{"id":405,"date":"2005-02-24T08:47:36","date_gmt":"2005-02-24T06:47:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=405"},"modified":"2016-02-09T13:36:17","modified_gmt":"2016-02-09T12:36:17","slug":"alt-werden-und-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/02\/24\/alt-werden-und-sterben\/","title":{"rendered":"Alt werden und Sterben"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Du hast nur deshalb Angst vor dem Ersticken, weil du noch nicht mitten drin bist! Sterben ist immer JETZT!&#8220;, sagt M. mein Ex-Lebensgef\u00e4hrte. Unser Gespr\u00e4ch nach dem gem\u00fctlichen gemeinsamen Abendessen, das ich immer Mittwochs f\u00fcr ihn koche, kreist um Tod und Sterben. Genauer gesagt darum, wie wir es gerne h\u00e4tten, wenn&#8217;s soweit ist. Er m\u00f6chte am liebsten drau\u00dfen in der Natur sein, sitzend an einen Baum gelehnt meditieren, bis die Barbiturate wirken. <!--more--><\/p>\n<p>Ich gebe zu bedenken, dass es vielleicht besser w\u00e4re, die Errungenschaften der Medizin zur Verf\u00fcgung zu haben: Selber w\u00e4hlen, wann man lieber das Bewusstsein verliert, anstatt zum Beispiel ein Ersticken zu erleben &#8211; viele Arten des Sterbens aufgrund g\u00e4ngiger Krankheiten sind letztlich ein Ersticken. Wenn ich da drau\u00dfen an einem Baum sterbe, bin ich dem ausgeliefert, was kommt, kann nicht durch verschiedene Drogen und Medikamente die Art der Eindr\u00fccke bestimmen, die mein Bewusstsein noch erreichen.<\/p>\n<p>Einig sind wir uns darin, dass wir das &#8222;wie&#8220; gerne selber bestimmen w\u00fcrden und ganz gewiss keine Lust haben auf das, was heute durchaus \u00fcblich ist: das Hin- und Herschieben Fast-schon-Toter zwischen Pflegeheim und Intensivstation, hoffnungslos, kostenintensiv, menschenunw\u00fcrdig. Die Welt kennt kein &#8222;normales Sterben&#8220; mehr, wer dazu Anstalten macht, wird in den High-Tech-Kampfstand gegen das Unausweichliche verbracht, wo er mittels allerlei krasser Methoden &#8222;stabilisiert&#8220; wird, um dann noch ein wenig weiter zu vegetieren. Bis zum n\u00e4chsten &#8222;Kampfeinsatz&#8220;&#8230;<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir dem ausweichen? Wird sich an der gesellschaftlichen Haltung zu Tod und Sterben etwas ge\u00e4ndert haben, bis wir &#8211; mal von statistischen Lebenserwartungen ausgegangen &#8211; &#8222;dran&#8220; sind? Bei mir w\u00e4re das in drei\u00dfig Jahren, vielleicht zwanzig, wegen jahrzehntelangem Rauchen &#8211; wie wird es DANN sein, wenn all die Alten sowieso kaum mehr<br \/>\nfinanzierbar sind? Wird sich eine neue &#8222;Kultur des selbst bestimmten Sterbens&#8220; entwickeln? Muss Sterben eigentlich f\u00fcr alle Zeit der Schrecken schlechthin, das ganz gro\u00dfe Drama mit viel Leid und Elend sein? Haben nicht andere Kulturen und die Menschen alter Zeiten die Dinge viel gelassener gesehen, als der Tod noch ein selbstverst\u00e4ndlicher Teil des Lebens war?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass es etwas Vermessenes hat, so zu reden, ohne noch selbst &#8222;direkt betroffen&#8220; zu sein. Zwar k\u00f6nnen wir alle jeden Tag sterben, jeder Arztbesuch kann beil\u00e4ufig eine &#8222;finale Diagnose&#8220; mit entsprechender Prognose zu Tage f\u00f6rdern (&#8222;Sie haben vielleicht noch ein halbes Jahr&#8230;&#8220;), doch leben wir in der Regel so, als ginge das alles ewig. Zumindest im ganz normalen Alltag steht uns die eigene Verg\u00e4nglichkeit selten vor Augen, wer schaut da auch gerne hin?<\/p>\n<p>&#8222;Mach dir keine Sorgen!&#8220;, sage ich zu ihm, &#8222;bis es soweit ist, wird sich die neue Sterbekultur entwickelt haben, wenn nicht staatlich gef\u00f6rdert, dann eben privat organisiert!&#8220; Das meine ich durchaus ernst: Es gibt ja jetzt schon Webforen zur Verabredung von Selbstmorden &#8211; wenn das Schule macht, werden sich da gewiss ein paar Dienstleister dran h\u00e4ngen: Sterben im Bayrischen Wald, Sterben zur Sommersonnenwende, Sterben als Massen-Event f\u00fcr alle, die den neuen Drang zur Massenveranstaltung verinnerlicht haben &#8211; sch\u00f6ne, wohl inszenierte Rituale, freudige &#8222;es-ist-geschafft-Feiern&#8220;, warum eigentlich nicht?<\/p>\n<p><a name=\"wer\"><\/a><\/p>\n<p><strong>WER stirbt?<\/strong> Unser Gespr\u00e4ch geht weiter und kommt zur Frage nach dem &#8222;Ich&#8220;. Unser Yogalehrer hat den Weg der Selbsterkenntnis als das Sch\u00e4len einer Zwiebel beschrieben: man entfernt eine Haut, um darunter eine weitere vorzufinden &#8211; und nirgends ist ein Kern, immer nur neue Schalen, in der Tiefe ist &#8211; NICHTS! &#8222;Wir&#8220; existieren gar nicht, wer sollte also sterben? <\/p>\n<p>Das ist eine spirituelle Weisheit, die man halt so h\u00f6rt,  liest, vielleicht bewundert, immer mal wieder im Detail als richtig erlebt, wenn etwas, mit dem man sich heftig identifiziert hat, auf einmal seinen Charakter als &#8222;bedingtes Entstehen&#8220; zeigt. Aber dennoch bleibt im Alltag immer ein Ich-Gef\u00fchl, ein Ich-Gedanke: MEINE Miete muss ich zahlen, da beisst die Maus keinen Faden ab!<br \/>\nGleichzeitig wirkt die Besch\u00e4ftigung mit dieser &#8222;Ich-Illusion&#8220;, wie es manche nennen, immer so, als w\u00e4re es etwas Hilfreiches, zu erkennen, dass da kein ICH ist: nichts, wovon sich sagen lie\u00dfe, es sei sie die Substanz meines ureigenen Seins. Hurrah, ich bin niemand, eigentlich gar nicht da, wer also sollte sterben? <\/p>\n<p>So dachte ich mir das \u00f6fter, wenn ich mal ein Buch dar\u00fcber las, mit leichtem Bedauern, diese &#8222;Erkenntnis&#8220; zwar intellektuell begreifen, aber nicht als lebendige Wahrheit sp\u00fcren zu k\u00f6nnen. &#8222;W\u00fcsste ich nicht, dass ich immer schon tot bin, w\u00fcrde ich es bedauern, aus diesem Leben zu scheiden!&#8220; Selbst der rituelle Todesspruch der Samurai, der diese Wahrheit formuliert, l\u00e4sst doch ahnen, dass auch sie, die stoisch dem Tod ins Auge sehenden Krieger, nicht so g\u00e4nzlich einverstanden waren mit dem je eigenen Ableben, sondern recht nah am Bedauern, nah am Ich-Gef\u00fchl.<\/p>\n<h2>Mitten im Wechsel<\/h2>\n<p>In letzter Zeit stelle ich aber fest, dass es ganz sch\u00f6n irritieren kann, diejenigen Schalen der Zwiebel als blo\u00dfe Schalen zu erkennen, die recht weit innen liegen! Da ich mit f\u00fcnfzig mit allerlei Ver\u00e4nderungen meines Lebensgef\u00fchls rund um die kommende Menopause rechne, hab&#8216; ich mich ein wenig intensiver mit dem Hormongeschehen auseinander gesetzt, mich informiert, was genau weibliche und m\u00e4nnliche Sexualhormone sind und was sie bewirken. Dabei stellte ich fest, dass ich bereits &#8211; zumindest hormonell gesehen &#8211; inmitten des Wechsels bin: ohne einen Test gemacht zu haben, wei\u00df ich, dass das \u00d6strogen weniger geworden ist und das (m\u00e4nnliche) Testosteron nun ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht hat: ich f\u00fchle mich sehr viel freier und selbstbewusster als fr\u00fcher, kann viel bestimmender auftreten, habe kein Problem damit, in Widerspruch zu irgendwem zu geraten: sei es der Geliebte, die Freunde, die Gesellschaft im Ganzen. Dass &#8222;da drau\u00dfen&#8220; in vieler Hinsicht Wahnsinn und Chaos herrschen, wirft mich nicht mehr um, bzw. stellt MICH vor mir selbst nicht in Frage. Auch s\u00e4mtliche Erpressbarkeiten auf der Beziehungsebene sind Vergangenheit &#8211; wunderbar! Nun lese ich, dass diese Befindlichkeit wesentlich durch das neue \u00dcbergewicht des Testosteron gest\u00fctzt, ja bedingt ist &#8211; wenn auch die FORM, in der ich das erlebe, durchaus &#8222;eigen&#8220; ist. Allerdings ist auch dieses &#8222;Eigene&#8220; wiederum auf die ganz pers\u00f6nliche Geschichte zur\u00fcckzuf\u00fchren, beginnend mit der Kindheit bis zum heutigen Tag. <\/p>\n<p>Da weht mich dann so ein &#8222;Hauch von Nicht-Sein&#8220; an, der ganz sch\u00f6n irritierend ist. Was immer ich betrachte, hat seine Ursachen und Bedingungen &#8211; und eben auch seine stoffliche Basis. Mittels der passenden Medikamente und Drogen ist es locker m\u00f6glich, die innersten  Gef\u00fchle, das Zentrum des Ich-Gef\u00fchls, drastisch zu ver\u00e4ndern: von Depression zur Euphorie, von Gleichg\u00fcltigkeit zu nerv\u00f6ser Getriebenheit &#8211; und es braucht noch nicht mal solche Mittel, allein schon die Ern\u00e4hrung \u00e4ndert das Befinden!<\/p>\n<p>WO also bin ICH? Ist da JEMAND? Wer sitzt hier am Monitor und schreibt das alles auf? Noch sind solche Anmutungen und Irritationen des Ich-Empfindens zeitweise Anwandlungen &#8211; aber sind sie nicht auch eine Perspektive? Ist es DAS, wohin ich mich  wandle in diesen Jahren des Wechsels: weg vom Ich?<\/p>\n<p>Was daraus folgt, wenn dem so w\u00e4re, ist eine g\u00e4nzlich unbekannte Art von Freiheit. N\u00e4mlich die Freiheit, die Interessen, die &#8222;ich&#8220; vertrete, selbst zu w\u00e4hlen. Jetzt bin ich, egal was ich dar\u00fcber denken mag, doch immer noch und praktisch auf allen Ebenen im Dienste meiner EIGENEN Interessen gefangen: \u00dcberleben, GUT leben, dieses und jenes erreichen, was in diesem Zusammenhang n\u00fctzlich sein k\u00f6nnte. Wollen und f\u00fcrchten, streben und fl\u00fcchten, einen m\u00f6glichst guten Eindruck machen, geliebt werden wollen &#8211; die immer gleiche Maloche zugunsten eines Ichs, das sich mehr und mehr als substanzlos erweist. Und das den ganzen Aufwand also gar nicht lohnt<\/p>\n<p>Was werde ich TUN, wenn dieses Ich und seine langweiligen Interessen nicht mehr Leitlinie des t\u00e4glichen Handelns ist? Wie wird der Blick auf die Welt sich ver\u00e4ndern &#8211; und die Gef\u00fchle? <\/p>\n<p>Ich werde es erleben. Alt werden ist eine verdammt spannende Angelegenheit!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Du hast nur deshalb Angst vor dem Ersticken, weil du noch nicht mitten drin bist! 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