{"id":4032,"date":"1999-06-16T12:50:20","date_gmt":"1999-06-16T10:50:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4032"},"modified":"2023-12-03T12:52:54","modified_gmt":"2023-12-03T11:52:54","slug":"miteinander-sprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/06\/16\/miteinander-sprechen\/","title":{"rendered":"Miteinander sprechen"},"content":{"rendered":"<p>Gestern abend war ich mit meinem lieben Freund und Lebensgef\u00e4hrten zu Besuch bei den Freunden, mit denen wir bald in das kleine Dorf Gottesgabe bei Schwerin ziehen. Es war wie immer sehr umtriebig, drei aufgeweckte Kinder und zwei h\u00e4ufig klingelnde Telefone lie\u00dfen die Zeit wie im Flug vergehen. Dann, daheim vor unserer Haust\u00fcr angekommen, beschlossen wir, noch eine ruhige Stunde bei Wasser und Wein zu verbringen. Doch es sollte nicht sein, kaum hatten wir uns niedergelassen, kamen alte Bekannte und setzen sich zu uns. Sie waren in \u00e4u\u00dferst aufger\u00e4umter Stimmung und redeten wie die Wasserf\u00e4lle, legten los und h\u00f6rten nicht mehr auf. Jeder f\u00fcr sich, oft auch gegeneinander, einander ins Wort fallend, ohne Ende. Ich hatte nicht den Eindruck, da\u00df mit uns gesprochen wird oder gesprochen werden solle &#8211; sie k\u00e4mpften mehr miteinander um die Redezeit, und darum, wer hier oder da Recht hat.<!--more--><\/p>\n<p>So und \u00e4hnlich sind viele &#8218;Gespr\u00e4che&#8216;. Menschen machen die allergr\u00f6\u00dften Anstrengungen, um zu Wort zu kommen, m\u00f6glichst interessante Dinge zu sagen, wunderbare Ideen, Thesen und Argumente zu bringen oder zu widerlegen &#8211; oder sie erz\u00e4hlen und erz\u00e4hlen und erz\u00e4hlen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was das Gegen\u00fcber denn mit dem Thema zu tun haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hab&#8216; ich mich dar\u00fcber ge\u00e4rgert, doch im Grunde nur, weil ich selbst in solchen Situationen nicht genug Redezeit ergatterte, bzw. mich dazu unziemlich anstrengen mu\u00dfte. Heute mu\u00df ich gl\u00fccklicherweise nicht mehr viel reden, wahrscheinlich, weil ich es lange Zeit ausgiebig genug betrieben habe, um s\u00e4mtliche Illusionen und Selbstt\u00e4uschungen \u00fcber irgendeinen m\u00f6glichen &#8222;Sinn&#8220; solcher Abquatschereien zu verlieren. Wenn mich jemand mit einem Redeschwall \u00fcbersch\u00fcttet, stimmt es mich eher traurig und ich bekomme Fluchtgedanken.<\/p>\n<p>Die Fluchtgedanken kommen auf, weil das ganze einen Energieverlust verursacht. Selbst, wenn man es schafft, die eigene Ruhe zu bewahren, so ist gegen die hektische Stimmung und die vielf\u00e4ltig negativen Emotionen kein Kraut gewachsen. Traurig stimmt es mich, weil es so absurd und dazu noch vergeblich ist. Absurd ist die Tatsache, da\u00df der militante Redner eigentlich nichts anderes will, als durch das Viel-Reden wahrgenommen zu werden, Anerkennung und Zuneigung vom anderen zu bekommen. Und er (oder sie) sieht nicht, da\u00df so eher das Gegenteil erreicht wird. Selbst wenn der WAHRE ZUH\u00d6RER zur Verf\u00fcgung steht, v\u00f6llig leer, ganz offen, dem Redner voll zugewandt, bemerkt der in seinem offensiven Output Gefangene ihn nicht. Bemerkt garnichts mehr, nicht das Gegen\u00fcber, nicht die Musik, die Farben und Formen, die anderen Anwesenden, das Kommen und Gehen, das Wetter, die Nacht&#8230;.<\/p>\n<p>Und au\u00dferdem ist es vergeblich. Der Spruch &#8222;geteiltes Leid ist halbes Leid&#8220; ist falsch. Wer andere mit ausufernden Geschichten von der b\u00f6sen Welt und den schlimmen Mitmenschen &#8218;begl\u00fcckt&#8216;, befreit sich selbst kein St\u00fcck davon, zieht nur &#8211; im schlimmeren Fall &#8211; die anderen mit ins psychische Elend.<\/p>\n<h2>Zu bauchhaftig?<\/h2>\n<p>Zum Eintrag vom 15. bekam ich eine Mail, in der die &#8222;Bauchhaftigkeit&#8220; meiner &#8222;Argumentation&#8220; beim Thema Geldmacke ger\u00fcgt wurde. Begriffe wie &#8222;S\u00fcnde&#8220; oder &#8222;Schuldgef\u00fchl&#8220; seien da nicht angebracht. Und weiter:<\/p>\n<p>Genau betrachtet sind diese Regungen doch eine fast instinktive Abwehr des imperialistisch alle Strukturen und Beziehungen zersetzenden Fetischcharakter des Geldes und des damit verbundenen Tauschwertprinzips. Freud hat das noch unter dem Thema &#8222;Das Unbehagen an der Kultur&#8220; subsumiert, inzwischen geht es allerdings viel tiefer. Die Vernichtung traditioneller sozio\u00f6konomischer Strukturen (Stichworte: Zerfall der Familie, Beziehungsunf\u00e4higkeit, Verlust des Subjekts) reduziert die Menschen doch immer st\u00e4rker auf den Besitz ihrer Gegenst\u00e4nde bzw. deren Geldwert, frei nach der Formel: Bist du was, hast du was. Sich diesen Tendenzen zu widersetzen halte ich f\u00fcr \u00fcberaus legitim, was mich in keinster Weise daran hindert an den richtigen Stellen auch richtig Geld zu verlangen.<\/p>\n<p>Gl\u00fcckwunsch! Was aber, lieber Leserbriefschreiber, hat deine &#8222;Argumentationskette&#8220; denn dann eigentlich mit deinem Leben zu tun? Offenbar wenig. Ich nehme mir heraus, in diesem Diary &#8222;bauchig&#8220; zu sein &#8211; im Web darf jede, wie sie will! Ich ARGUMENTIERE auch nicht, sondern erz\u00e4hle, was ich erlebe. Nichts w\u00e4re langweiliger, als auf die Ebene der Argumente zu gehen. Wozu dann noch schreiben? Es ist doch alles &#8211; und immer auch das Gegenteil &#8211; 1000fach gesagt und aufs Beste in tollen Werken bibliothekssicher niedergelegt (siehe &#8222;Unbehagen&#8230;&#8220; und vieles mehr). Wenn ich ein Schuldgef\u00fchl versp\u00fcre, sobald ich einen Stundensatz von z.B. 130,- f\u00fcr meine Arbeit ansetze, dann ist das ein Fakt und kein Argument. Ich mu\u00df nun einmal automatisch daran denken, da\u00df mir meine Arbeit nicht nur dieses Geld bringt, sondern auch noch Freude macht, wogegen allzuviele Menschen langweilige, dreckige oder schwere Arbeiten f\u00fcr weit weniger als ein Zehntel dieses Stundensatzes verrichten m\u00fcssen &#8211; ohne eine Perspektive auf Ver\u00e4nderung. Und bei dieser Wahrnehmung bleibe ich heute einfach stehen, bzw. schau mir noch andere Aspekte eines &#8222;Schuldgef\u00fchls&#8220; an. Es bringt mir nichts mehr, mich vor lebendigen Gef\u00fchlen in politische Bekenntnisse oder auch gewisse spirituelle Lehren zu fl\u00fcchten, einfache Lehren, die auf abstrakter Ebene vordergr\u00fcndig etwas erkl\u00e4ren, jedoch nirgendwohin f\u00fchren. Mit &#8222;dem Fetischcharakter des Geldes&#8220; oder &#8222;der Vernichtung sozio\u00f6konomischer Strukturen&#8220; kann ich in diesem realen Leben einfach garnichts anfangen. Sorry!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern abend war ich mit meinem lieben Freund und Lebensgef\u00e4hrten zu Besuch bei den Freunden, mit denen wir bald in das kleine Dorf Gottesgabe bei Schwerin ziehen. Es war wie immer sehr umtriebig, drei aufgeweckte Kinder und zwei h\u00e4ufig klingelnde Telefone lie\u00dfen die Zeit wie im Flug vergehen. 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