{"id":4037,"date":"1999-06-21T13:08:49","date_gmt":"1999-06-21T11:08:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4037"},"modified":"2023-12-03T13:10:41","modified_gmt":"2023-12-03T12:10:41","slug":"wetter-ohne-show","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/06\/21\/wetter-ohne-show\/","title":{"rendered":"Wetter ohne Show"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Gestern sind wir also dort gewesen. \u00dcber die Autobahn sind es gut zwei Stunden bis Schwerin, dann verfahren wir uns noch regelm\u00e4\u00dfig, bis wir die &#8222;gelbe&#8220; Stra\u00dfe nach Gottesgabe finden. Ein freundlicher Tankstellen-Betreiber half uns weiter, wir h\u00f6rten zum ersten Mal den Sprachsound des Nordens &#8211; Ost oder West macht da offenbar keinen gro\u00dfen Unterschied!<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Als wir die &#8222;Auffahrt&#8220; zum Schlo\u00df gefunden und das Auto abgestellt hatten, dachte ich beim Anblick des wei\u00df gestrichenen Hauses mit der Freitreppe und dem Rosenrondell davor: DA WOHNE ICH JETZT. Das ist mein neues Zuhause! Den Gedanken werde ich noch eine Zeit lang \u00fcben m\u00fcssen, bevor er mir selbstverst\u00e4ndlich vorkommt. Zu verschieden ist alles von meiner jetzigen Bleibe im Herzen Berlins, wo der Ausblick auf die H\u00e4userschluchten immer nur ein kleines St\u00fcck Himmel \u00fcbrig l\u00e4\u00dft und der L\u00e4rmpegel es oft n\u00f6tig macht, zum Telefonieren die Fenster zu schlie\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> In Gottesgabe ist es dagegen still, eine unglaubliche, wunderbare Ruhe, die am Sonntagmorgen nicht mal durch einen Rasenm\u00e4her gest\u00f6rt wird. Wir wanderten ergriffen ums Haus und begr\u00fc\u00dften einige Mieter, die drau\u00dfen fr\u00fchst\u00fcckten, stellten uns als &#8222;die Nachmieter vom Stober&#8220; vor und lie\u00dfen uns von den Hunden beschn\u00fcffeln, damit sie nicht mehr bellen, wenn sie uns sehen. Dann betraten wir UNSERE Wohnung. Leere R\u00e4ume, frei von allem Ger\u00fcmpel, Marmorfu\u00dfboden im Erdgescho\u00df, Parkett im oberen Stock, wo ich wohnen werde. Leere R\u00e4ume sind faszinierend, es sind R\u00e4ume der M\u00f6glichkeiten und wenn ich es schaffe, werde ich versuchen, viel von dieser Leere zu erhalten. Das wird nicht schwer werden, denn in meinem Stockwerk sind es zwei Zimmer und eine gro\u00dfe Diele &#8211; soviel Platz wie nie zuvor!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Nach einem Kaffee in der schon teilweise eingerichteten Wohnung unserer Freunde, die uns ihren Schl\u00fcssel mitgegeben hatten, wanderten wir durch den &#8222;Schlo\u00dfpark&#8220;, die gro\u00dfe Wiese hinter dem dreieckigen Haus, die verwilderten G\u00e4rten, die sich \u00f6stlich des Hauses in eine Senke erstrecken, das kleine W\u00e4ldchen hinter der Wiese mit riesiegen, uralten Eichen und gro\u00dfen Akazien. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Es war nun nicht mehr still, denn Wind war aufgekommen. Und was f\u00fcr ein Wind! Er blie\u00df dunkle Wolkengebirge vor sich her und wehte mir warm ins Gesicht, ich sp\u00fcrte ihn durch die Kleider, fast wie eine Massage. Je nachdem, wie die Sonne es noch schaffte, durch die Wolken zu scheinen oder nicht, \u00e4nderte sich die Stimmung rundum von Sekunde zu Sekunde. Und meine Stimmung \u00e4nderte sich mit! Von einer Art freudiger Gl\u00fcckseligkeit hin zur Melancholie, dann wieder eine erregte Spannung angesichts von etwas Unbekanntem, das sich da in den Wolkent\u00fcrmen gleich zeigen w\u00fcrde, fast, als k\u00e4me gleich Gott um die Ecke. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Ich bin ein Resonanzk\u00f6rper f\u00fcr die Elemente und schwinge einfach mit, eine Qualit\u00e4t, die in der Stadt nur selten sp\u00fcrbar wird. Dort richtet sich das Empfinden auf die Schwingungen des Sozialen, auf die Ausstrahlung der Menschen und ihrer Ger\u00e4te. Doch unter dem weiten Himmel, umgeben von rauschenden B\u00e4umen und fl\u00fcsternden Zweigen wird der Gef\u00fchlsk\u00f6rper einer Generalreinigung unterzogen. Kein Gedanke schafft es, sich da wirklich festzuhalten, keine Gr\u00fcbeleien und \u00dcberlegungen schotten mich von der Umgebung ab, die sich direkt in den Empfindungen spiegelt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Ich wei\u00df, da\u00df ich mich daran gew\u00f6hnen werde, da\u00df es nicht so beeindruckend bleiben wird. Da\u00df es auch im Wald von Gottesgabe m\u00f6glich sein wird, \u00fcber das n\u00e4chste Webprojekt nachzudenken &#8211; aber es wird vergleichsweise leicht sein, es zu lassen. Das geht auch in der Stadt, keine Frage. Aber in der Stadt mu\u00df ich mich dann erst einmal mit vielem konfrontieren, was nicht gerade die Laune hebt: mi\u00dfmutige unfreundliche Menschen mit verschlossenen Mienen, die ihre Agressivit\u00e4t an den Dingen auslassen, M\u00fcll verstreuen und Hausw\u00e4nde beschmieren (ich rede nicht von SCH\u00d6NER Grafitti!). Luft, die nach Benzin und F\u00e4ulnis riecht, so da\u00df mein Geruchsempfinden weitgehend stillgelegt ist, das donnernde L\u00e4rmen des Verkehrs und der Baumaschinen, und &#8211; wenn es warm ist &#8211; laute Musik aus den offenen Fenstern, extra aufgedreht um andere zu \u00fcbert\u00f6nen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Es gibt nat\u00fcrlich auch in der Stadt das Sch\u00f6ne, die Fr\u00f6hlichkeit, das Feiern auf den Festen, die Stra\u00dfen mit den vielen Caf\u00e9s und dem s\u00fcdl\u00e4ndischen Flair. die unglaubliche Vielfalt der Gesichter, K\u00f6rper und Klamotten, und schlie\u00dflich Kunst und Kultur. All das wird mir fehlen, ich wei\u00df. Doch hier &amp; jetzt, seit 20 Jahren schon darin lebend, nehme ich es sowieso kaum mehr wahr. Dazu mu\u00df ich erstmal weg, hin zur anderen Seite des Daseins, wo die Elemente dominieren und nicht die Kultur. Von dort aus werde ich Berlin und andere St\u00e4dte besuchen und bestimmt viel Freude haben!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Meine Freundin Jolly, die uns gestern nach Gottesgabe begleitet hat, sagte mal: drau\u00dfen bekommt man von allen Seiten etwas geschenkt. Das stimmt. In der Stadt ist es sehr viel mehr von meiner bereits vorhandenen Befindlichkeit und Stimmung abh\u00e4ngig, wie ich das &#8218;Au\u00dfen&#8216; wahrnehme: deprimierend oder fr\u00f6hlich, bunt oder grau in grau, friedlich oder agressiv. In der Welt der Elemente dagegen bin ich auf entspannende Weise zweitrangig. Hitze und K\u00e4lte, Wind, Regen, Sonne und die Ger\u00fcche der Erde spielen die erste Geige. Ich freu&#8216; mich drauf.<br \/>\n<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern sind wir also dort gewesen. \u00dcber die Autobahn sind es gut zwei Stunden bis Schwerin, dann verfahren wir uns noch regelm\u00e4\u00dfig, bis wir die &#8222;gelbe&#8220; Stra\u00dfe nach Gottesgabe finden. 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