{"id":404,"date":"2005-02-03T09:42:13","date_gmt":"2005-02-03T07:42:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=404"},"modified":"2009-12-28T14:29:23","modified_gmt":"2009-12-28T12:29:23","slug":"blicke-nach-drinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2005\/02\/03\/blicke-nach-drinnen\/","title":{"rendered":"Blicke nach drinnen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, entstehen dort kreisf\u00f6rmige Wellen, die h\u00fcbsch anzusehen sind. Wenn es windig ist und die Wasseroberfl\u00e4che nicht g\u00e4nzlich ruhig, sind sie weniger sch\u00f6n: verzerrt, auseinander gerissen, chaotisch.<\/p>\n<p>H\u00e4tte der Stein ein Selbstbewusstsein, w\u00fcrde er vielleicht denken: <em>&#8222;Oh, wie gro\u00dfartig! Ich bin ein Genie: so tolle Kreise hat noch keiner hingekriegt!&#8220;<\/em> Und im andern Fall w\u00fcrde er sich in Selbstvorw\u00fcrfe st\u00fcrzen: <em>&#8222;Mist, ich kann es nicht, ich bin vollkommen unf\u00e4hig!&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p>Oft geht es mir nicht anders als dem Stein. Ich bin identifiziert mit den Wirkungen meines Tuns oder Lassens und vergesse, dass auch ich geworfen werde. Vielf\u00e4ltige &#8222;Ursachen&#8220; bewirken mein Handeln,  mein Begehren und Bewerten: Selbst wenn ich lange nachdenke und eine Sache von allen Seiten betrachte, bevor ich mich entschlie\u00dfe, etwas Bestimmtes zu tun, ist die Lage nicht anders. Die, die ich geworden bin, kann nicht anders, sondern eben &#8222;nur so&#8220;. Das ist dann der &#8222;Klinger-Stil&#8220; im Umgang mit dem Leben und \u00fcblicherweise ist all dieses Erleben, Abw\u00e4gen und Handeln mit dem Gef\u00fchl eines ICHs verbunden, das Tr\u00e4ger all dieser Handlungen ist und sich in diesem Rahmen frei f\u00fchlt.<\/p>\n<p>\u00dcber dieses Thema ist schon viel philosophiert worden, doch die abstrakte Fragestellung, wie &#8222;frei&#8220; der Mensch \u00fcberhaupt sein kann, interessiert mich nicht mehr so. Mir geht es um die Praxis, das t\u00e4gliche Leben. Da finde ich mich immer wieder in mehr oder weniger irrationalen Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten verhaftet:  Ich rauche, ich sehne mich nach Arbeit A, wenn ich gerade B verrichten muss, worauf ich mich vorgestern noch richtig freute. Ich klebe vor dem PC, auch wenn der K\u00f6rper lange schon signalisiert, dass es genug sei. Und ich h\u00e4nge am regelm\u00e4\u00dfigen Besuch der Sauna, als sei sie der Garant f\u00fcrs Seelenheil, obwohl  ich doch da  nur ein bisschen schwitze.<\/p>\n<p>Wenn es mich nach etwas verlangt, f\u00fchle ich mich ganz besonders stark als &#8222;Ich&#8220;: Ich bin so bescheuert, ab und an Lust auf ein fettes Eisbein mit Sauerkraut zu haben &#8211; nun ja, das bin halt ICH!  Deshalb, oder wegen all der anderen Verr\u00fccktheiten, die MEIN Leben ausmachen,  lass ich mir doch von niemandem an den Karren fahren! Ich bin 50 und darf endlich ALLES. Wer sollte mir mit welchem Recht sagen, ich sei auf dem falschen Dampfer? Auf dem falschen Dampfer ganz ich selbst sein ist schlie\u00dflich immer noch besser, als mich zu verkrampfen und st\u00e4ndig anders sein zu wollen &#8211; mit meistens eher weniger als mehr Erfolg. <\/p>\n<h2>Ran an den Feind&#8230;<\/h2>\n<p>Richtig und falsch:  Lange Zeit kommen diese Bewertungen von au\u00dfen, man versucht, sich danach zu richten oder dagegen zu rebellieren. Die Gesellschaft, die Herrschenden, die abendl\u00e4ndische Kultur, die Megamaschine &#8211; alles b\u00f6se, wahnsinnig, bek\u00e4mpfenswert!<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter ist es dann der eigene Verstand, der der Feind zu sein scheint: Was nicht &#8222;verstanden werden&#8220; kann, was irrational und unlogisch ist, ist irgendwie nicht in Ordnung. Als Gegenwehr gegen diese allzu beschr\u00e4nkte Sicht beginnt man, gegen den eigenen Verstand anzugehen: Ich bin doch nicht nur Gro\u00dfhirnrinde &#8211; der ganze gro\u00dfe Rest will auch sein Recht, seine Freude und seine Spielfelder im Leben! F\u00fchlen, Intuitionen, &#8222;innere Gewissheiten&#8220; werden auf einmal die wesentlichen Identifikationspunkte: Weil ICH es will, ist es gut so! Niemand muss mich verstehen, auch nicht der eigene Verstand. Freiheit ist, einfach da sein und so sein, wie ich nun mal bin.  Wenn ich damit aufh\u00f6re, st\u00e4ndig eine Andere sein zu wollen, ist alles gut.<\/p>\n<p><strong>Punkt, Schluss!?<\/strong> Zu Ende philosophiert f\u00fcr dieses Leben? In letzter Zeit bemerke ich das Auftauchen eines neuen Gef\u00fchls, das man leicht mit alten, lange \u00fcberwundenen psychischen Instanzen verwechseln k\u00f6nnte. (Zum Beispiel mit dem inneren Sklaventreiber, der sich stets zu Wort meldet und sagt: Du SOLLTEST ..! ) Und doch ist es ganz anders, nicht vorwurfsvoll, nicht dr\u00e4ngend, nicht verurteilend &#8211; mehr eine Frage, die gelegentlich auftaucht, wenn ich mal wieder viel Herzblut auf mein &#8222;So-Sein&#8220; verwende, wenn ich meine pers\u00f6nliche Freiheit, bzw. das, was ich daf\u00fcr halte, einfach genie\u00dfe: Ist das schon alles? Willst du das jetzt bis ans Lebensende so betreiben?  Jaaaa, du kannst! Du darfst! Niemand redet dir rein und wenn es jemand tut, l\u00e4sst du dich nicht beirren. Nun und? WAS f\u00e4ngst du damit an?<\/p>\n<p>Es ist KEIN schlechtes Gewissen, wie man meinen k\u00f6nnte. Sondern eher wie unerf\u00fcllte Liebe &#8211; die ganz gro\u00dfe Liebe, die sich niemals mittels eines konkreten Menschen erf\u00fcllt. Eine Liebe zu ALLEM &#8211; und die Unzufriedenheit entsteht daraus, dass sie sich nicht genug verstr\u00f6men und mitwirken kann, wenn ich meine Lebensenergie allzu sehr aufs ganz pers\u00f6nliche Streben, was immer es gerade sein mag,  konzentriere.<\/p>\n<p>Mir einen Ruck geben und &#8222;was N\u00fctzliches tun&#8220; ist da nicht das Mittel der Wahl. Das habe ich im Leben allzu oft praktiziert, es ist nur Kratzen an der Oberfl\u00e4che. Ich kann mit dem Verstand (noch?) nicht sagen, WAS  die andere Qualit\u00e4t ausmacht, bzw. ausmachen w\u00fcrde, wenn ich dem folge. Im Moment wei\u00df ich nicht mal, wie ich &#8222;dem folgen&#8220; sollte! Also halte ich mich an das, was ich bereits kenne: Hinsehen, genau hinsehen, was geschieht &#8211; ohne Bewertung, ohne Umerziehungsabsichten. <\/p>\n<h2>Kein Nest nirgends<\/h2>\n<p>Als ich vor vielen Jahren mal das Gl\u00fcck hatte, mehrere Monate in einem Toskanischen Bauernhaus verbringen zu k\u00f6nnen, schaute ich mir mangels Alternative auch alles sehr genau an. Damals war es ein Blick nach drau\u00dfen:  die Natur, das Wetter, die Pflanzen und Tiere, die Nachbarn und ihre Aktivit\u00e4ten, die Anwohner und Touristen. Insbesondere die Insekten fand ich sehr interessant, wohl deshalb, weil mich manche davon erschreckten oder gar anekelten. Das gab sich im Lauf meiner Beobachtungen. Ich begann, sie zu bewundern, und auch, sie ein bisschen zu erforschen.<\/p>\n<p>Da war etwa ein kleines Wespennest am oberen Ende eines Balkens, der am Zaun zwischen Wiese und Weg lehnte. Nachts, als die vielleicht drei\u00dfig Bewohnerinnen nicht mehr wild herum flogen sondern friedlich schliefen, l\u00f6ste ich das Nest vom Balken und legte es auf einen anderen Balken, einen guten  Meter entfernt. Am Morgen sah ich dann, wie die Wespen ausflogen, aber nicht zur\u00fcck fanden. Sie umschwirrten den urspr\u00fcnglichen Balken, die Stelle, an der das Nest gehangen hatte und ich fragte mich, was sie dort wohl hinzog. Da war ja nichts mehr!<\/p>\n<p>Lange sah ich ihnen zu. Ihre bewusstlose Automatenhaftigkeit irritierte mich, sie gefiel mir nicht. Ich sp\u00fcrte Bedauern, Mitgef\u00fchl &#8211; aber nicht so sehr f\u00fcr DIESE drei\u00dfig Wespen, die ihre Heimat verloren hatten, sondern f\u00fcr alle Wespen und Insekten, die ihren inneren Programmierungen folgen (m\u00fcssen&#8230;), ohne den Schimmer einer Chance, zu erkennen, was wirklich los ist. Ohne jede M\u00f6glichkeit, zu lernen, das gr\u00f6\u00dfere Ganze in den Blick zu nehmen und entsprechend zu  handeln. Wie furchbar!<\/p>\n<p>Kann ICH das denn?  Erkenne ICH im Fall des Falles, dass &#8222;da kein Nest ist&#8220;, wenn ich mich zielstrebig und voller Verlangen in eine Richtung bewege, in die es mich zieht? Sehe ich, &#8222;dass da nichts mehr ist&#8220;, wenn ich zum Beispiel in Folge immer noch vorhandener psychischer Altlasten nach DIESEM strebe und JENES vermeide?<\/p>\n<p>Es f\u00fchlt sich seltsam an, sich als eine solche Wespe zu erkennen. Wenn das innerste Verlangen nicht &#8222;Ich&#8220; ist, sondern auch nur ein Programm, das ins Leere l\u00e4uft &#8211; was dann? WER bin ich dann?<\/p>\n<p>Jedenfalls bin ich sehr gespannt, ob dieses &#8222;Sehen&#8220; etwas \u00e4ndert! Kann ich aufh\u00f6ren, das Nest zu suchen, wo es keines mehr gibt? Vielleicht niemals eins gegeben hat?<\/p>\n<p>Schau&#8217;n wir mal!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, entstehen dort kreisf\u00f6rmige Wellen, die h\u00fcbsch anzusehen sind. 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