{"id":4030,"date":"1999-06-06T12:44:35","date_gmt":"1999-06-06T10:44:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=4030"},"modified":"2023-12-03T12:48:44","modified_gmt":"2023-12-03T11:48:44","slug":"wie-schoen-wenn-mensch-mal-fehlt-rueckfall-in-die-sucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/1999\/06\/06\/wie-schoen-wenn-mensch-mal-fehlt-rueckfall-in-die-sucht\/","title":{"rendered":"Wie sch\u00f6n, wenn MENSCH mal fehlt \/ R\u00fcckfall in die Sucht"},"content":{"rendered":"<p>Heute, am hellichten Sonntagmorgen, bin ich um kurz nach sieben rausgegangen, um mir eine Zeitung und Zigaretten zu holen. Wie still das war! Wie leer! Freie Stra\u00dfen, kein Mensch weit und breit, ein bi\u00dfchen Vogelgezwischer, sonst nichts. Und das in der geographischen Mitte Berlins, der Metropole, mit der man st\u00e4ndige Bewegung, L\u00e4rm, Buntheit und vielf\u00e4ltiges Leben assoziiert. Ja, das Wetter ist heute nicht besonders, der Himmel ist bedeckt und sieht nach Regenschauern aus &#8211; das schreckt sogar die fr\u00f6hlichen Fr\u00fchspazierg\u00e4nger ab.<!--more--><\/p>\n<p>Ich lief durch die Stra\u00dfen und geno\u00df die Ruhe und Frische, die Abwesenheit alles Sozialen. Wie sch\u00f6n, wenn MENSCH mal fehlt! Normalerweise sucht man im Raum nach Ruhe, reist in entlegene ruhige Ecken f\u00fcr ein paar Tage der Erholung &#8211; hier hatte ich auf einmal die Ruhe in der Zeit gefunden. Trotz aller Individualisierung, trotz der Aufhebung so vieler Regeln und Traditionen gibt es noch diese Rythmen: Nacht, Tag, schlechtes Wetter, Sonntag&#8230; Und sie gestatten es, den leeren Raum am selben Ort zu finden, an dem Nachmittags der B\u00e4r tobt!<\/p>\n<h2>Sucht &#8211; meine unendliche Geschichte&#8230;.<\/h2>\n<p>Als ich dann bei Kaffee und erster Zigarette die Mail abrief, mu\u00dfte ich feststellen, da\u00df mein \u00fcber ein Jahr altes &#8222;Nichtrauchertagebuch&#8220; bei GMX als Toplink erw\u00e4hnt ist. Nun schreiben mich wieder viele nette Menschen an und verwickeln mich in ihre aktuelle Rauchproblematik. Normalerweise antworte ich auf solche Mails nicht. Ich hatte mich damals entschieden, das Nichtrauchertagebuch im Netz zu lassen, obwohl ich einige Monate nach Abschlu\u00df wieder mit der alten Sucht begonnen hatte, dumm und unbelehrbar, wie ich nunmal bin. Ich lie\u00df es stehen, weil es offenbar einigen Leuten n\u00fctzte bei ihrem eigenen Versuch, das Rauchen zu lassen. Es hatte, sozusagen als netzliterarisches Werk, eine Eigendynamik entwickelt, die ich nicht gewaltsam beenden wollte.<\/p>\n<p>Meine Freunde und Online-Bekannten wissen nat\u00fcrlich, da\u00df ich wieder &#8222;unter der Nikotinbestie&#8220; lebe. Doch auf die Mails, die mich aufgrund des Nichtrauchertagebuchs erreichten, antwortete ich nur selten, es w\u00e4re ja auch bl\u00f6d, einer textlichen Motivation ein ebenso textliche Demotivation folgen zu lassen. Manche Leute schrieben auch w\u00f6rtlich: <b>bitte sage mir nicht, da\u00df Du wieder rauchst!<\/b> &#8211; nun gut, ich lie\u00df es bleiben.<\/p>\n<p>Aber jetzt, wo die Mails ein bi\u00dfchen viel werden, setze ich doch einen Link zu <b>diesem<\/b> Tagebuch-Eintrag. Ich eigne mich nicht als Vorbild und Heilige der Suchtbek\u00e4mpfung, im Gegenteil. Allenfalls kann ich \u00fcber meine jeweilige Verfassung, meine Versuche, Erfolge und Mi\u00dferfolge schreiben &#8211; und vielleicht, je nachdem, was die aktuellen Leser von &#8218;Power of Now&#8216; nun f\u00fcr richtig finden, werde ich das Nichtrauchertagebuch l\u00f6schen.<\/p>\n<p>Als ich einige Zeit nach Beendigung des Nichtrauchertagebuchs wieder zu rauchen anfing, war das die \u00fcbliche Dummheit der S\u00fcchtigen:<i> Da war doch mal ein Lusterlebnis, probier doch mal, ob es noch eines ist&#8230;.<\/i> Hinzu kam, da\u00df ich gewaltig zugenommen hatte, ganz ohne sp\u00fcrbar mehr zu essen. Ich f\u00fchlte mich zunehmend unwohl in meinem K\u00f6rper. Zwar war die Lunge echt erholt, aber die zus\u00e4tzlichen Kilos machten mir wirklich zu schaffen. Und das untergrub so langsam meine Anti-Rauch-Motivation. Ich erkannte, da\u00df mein Leben, wie es ist, das im wesentlichen sitzende Leben vor dem Monitor, nicht so einfach durch Weglassen einer Droge zu gesunden ist. Die Sucht geht lediglich auf andere Stoffe \u00fcber &#8211; oder wird sogar stofflos, z.B. indem man ein Workaholic wird. Ich h\u00e4tte dagegen weitere Disziplin setzen m\u00fcssen: auch das Essen problematisieren wie vorher das Rauchen, regelm\u00e4\u00dfig Sport treiben, absichtlich den Ausgleich veranstalten, Fitne\u00dfzentrum, Joggen, Massage, Sauna &#8211; doch dazu war und bin ich nicht bereit. So sehr will ich einfach nicht um meine Befindlichkeit kreisen, das langweilt mich und ich konnte noch nie viel Energie in Dinge stecken, die mich langweilen.<\/p>\n<p>Allerdings hat das Ganze doch eine Folge: als ich der Nikotibestie wieder verfallen und mir \u00fcber all dies klarer geworden war, nahm ich den Wunsch, die Stadt zu verlassen, zum ersten Mal ernst. Vom Computer aufstehen und einen Schritt in den Wald gehen, einen Garten pflegen, zu Fu\u00df die D\u00f6rfer in der Umgebung erkunden &#8211; DAS sind Aktivit\u00e4ten, die ich mir schon lange w\u00fcnsche. Ich hoffe, sie werden mich nicht nur gl\u00fccklicher machen (eigentlich bin ich ja gl\u00fccklich genug!), sondern mir den k\u00f6rperlichen Ausgleich bringen, der es mir gestattet, das bl\u00f6dsinnige Saugen am Glimmstengel wieder sein zu lassen.<\/p>\n<p>Ich freu mich schon sehr auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gottesgabe_(bei_Schwerin)\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Gottesgabe<\/a>, wo ich in drei Wochen hinziehe! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute, am hellichten Sonntagmorgen, bin ich um kurz nach sieben rausgegangen, um mir eine Zeitung und Zigaretten zu holen. Wie still das war! Wie leer! Freie Stra\u00dfen, kein Mensch weit und breit, ein bi\u00dfchen Vogelgezwischer, sonst nichts. 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