4051"},"modified":"2023-12-03T14:08:28","modified_gmt":"2023-12-03T13:08:28","slug":"gottesgabe-tag-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/07\/22\/gottesgabe-tag-8\/","title":{"rendered":"Gottesgabe, Tag 8"},"content":{"rendered":"<p>Eine Woche Gottesgabe! Als ordentlicher B\u00fcrger fahre ich jetzt zum Anmelden AUFS AMT nach L\u00fctzow. F\u00fcnf Kilometer gewundene Landstra\u00dfe, teils durch wundersch\u00f6ne mecklenburgische Baum-Alleen. Einige Stra\u00dfen sind noch immer Kopfstein-gepflastert, der Aufschwung Ost hat zumindest hier noch nicht alles glatt gemacht. Rechts und links riesige gelbe Felder, reifer Weizen, ein paar Windr\u00e4der, die der Landschaft etwas k\u00fcnstlerisches geben.<!--more--><\/p>\n<p>Ich fahre langsam, denn es gibt keinen Grund, sich zu beeilen. Sowieso bin ich nach 20 Jahren Berlin keine ge\u00fcbte Autofahrerin und mir sehr bewu\u00dft, da\u00df ich mit dem Lenkrad den schnellen Tod in H\u00e4nden halte. Einen langsamen Laster \u00fcberholen und dabei Gas-gebend auf ein entgegenkommendes Auto zufahren, treibt mir den Schwei\u00df auf die Stirn! Also vermeide ich es, soweit m\u00f6glich &#8211; auf diesen kleine Stra\u00dfen kein Problem, es kommt sowieso nur selten ein Auto.<\/p>\n<p>Auf der Beh\u00f6rde: ich hab&#8216; zwar die Abmeldung dabei, aber nicht den Mietvertrag! Die Sachbearbeiterin sagt mit entschuldigendem L\u00e4cheln: &#8222;Den mu\u00df ich aber einsehen!&#8220; Dann f\u00fcllt sie das Anmeldeformular aus, klebt einen Aufkleber mit der neuen Adresse auf meinen Ausweis, ich unterschreibe. &#8222;Ich verla\u00df mich drauf, da\u00df Sie den Vertrag noch vorbeibringen&#8220;, meint sie und entl\u00e4\u00dft mich als korrekt umgemeldete Neu-Mecklenburgerin. Ja, gibts denn das?<\/p>\n<p>In Berlin nicht. Da h\u00e4tte man mich mi\u00dfgelaunt angemuffelt, was mir denn einfiele, ohne Nachweis des aktuellen Woihnsitzes \u00fcberhaupt zu erscheinen! Da k\u00f6nne ja jeder kommen&#8230;. <\/p>\n<p>Es ist auff\u00e4llig, wie freundlich die Leute hier sind &#8211; im Laden, in der Tankstelle, im Amt. Kein m\u00fchsam aufgesetztes Call-Center-L\u00e4cheln, weil man ja heute &#8222;kunden-orientiert&#8220; sein will. Nein, ganz normale gut gelaunte Menschen, die ihren Job machen und dabei offenbar Spa\u00df haben, sich zumindest nicht krampfhaft nach Mallorca oder ins Wochenende w\u00fcnschen!<\/p>\n<p>Mehr und mehr bemerke ich, was uns in den St\u00e4dten verloren gegangen ist: die Achtung vor dem anderen, die Freude am Mitmenschen. Wo t\u00e4glich Tausende vorbeistapfen, sich in U-Bahnen ballen, auf Stra\u00dfen, Pl\u00e4tzen und in Kaufh\u00e4usern einander anrempeln, alle eingesponnen in ihrem aktuellen &#8222;Um-Zu&#8220;, m\u00f6glichst wenig nach links und rechts schauend, kann diese Freude garnicht mehr aufkommen. Da mu\u00df jemand schon etwas leisten, etwas versprechen, aus dem einen oder anderen Grund zum &#8222;Objekt der Begierde&#8220; werden, bevor ein beide Seiten begl\u00fcckender Kontakt zustande kommt. Allermeist ist der Andere St\u00f6rung, Konkurrent, potentielle Gefahr, Hindernis &#8211; in der Stadt ist Ignoranz \u00dcberlebenstechnik.<\/p>\n<p>Hier dagegen gr\u00fc\u00dft man sich, auch unbekannterweise. Nur weil da ein MENSCH entgegenkommt! Einfach, weil er auch da ist und es GEGEN DAS GEF\u00dcHL gerichtet w\u00e4re, still wegschauend aneinander vorbeizugehen.<\/p>\n<p>In der Stadt ist dieses grunds\u00e4tzliche Gef\u00fchl nicht anders: Es verletzt, einen anderen nicht zu bemerken, bzw. nicht von ihm wahr-genommen zu werden. Aber in den Menschenmassen der Metropolen m\u00fcssen wir \u00fcber dieses Gef\u00fchl hinweggehen, lernen, es nicht mehr zu bemerken. Und wir lernen schnell, passen uns an, vergessen, da\u00df da \u00fcberhaupt etwas war&#8230;. ein weiterer Stein in der Mauer, die alles ausschlie\u00dft, was nicht Verstand, Berechnung, Ziel und Zweck ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Woche Gottesgabe! Als ordentlicher B\u00fcrger fahre ich jetzt zum Anmelden AUFS AMT nach L\u00fctzow. F\u00fcnf Kilometer gewundene Landstra\u00dfe, teils durch wundersch\u00f6ne mecklenburgische Baum-Alleen. 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