{"id":4042,"date":"1999-07-18T13:16:30","date_gmt":"1999-07-18T11:16:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4042"},"modified":"2023-12-03T13:19:00","modified_gmt":"2023-12-03T12:19:00","slug":"gottesgabe-tag-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/07\/18\/gottesgabe-tag-4\/","title":{"rendered":"Gottesgabe, Tag 4"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend ich in Berlin jeweils mittags einen Spaziergang in den nahe gelegenen Park unternahm, ist hier eher der Abend die Zeit zum Herumgehen. &#8222;Herumgehen&#8220; &#8211; schon die Wortwahl zeigt, da\u00df es hier eher seltsam wirkt, durch die Gegend zu laufen. Fast niemand tut das, wir begegnen keinem Menschen, wenn wir auf einem der drei m\u00f6glichen Wege ein St\u00fcck vom Dorf weg in Richtung des n\u00e4chsten laufen.<!--more--><\/p>\n<p>Auf dem Land geht man nicht spazieren, stelle ich fest. Das ist auch kein Wunder, denn die H\u00e4user, an denen wir vorbeikommen, haben alle wundersch\u00f6ne, aufwendig gepflegte G\u00e4rten. Der Landmensch arbeitet in seinem Garten oder sitzt dort und genie\u00dft das Erreichte &#8211; warum durch vergleichsweise \u00f6de Stra\u00dfen wandern, entlang an ost-typisch endlosen Weizenfeldern?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, warum doch: der Blick in die Weite, in die ganz leicht gewellte Landschaft aus Feldern, kleinen W\u00e4ldchen und Alleen, hinten ein paar Windr\u00e4der, die sich vor der untergehenden Sonne in den spektakul\u00e4ren Himmel strecken &#8211; obwohl es eine Kulturlandschaft ist, f\u00fchle ich in diesem Blick die Unabh\u00e4ngigkeit der Erde, die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem Menschen. Und das hat etwas beruhigendes. Was immer uns umtreibt, Liebesdinge, Gesch\u00e4fte, Politik, die oft nervigen Kleinigkeiten des Alltags &#8211; was ist das schon, angesichts des Ganzen?<\/p>\n<p>Mein Lebensgef\u00e4hrte hat den v\u00f6llig zugewachsenen Garten gerodet. Es wird viel Arbeit machen, in dieser Wildnis wieder eine Reihe bepflanzbarer Beete herzurichten &#8211; wahrscheinlich werden wir schon bald auch weniger &#8222;herumgehen&#8220;&#8230;.<\/p>\n<p>Zur Welt der Symbole, zum Geschriebenen und zur ganzen Online-Welt empfinde ich eine nicht unangenehme Distanz: gut, da\u00df es das auch gibt, aber es ist lange nicht alles. Nat\u00fcrlich wei\u00df das jeder &#8211; aber in der Stadt f\u00fchlt man es nicht, dort ist fast alles Symbol, &#8222;Um-zu&#8220;, Bedeutugstr\u00e4ger &#8211; alle Aktivit\u00e4ten scheinen auf etwas gerichtet, was sp\u00e4ter einmal kommen soll. Die ganze &#8222;Umwelt&#8220; unterst\u00fctzt mit ihren vielf\u00e4ltigen Eindr\u00fccken das stete Plappern im Kopf, das dauernde Kommentieren und R\u00e4sonnieren, Bewerten und Kritisieren. Das ist hier nicht so. Alles ist, wie es ist, da kommt nicht MEHR. Und es gibt nicht allzuviel dazu zu sagen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Leute fragen: &#8222;Ja, wirst du es dort denn aushalten?&#8220;.<\/p>\n<p>Mal sehen. Noch genie\u00dfe ich es &#8211; und au\u00dferdem bin ich nicht hier festgenagelt. (In Berlin war ich das, wo es eineinhalb Stunden Fahrt durch schlimmsten Stadtverkehr erfordert, bevor man aus dem H\u00e4usermeer herauskommt.) Heute nachmittag werden wir zum ersten Mal nach Schwerin fahren (9 km), da ist sogar &#8222;verkaufsoffener Sonntag&#8220;&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend ich in Berlin jeweils mittags einen Spaziergang in den nahe gelegenen Park unternahm, ist hier eher der Abend die Zeit zum Herumgehen. &#8222;Herumgehen&#8220; &#8211; schon die Wortwahl zeigt, da\u00df es hier eher seltsam wirkt, durch die Gegend zu laufen. 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