{"id":4043,"date":"1999-09-19T13:19:03","date_gmt":"1999-09-19T11:19:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4043"},"modified":"2023-12-03T13:23:26","modified_gmt":"2023-12-03T12:23:26","slug":"gottesgabe-tag-5-autoklau-stromaussfall-und-illja-richter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/09\/19\/gottesgabe-tag-5-autoklau-stromaussfall-und-illja-richter\/","title":{"rendered":"Gottesgabe, Tag 5: Autoklau, Stromaussfall und Illja Richter"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Da kommt nicht MEHR&#8220;, schrieb ich gestern morgen \u00fcber das ereignislose Dasein auf dem Dorf, doch da klingelte es pl\u00f6tzlich an der T\u00fcr. Die Polizei sei bei unserem Auto, sagte der Nachbar, irgendwas sei passiert. Wir eilten zum Parkplatz in etwa 30 Meter Entfernung vom Schlo\u00df und sahen die Bescherung: Das hintere Fenster eingeschlagen, alles voller Glasscherben, zwei Polizeibeamte telefonnierten mit ihrem Handys nach der Kriminalpolizei. &#8222;Nichts anfassen!&#8220;, sagten sie mitf\u00fchlend, und da\u00df das St\u00fcmper gewesen seien, sonst h\u00e4tten sie es n\u00e4mlich geschafft, das Auto mitzunehmen. Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck also, so eine Scheibe l\u00e4\u00dft sich ja leicht ersetzen! Schlimmer hatte es das Nachbarauto erwischt, dessen Lenkradschlo\u00df die M\u00f6chte-Gern-Diebe aufgebrochen hatten. Ihr Versuch, den Wagen anzuschieben, war allerdings mi\u00dflungen, sie lie\u00dfen es mitten auf der Stra\u00dfe stehen. Und DAS war den Polizisten aufgefallen&#8230;.<!--more--><\/p>\n<h2>Feindliche Ossis?<\/h2>\n<p>Ich mu\u00dfte an die warnenden Worte eines Auftraggebers denken, der zu meinem anstehenden Umzug gesagt hatte: <strong>&#8222;Passen Sie auf! Da im Osten wohnen lauter verzweifelte Menschen, die Ihnen alles kaputt schlagen.&#8220;<\/strong> Na, die Leute jedenfalls, die wir bisher kennengelernt haben, sind durchweg freundliche selbstbewu\u00dfte Leute, die kein St\u00fcck an die Gestalten erinnern, die in den Feuilletons gro\u00dfer Zeitungen als mi\u00dfgelaunte und vom &#8222;Aufschwung Ost&#8220; entt\u00e4uschte Ureinwohner vorgef\u00fchrt werden (genauso hoffe ich, kein &#8222;typischer&#8220; Besserwessi zu sein&#8230;). Trotzdem fragte ich: &#8222;Meinen Sie, da\u00df das Berliner Nummernschild besonders anregend wirkt?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein, nein, die Zeiten sind lange vorbei!&#8220;, sagte der Polizeibeamte, &#8222;die kommen aus Schwerin und ziehen nachts \u00fcber die D\u00f6rfer, knacken Autos und fahren &#8218;rum, bis das Benzin alle ist&#8220;. Aha, nichts Ungew\u00f6hnliches also, kommt \u00fcberall vor und der Parkplatz am Dorfrand ist ja wirklich einladend. Auf einmal verstehen wir besser, warum hier in jedem zweiten Haus ein gro\u00dfer Hund lebt, der laut bellt, wenn jemand vorbeikommt&#8230;<\/p>\n<p>Nachdem der Aktenlage gen\u00fcge getan und die Beamten gegangen waren, kehrten wir die Scherben auf, bastelten aus der Pappe einer Umzugskiste ein Ersatzfenster, verklebten alles sch\u00f6n mit Packband und stellten das Auto erstmal ins ehemalige Feuerwehrh\u00e4uschen in Sicherheit. Nun wollte ich ein Schild &#8222;Einfahrt frei halten&#8220; ausdrucken &#8211; aber komischerweise war der Bildschirm schwarz! Kein Festplattenrauschen, alles tot! Stromausfall im ganzen Haus, auch das Wasser weg. Wieder erkundigten wir uns bei den Nachbarn, was davon zu halten sei und ob man etwas unternehmen m\u00fcsse. &#8222;Kommt \u00f6fter mal vor&#8220;, hie\u00df es, &#8222;dauert vielleicht eine Stunde&#8230;&#8220;. Naja, eine Stunde Zwangspause ist zu ertragen, doch ich dachte kurz dar\u00fcber nach, ob ich mir nicht doch einen Notebook mit mehreren Akkus anschaffen sollte, f\u00fcr den Fall, da\u00df es einmal l\u00e4nger dauert.<\/p>\n<p>Mittlerweile war es Nachmittag und wir beschlossen, unseren Schwerin-Besuch doch noch zu unternehmen. In einer Berliner Zeitung hatte ich gelesen, da\u00df da immer &#8222;verkaufsoffener Sonntag&#8220; sei und das wollten wir f\u00fcr ein paar Eink\u00e4ufe nutzen. Die 9 km sind ja nur ein H\u00fcpfer&#8230;<\/p>\n<p>Wir parkten auf einem bewachten Parkplatz, zahlten zwei Mark f\u00fcnfzig f\u00fcr das Gef\u00fchl, unser Auto sicher abgestellt zu haben, und wanderten durch die Stra\u00dfen im Zentrum. Von wegen verkaufsoffen! Das einzig offene neben den Caf\u00e9s in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ist das Schlo\u00dfparkcenter, die \u00f6rtliche Mall. Wir betraten die nagelneue Konsumkathedrale, die &#8211; genau wie das Zentrum insgesamt &#8211; einen seltsam leeren Eindruck machte. Alles sieht dort genauso aus, wie in den neuen Arkaden am Potsdamer Platz, genauso, wie wahrscheinlich alle Malls aussehen, diesselben Gesch\u00e4fte, die gleiche Sauberkeit und Aufger\u00e4umtheit, dasselbe erh\u00f6hte Preisniveau &#8211; und alles so arrangiert und \u00fcbertrieben schick ausgebreitet, als sei das ganze Jahr Weihnachten. Nur die Menschenmengen fehlen, die hier eigentlich dazugeh\u00f6ren und so wirkt das Ganze ein wenig gespenstisch, wie eine aufwendige Theaterpremiere vor drei G\u00e4sten.<\/p>\n<p>Wieder unter freiem Himmel, entdeckten wir ein winziges Caf\u00e9 am Dom mit nur vier, noch dazu freien Sitzpl\u00e4tzen auf der kleine Gasse. Wir tranken einen Cappuchino, neben uns setzen sich zwei Frauen mittleren Alters &#8211; man gr\u00fc\u00dft sich hier, sogar in der Stadt!<\/p>\n<p>Eine Gestalt mit Hut, Schal und trotz Hitze langem Mantel n\u00e4herte sich von links. Die Frauen wurden auf den Mann aufmerksam, der sich prompt ausladend vor ihnen verbeugte und in schauspielerhafter Manier begann, mit ihnen zu plaudern. &#8222;Lassen Sie mich jetzt einfach gehen&#8220;, sagte er zum Abschied mit leiser Stimme, &#8222;ein St\u00fcck von mir bleibt ja doch immer zur\u00fcck&#8220;. Ich wunderte mich: ob da die Stadt einen Schauspieler angeheurt hatte, um den Touristen etwas zu bieten? Oder ob der Mann in seiner Maniriertheit einfach ein komischer Kauz war, ein klein wenig verr\u00fcckt vielleicht, so wie jede Stadt ihre &#8222;Originale&#8220; hat?<\/p>\n<p>&#8222;Das war doch Illja Richter!&#8220;, sagte mein Lebensgef\u00e4hrte, &#8222;kennst du den denn nicht mehr?&#8220;. Doch, kenn&#8216; ich &#8211; aber bisher noch nicht als graumelierten Mittf\u00fcnfziger, der durch Schweriner Gassen wandelt wie der Graf von Saint Germain&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Da kommt nicht MEHR&#8220;, schrieb ich gestern morgen \u00fcber das ereignislose Dasein auf dem Dorf, doch da klingelte es pl\u00f6tzlich an der T\u00fcr. Die Polizei sei bei unserem Auto, sagte der Nachbar, irgendwas sei passiert. 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