{"id":4031,"date":"1999-06-15T12:48:54","date_gmt":"1999-06-15T10:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4031"},"modified":"2023-12-03T12:50:18","modified_gmt":"2023-12-03T11:50:18","slug":"die-geldmacke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/06\/15\/die-geldmacke\/","title":{"rendered":"Die Geldmacke"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt psychische Macken, die eine ganze Generation mit sich herumschleppt und es dauert eine Weile, bis man bemerkt, da\u00df es sich hier um kein individuelles Problem handelt. Unter den &#8222;Post-68ern&#8220;, zu denen ich geh\u00f6re, ist das zum Beispiel die Haltung zum Geld-Verdienen. Es hat etwas grunds\u00e4tzlich &#8222;s\u00fcndhaftes&#8220; an sich, obwohl der Begriff &#8222;S\u00fcnde&#8220; f\u00fcr diejenigen, die in den 70gern erwachsen wurden, schon immer v\u00f6llig out war.<!--more--><\/p>\n<p>Bei mir machte sich das Problem lange Zeit dadurch bemerkbar, da\u00df ich mich nur bei einer Bezahlung nahe am Sozialhilfesatz wohl f\u00fchlte: am besten eine politisch korrekte Gemeinwesenarbeit, die mit minimaler staatlicher F\u00f6rderung auskommen mu\u00dfte oder &#8211; noch besser! &#8211; von Spenden finanziert wurde. Jahr um Jahr arbeitete ich in den 80gern in solchen &#8222;prek\u00e4ren&#8220; Jobs, in einem Mieterladen, einem Jugendzentrum, bei einer Stadtteilzeitung, sogar mein einj\u00e4hriger Ausflug ins professionelle parteipolitische Leben der fr\u00fchen Berliner Alternativen Liste war nicht besser bezahlt.<\/p>\n<p>Wir fanden das normal, ja, angesagt! Schlie\u00dflich war mit diesen Arbeiten das Gef\u00fchl verbunden, die Menschheit zu retten oder zumindest einen gro\u00dfen Schritt weiter zu bringen. Affenklar, da\u00df &#8222;die Herrschenden&#8220; daf\u00fcr kein Geld ausgeben wollten! Es war Teil unserer Identit\u00e4t, finanziell marginalisiert zu werden &#8211; und das, obwohl sich die Jobs mehr und mehr als veritable Managert\u00e4tigkeiten mit 80-Stunden-Woche darstellten.<\/p>\n<p>Der Ruf nach mehr &#8222;Staatsknete&#8220; zur F\u00f6rderung unserer vielf\u00e4ltigen Kultur- und Kiez-Arbeit erschien den meisten schon als gro\u00dfer S\u00fcndenfall &#8211; doch ganz individuell gesehen war die Karriere beim Staat noch das am wenigsten Anr\u00fcchige, ein sicheres Beamtengehalt oder eine Bezahlung &#8222;analog BAT&#8220; gerade noch psychisch zu verkraften &#8211; und letztlich auch ganz gem\u00fctlich!<\/p>\n<p>Privatwirtschaft? Unternehmertum? Selbst\u00e4ndig arbeiten und seinen Preis am Markt durchsetzen? Igittigitt! Sowas lag f\u00fcr uns in weiter Ferne, das &#8222;Reich der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen&#8220; war ja gerade das \u00dcbel, gegen das die etwas fr\u00fcher geborenen, unsere bewunderten &#8222;richtig politischen&#8220; \u00e4lteren Br\u00fcder, Schwestern und Freunde so vehement angetreten waren! Wir f\u00fchlten uns als die besseren Menschen, wenn wir wenig oder garnichts verdienten und sahen auf diejenigen herab, denen Konto, Konsum, Sicherheiten und materieller Wohlstand wichtig waren.<\/p>\n<p>Seit 1997 arbeite ich nun selbst\u00e4ndig, nat\u00fcrlich im Netz, wo der &#8222;Geist des Kostenlosen&#8220; noch eine gewisse anheimelnde Wirkung entfaltet. Wer bereit ist, erstmal viel zu lernen und zu leisten, ohne darauf zu sehen, ob &#8222;sich das auch rechnet&#8220;, hat durchaus Vorteile. Existenzgr\u00fcnderkredite? F\u00f6rderantr\u00e4ge? Bank-Verhandlungen? Um Himmels willen, nur um den eigenen Arbeitseinsatz vom ersten Tag an als &#8222;bezahlt&#8220; zu erleben, w\u00fcrden wir uns doch nicht in solche Abh\u00e4ngigkeiten begeben! Und w\u00e4rend andere noch Berge von Formularen ausf\u00fcllen, an ihren Business-Pl\u00e4nen feilen und ihre Berater reich machen, blicken wir schon auf eine Reihe erfolgreicher Projekte und Auftr\u00e4ge zur\u00fcck &#8211; und verdienen sogar richtig Geld!<\/p>\n<p>Damit mu\u00dfte ich erstmal zurecht kommen. Ein Angebot abzugeben und die eigene Leistung mit NORMALEN Preisen zu versehen, ist noch heute f\u00fcr mich kein Spaziergang. Gl\u00fccklicherweise ist das s\u00fcndhafte Gef\u00fchl mit einiger \u00dcbung zur\u00fcckgegangen, doch noch immer halte ich mich in meinen Angeboten unterhalb dessen auf, was f\u00fcr meine mittlerweile angesammelte Erfahrung, Praxis und Kreativit\u00e4t korrekt w\u00e4re. So, wie ich mich auf meine Auftr\u00e4ge einlasse, die nie nur &#8222;Brotarbeit&#8220; sind, sollte ich das Honorar eher am oberen Ende der Preisskala ansetzen &#8211; sag ich mir immer wieder, wenn wieder mal ein Angebot dran ist, ein Angebot, das ich heute von einer Basis aus mache, die den jeweiligen Auftrag nicht mehr unbedingt zum Leben braucht. Und trotzdem, ich bin immer noch zu preiswert! Ich bekomme Mitgef\u00fchl mit dem Auftraggeber, den ich garnicht kenne, mir aber immer als einen vorstelle, dem jede ausgegebene Mark weh tut. Ob sich das je \u00e4ndern wird? Vielleicht sollte ich einen Agenten nehmen, der f\u00fcr mich verhandelt..:-)<\/p>\n<p>Um so sch\u00f6ner ist es, ab und zu jemanden zu treffen, der mitbekommt, was Sache ist und meine tendenzielle Selbstausbeutung von sich aus korrigiert. So hat mir gerade jemand nach Durchsicht meines Angebots eine PR\u00c4MIE ausgesetzt, wenn das Projekt termingerecht fertig wird. Und vor kurzem bekam ich zus\u00e4tzlich zum Honorar eine Einladung zu einem Seminar, das mehr kostet, als das ganze Webprojekt, um das es ging. Alles Leute aus meiner Generation, versteht sich. So gef\u00e4llt es mir! Sogar besser, als wenn von vornherein &#8222;bis an die Schmerzgrenze&#8220; verhandelt w\u00fcrde &#8211; das werd&#8216; ich wohl in diesem Leben kaum mehr lernen. Und vielleicht ist das ja gut so.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt psychische Macken, die eine ganze Generation mit sich herumschleppt und es dauert eine Weile, bis man bemerkt, da\u00df es sich hier um kein individuelles Problem handelt. Unter den &#8222;Post-68ern&#8220;, zu denen ich geh\u00f6re, ist das zum Beispiel die Haltung zum Geld-Verdienen. 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